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Über Menschen

Über Menschen

Roman

Info

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht.

Juli Zehs neuer Roman erzählt von unserer unmittelbaren Gegenwart, von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten, und er erzählt von unseren Stärken, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns trauen, Menschen zu sein.

Hörprobe

Pressestimmen

»Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.«
Denis Scheck / SWR Fernsehen lesenswert, 250100.03.2021
»Mitten ins Herz der deutschen Überforderung schießt Juli Zehs neues Werk: mit viel Witz und Mitgefühl und auch mit einer großen Portion Hoffnung auf eine versöhnlichere Gesellschaft.«
Felicitas Twickel / ZDF aspekte, 190100.03.2021
»Der erste echte Corona-Roman, der mitten im Lockdown im Frühjahr 2020 spielt und subtil die gesellschaftlichen und ganz privaten Folgen der Pandemie beschreibt.«
Jörg Magenau / Süddeutsche Zeitung, 220100.03.2021
»Unaufgeregt und trotzdem politisch pointiert zeichnet sie das Porträt eines Dorfes mit aussterbender Infrastruktur, prekären Biografien, rechter Gesinnung.«
Stephanie Metzger / Bayern2, 220100.03.2021
»Juli Zeh ist mit ›Über Menschen‹ ein großer Wurf gelungen. Der Roman packt und macht es sich und seinem Publikum nicht einfach.«
Nadine Kreuzahler / rbb Inforadio, 220100.03.2021
»›Über Menschen‹ blickt unter die Oberfläche von Ideologien und Gesinnungen.«
Stefan Kister / Stuttgarter Zeitung, 220100.03.2021
»Juli Zeh erzählt gewandt, findig und szenisch spannend von einer postheroischen Figur, mit Arbeits- statt Angstschweiß, zwischen Durchhalten und Durchhangeln.«
Michael Braun / Kölner Stadt-Anzeiger, 230100.03.2021
»Ein versöhnlicher Roman, der nichts Böses verschweigt, aber demonstriert, dass die Welt, weniger ideologisch betrachtet, ein bisschen menschlicher sein könnte.«
Jörg Magenau / Deutschlandfunk Kultur, 200100.03.2021
»›Über Menschen‹ ist das Buch der Stunde gerade zu Corona-Zeiten, wo sich so vieles klärt und beschleunigt, samt Abstürzen, Einsamkeit, heilsgewissen Hassausbrüchen.«
Jutta Duhm-Heitzmann / WDR 3, 220100.03.2021
»Ich würde das wahnsinnig gerne Allen zum Lesen empfehlen, um mal diese ganzen Mauern einzureißen, die irgendwie zwischen den verschiedenen Gruppen existieren.«
Frank Dietschreit / rbb Kultur, 190100.03.2021

Leserstimmen

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(Durchschnittliche Bewertung / 80 Kundenrezensionen)
Marie , 18. September 2021
Leseempfehlung für alle!!
INSGESAMT: 4,5/5 Sterne

Dieses Buch war auf eine so schön erfrischende Art gesellschaftskritisch. Nicht die Art, die oben drauf haut, Schuldige sucht (und findet) und alle und alles tadelt, sondern diejenige, bei der der Fokus nicht auf „Kritik“, sondern auf „Gesellschaft“ liegt, auf den Menschen selbst - auf denjenigen, die sich für Übermenschen halten.

Der Beginn des Romans ist ruhig, ein bisschen langatmig, es wird oft zwischen verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit und der Gegenart hin- und her gesprungen, ohne tatsächlich Zeiten zu beziffern oder Anhaltspunkte zu liefern, was manchmal schwer zu verfolgen war. Dennoch liefert die Geschichte viele lebensnahe und aktuelle Themen, es werden gegenwärtige Probleme angesprochen, allen anderen voran der Beginn der Corona-Pandemie, während dem die Geschichte spielt. Es war wirklich interessant und lustig, die ganzen Gefühle und Gedanken des ersten Lockdowns so in verschriftlichter Form vor sich zu haben, insbesondere aus heutiger Sicht, in der das alles irgendwie schon wieder anders ist - nur leider noch lange nicht vorbei.
In den Schreibstil muss man erst einmal herein finden, er ist grammatikalisch sehr simpel, allerdings durch die eloquente Wortwahl dennoch unfassbar ausdrucksstark und oftmals bedeutungsschwer. Vor allem gegen Ende schafft Juli Zeh es durch die aufgeworfenen Fragen und Gedanken trotzdem, einen zu Tränen zu rühren.

Während es in den ersten 2/3 hauptsächlich um politisch heiß diskutierte Themen geht, wird es danach immer persönlicher, was mich ziemlich unerwartet getroffen hat und mehr berührt hat, als zu Beginn gedacht. Um ehrlich zu sein, zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, welche Message dieses Buch denn jetzt eigentlich verbreiten möchte, bis ich gemerkt habe, dass genau das eine der vielen getroffenen Aussage ist: Es muss nicht immer eine eindeutige Message geben, Unklarheit ist auch mal in Ordnung. Man muss nicht immer eine Seite wählen, es ist nicht alles nur Schwarz/Weiß, absolute Aussagen sollten hinterfragt werden.
Dies hat sich auch in der Hauptprotagonistin Dora widergespiegelt, die unentschlossen war, sich in dem Chaos verloren gefühlt hat und sich von Anfang an schwer getan hat, zu wissen, was sie jetzt eigentlich denken, sagen und machen soll. An vielen Stellen der Geschichte konnte ich mich sehr gut mit ihr identifizieren und habe es als entspannt empfunden, nicht zu einer konkreten Meinungsbildung gezwungen zu werden.
Man begegnet in diesem Buch vielen verschiedenen Menschentypen und Sichtweisen, bei denen gezeigt wird, dass Vorurteile nicht immer stimmen müssen - es aber durchaus auch mal können. Man lernt, dass eines nicht immer das andere ausschließt, es immer mehrere Perspektiven und Erklärungen gibt und Menschen nicht in Schubladen gesteckt werden können. Ich war ständig hin- und her gerissen, was ich von dem ganzen Passierten halten soll, die Nebencharaktere waren irgendwie schwer einzuschätzen, weil sie einfach nicht in die „üblichen“ Muster gepasst haben, die man (leider) immer im Kopf hat - was dann direkt zur nächsten Selbstreflexion führt.
Auch hier gilt nun mal, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren kann, auch nicht diejenigen, die vermeintlich alle in die eine (zu) große Nazi-Schublade passen.
Der Roman gipfelt schließlich in der Frage, ob man als Nicht-Nazi denn nun tatsächlich ein Übermensch sei, automatisch besser als alle anderen. Und ob man dadurch ausnahmslos allen Nazis wirklich den erbarmungslosen Tod wünschen würde.
tinaliestvor, 04. September 2021
Ein Blick in den eigenen Spiegel
Dora muss raus. Raus aus Berlin und raus aus ihrer verstockten Beziehung zu Robert. Robert hat zu Greta gefunden und nachdem ihm hier die Puste ausgeht, kommt Corona als sein neues Thema gerade recht.

Dora kann ihren Job als Marketing-Expertin selbstverständlich im Homeoffice erledigen, aber Mitte Berlin, anfangs noch interessant und spannend, wird es mit Robert zum reinsten Hindernislauf.

Kurzentschlossen kauft Dora heimlich in Bracken ein Häuschen auf dem Land.

Mit dem Mietwagen geht es inklusive Jochen, der Hündin, ab ins Grüne.

Wo sich Fuchs und Hase noch in ihrer natürlichen Umgebung gute Nacht sagen, lebt Dora den reinsten Minimalismus. Ohne Möbel kommt Dora klar und kann ihre laufenden Projekte in der Agentur endlich in Ruhe und in ihrem Rhythmus fertigstellen.

Eingewöhnt beginnt Dora ein neues Projekt. Der verwilderte Garten braucht ihre Aufmerksamkeit und der erste Nachbar zeigt ihr nach einiger Plackerei mit großem Gerät, wie es richtig geht.

Der Nachbar Grote entpuppt sich als Nazi und Menschenfreund. Dora findet, egal wo hin sie in Bracken sieht, Zwiespalt. Als Franzi, die Tochter von Grote, von ihrer nach Berlin geflüchteten Mutter im Bauwagen abgeladen wird, entsteht aus ferner Nachbarschaft ein Hauch von Freundschaft.

In „Über Menschen“ kommt man nicht umhin, sich irgendwie selbst wiederzufinden. Kleinkarierte Dorfbevölkerung trifft auf junge weltverbessernde Städterin, kann das gut gehen? Dora beweist im Laufe der Zeit, dass sie großzügig über ihren eigenen Schatten springen kann. Sie fängt an, die Menschen zu hinterfragen und findet so endlich zu sich selbst.

Ein Roman, nicht mehr als ein Blick in den Spiegel! Ob Dörfler, ob Städter, Corona-Leugner oder notorischer Weltverbesserer – mit offenen Augen und Ohren findet man seinen Sinn im Leben.

Mit wachem Blick auf Fake-News, verdrehten Wahrheiten und hartnäckigem Hinterfragen schafft man es heute, den Überblick über uns selbst nicht zu verlieren und auch mal ein wenig Abstand zum Trend der Selbstoptimierung zu finden.
tinaliestvor, 04. September 2021
Ein Blick in den Spiegel
Dora muss raus. Raus aus Berlin und raus aus ihrer verstockten Beziehung zu Robert. Robert hat zu Greta gefunden und nachdem ihm hier die Puste ausgeht, kommt Corona als sein neues Thema gerade recht.

Dora kann ihren Job als Marketing-Expertin selbstverständlich im Homeoffice erledigen, aber Mitte Berlin, anfangs noch interessant und spannend, wird es mit Robert zum reinsten Hindernislauf.

Kurzentschlossen kauft Dora heimlich in Bracken ein Häuschen auf dem Land.

Mit dem Mietwagen geht es inklusive Jochen, der Hündin, ab ins Grüne.

Wo sich Fuchs und Hase noch in ihrer natürlichen Umgebung gute Nacht sagen, lebt Dora den reinsten Minimalismus. Ohne Möbel kommt Dora klar und kann ihre laufenden Projekte in der Agentur endlich in Ruhe und in ihrem Rhythmus fertigstellen.

Eingewöhnt beginnt Dora ein neues Projekt. Der verwilderte Garten braucht ihre Aufmerksamkeit und der erste Nachbar zeigt ihr nach einiger Plackerei mit großem Gerät, wie es richtig geht.

Der Nachbar Grote entpuppt sich als Nazi und Menschenfreund. Dora findet, egal wo hin sie in Bracken sieht, Zwiespalt. Als Franzi, die Tochter von Grote, von ihrer nach Berlin geflüchteten Mutter im Bauwagen abgeladen wird, entsteht aus ferner Nachbarschaft ein Hauch von Freundschaft.

In „Über Menschen“ kommt man nicht umhin, sich irgendwie selbst wiederzufinden. Kleinkarierte Dorfbevölkerung trifft auf junge weltverbessernde Städterin, kann das gut gehen? Dora beweist im Laufe der Zeit, dass sie großzügig über ihren eigenen Schatten springen kann. Sie fängt an, die Menschen zu hinterfragen und findet so endlich zu sich selbst.

Ein Roman, nicht mehr als ein Blick in den Spiegel! Ob Dörfler, ob Städter, Corona-Leugner oder notorischer Weltverbesserer – mit offenen Augen und Ohren findet man seinen Sinn im Leben.

Mit wachem Blick auf Fake-News, verdrehten Wahrheiten und hartnäckigem Hinterfragen schafft man es heute, den Überblick über uns selbst nicht zu verlieren und auch mal ein wenig Abstand zum Trend der Selbstoptimierung zu finden.
HEIDIZ, 29. August 2021
Erstklassiger Gegenwartsroman
Nach "Unter Leuten" gibt es jetzt von Juli Zeh "Über Menschen" zu lesen. Ein Gegenwartsroman, der in die Tiefe geht. Auch Corona spielt darin eine Rolle. Sehr gut geschrieben, sehr lebendige Charaktere beinhaltend und eine Geschichte, die spannend ist und zu Herzen geht.

Wir lernen Dora kennen, die mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen ist. Ein Tapetenwechsel war geplant - war nötig, sie wollte für sich mehr Freiheit und Raum zum Atmen schaffen. Sie geht also in das idyllische Dörfchen Bracken, im brandenburgischen befindlich. Im Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten ist unaufgeräumt, und mit dem Bus in die Kreisstadt zu kommen, gleicht einem schier unmöglichen Unterfangen. Der Nachbar - dargestellt als kahlrasierter Kopf und rechtem Hintergrund sprüht nur so von Vorurteilen. Es ist die Zeit des Lockdowns. Dora möchte raus aus der Großstadt - aber diese Leere im Nirgendwo, ist es das, was sie finden wollte ??? Auch der Abstand von Robert, ihrem Freund, dem Klimaaktivisten ist ein Thema, er wir ihr immer fremder. Wir lernen in dieser Geschichte ein Welt kennen, Doras Welt oder die Welt allgemein, die komplett aus den Fugen geraten ist. Dora versucht mit sich klarzukommen, und in ihrer Umgebung passieren gleichzeitig Dinge, mit denen sie nicht gerechnet hat. Wir lernen ganz unterschiedliche Menschen, die mit dieser neuen Situation alle versuchen, irgendwie, aber anders zurechtzukommen. Schwächen, Ängste, aber auch Stärken sind uns Menschen eigen - davon liest man in diesem Roman.
Psychologisch sehr interessant - überhaupt sehr interessant geschrieben - spannend, fesselnd zu lesen - einmalig und rundherum gelungen !!!

Absolute Leseempfehlung !!!
Jana. Jordan, 10. August 2021
Aktuell und doch zeitlos
April 2020. Dora steht mit einem rostigen Spaten auf dem Flurstück, welches zu dem alten Gutsverwalterhaus gehört, und gräbt um. Irgendwann soll aus der von Brombeeren und Ahornschösslingen überwucherten Fläche ein Garten werden.

Sie ist aufs Land geflohen, nachdem ihr in Berlin alles über den Kopf gewachsen war. Vor allem das Zusammenleben mit Robert war unerträglich geworden. Sie mochte sich nicht länger seinem übereifrigen Reglementierungszwang unterwerfen. Robert, der zum Klimaschützer-Guru avanciert ist, der enthusiastisch seinen Lebensstil ändert, immer bestrebt, nicht nur den eigenen, sondern auch den ´CO2-Fußabdruck seiner Mitmenschen zu reduzieren, aber zu einer Demo mit Greta Thunberg auch mal fliegt. Robert, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt und Zweifel nicht duldet. Der schon ein „Aber“ als Rebellion gegen die Vernunft wertet.

Dora sind absolute Wahrheiten suspekt. Sie beharrt auf ihrem Recht, zu zweifeln und nachzufragen. „Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“ (Seite 21) Es wird immer schwieriger, mit Robert ein normales Gespräch zu führen. Dora empfindet das Zusammenleben mit ihm als anstrengend. Sie lachen kaum noch miteinander.

„Dann kam Corona, und Robert entdeckte seine wahre Berufung.“ (Seite 23) Als er versucht, Dora die Spaziergänge mit ihrer Hündin zu verbieten, ist für sie die Grenze erreicht. Sie packt ihre Sachen.

Das alte Gutshaus in Bracken in der Priegnitz ist ihr Rettungsanker, ihre Auszeit von all den Problemen, glaubt sie, und muss doch bald feststellen, dass auch ihre Wahrheiten auf den Prüfstand gestellt werden. In einem 200-Seelen-Dorf kann sich keiner in seiner Filterblase verstecken, man muss mit den Nachbarn auskommen. „In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben.“ (Seite 128) Im konkreten Fall ist das Gote „Ich bin hier der Dorfnazi.“ (Seite 45), der ihr ungefragt ein Bett baut und Stühle schenkt. Gegenüber wohnt Herr Heinrich, der im Dorf Heini genannt wird und ungeniert Ausländerwitze reißt. Der Doras Flurstück mit der Motorsense in Nullkommanichts von jungen Bäumen befreit. Oder Tom und Steffen, die als Paar zusammenleben und in ihrer Firma portugiesische Studenten (O-Ton Heini: Pflanzkanacken) beschäftigen. Sie mussten sich immer mal wieder mit Gote auseinandersetzen, der lautstark vor ihrem Haus grölt und Drohungen ausstößt. Tom wählt AFD. „Die da oben behandeln uns doch wie Idioten.“ (Seite 127)

Stoff genug zum Nachdenken für Dora, die in Berlin immer unter Menschen gleicher oder ähnlicher Gesinnung war. Sie stellt fest, dass auch sie zu Schwarz-Weiß-Denken neigt, und auch, dass ihre Rassismus-Starre angesichts fremdenfeindlicher Witze kein Problem löst. Sehr sympathisch sind ihre Ansätze der Selbstanalyse, ihre Zweifel und Entdeckungen.

Die für mich wichtigste Erkenntnis kommt in einem der letzten Kapitel.

„Aber dann fallen ihr nur zwei Sätze ein, und die schreit sie heraus: ‚Und ob ich was Besseres bin! Hundertmal besser als du!‘ Gote reagiert nicht, dafür wird Dora etwas klar. Die Worte klingen richtig und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. ‚Und ob ich besser bin.‘ Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“ (Seite 367)

Ich nicke weise und gleichzeitig fühle ich mich ertappt. Es ist dieser Satz, der verhindert, dass wir andere Lebensarten, Herangehensweisen, Vorstellungen akzeptieren und aushalten. Es ist das Dilemma vor allem derer, die alles richtig machen wollen.

Juli Zehs Buch ist der Gegenentwurf zu Polarisierung und Besserwissertum. Eine Ermutigung. Die Menschheit als „Existenzgemeinschaft“. Einfach so. Ob das geht? Man kann es ja probieren.
Buch_zeit, 28. Juli 2021
"Über Menschen"– Ein aktueller, facettenreicher und tiefgründiger Roman!
Juli Zeh nimmt uns in ihrem 416-seitigen Roman „Über Menschen“, erschienen am 22.03.2021, mit in die Zeit des ersten Corona-Lockdowns im Frühling 2020 und von Berlin ins kleine Straßendorf Bracken, in der tiefsten brandenburgischen Provinz, und erforscht dabei tiefgründig Klischees, aktuelle gesellschaftsrelevante Themen und die menschliche Natur. Vielen lieben Dank @bloggerportal und @luchterhand_verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar!

Dora zieht mit „Jochen dem Rochen“ (einfach nur genial!), ihrer kleinen Hündin, ins brandenburgische Nirgendwo, wo sie ein stark renovierungsbedürftiges, unmöbliertes altes Gutsverwalterhaus mit verwildertem Garten gekauft hat. Sie sucht ländliche Idylle, Freiheit, Raum zum Atmen und ein Ausbrechen aus ihrem konformistischen Großstadtleben. Berlin im ersten Lockdown der Pandemie mit seinen leergefegten Straßen, die sich spaltende Gesellschaft zwischen Panik und Leugnung, die scheiternde Beziehung zu ihrem verbissenen Freund Robert, innerer Unruhe und Unzufriedenheit lassen sie aufs Land fliehen. Sie findet mentalen und physischen Abstand, wird jedoch auch mit Herausforderungen konfrontiert, wie der extrem sporadischen Busverbindung in die nächste Kreisstadt und finanziellen Problemen. Zudem scheint Bracken jedes Klischee der ostdeutschen Provinz zu bedienen, wie Rechtsradikale mit kahlrasierten Köpfen, die Nazi-Lieder grölen, Alltagsrassismus par excellence, AfD-Wähler und platin-blond gefärbte Dorftussis. Doch je heimischer Dora wird, desto schwieriger wird es scharf zwischen Gut und Böse zu trennen. Die Menschen passen nicht in eindimensionale Raster basierend auf ihren politischen Ansichten, sei es der schwule AfD-Wähler, der hilfsbereite Nachbar R2-D2 und vor allem Gote, der von sich selbst als „Dorf-Nazi“ bezeichnete direkte Nachbar, der Dora hilft, den Alltag zu bewältigen und ihr Anker wird.
Sowohl Dora als auch wir als Leser müssen uns von unserem Schubladendenken verabschieden und unsere Moralvorstellungen werden massiv herausgefordert. Letztlich stellt sich die Frage: Können Nazis trotzdem gute Menschen sein?
Und gerade dieses Trotzdem macht den Reiz aus und regt zum kritischen Betrachten ein, denn wie kritisch zu sehen auch die politischen Ansichten sein mögen, so sind sie doch immer nur ein Teilaspekt der mannigfaltigen Charakterzüge und Gedanken eines Menschen.

„Über Menschen“ ist ein unglaublich treffend gewählter Titel, denn in diesem kritischen, reflektierenden und bewegenden Gesellschaftsroman geht es vorrangig um menschliche Charaktere, ihre Vielschichtigkeit, ihre Ängste, Schwächen und Befangenheiten, aber auch um ihre Stärken. Juli Zeh zeichnet ihre Charaktere mit scharfem Blick, höchst präzise und authentisch vielschichtig. Klischees werden im Spannungsfeld Toleranz und Akzeptanz ausgelotet, Grenzen verschwimmen. Ich war von Juli Zehs Wortwitz, scharfsinniger Beobachtungsgabe und bildhafter Beschreibung begeistert, schon angefangen bei den Spitznamen, von „Jochen dem Rochen“ über „R2-D2“ oder dem Fahrrad „Gustav“. Bracken und seine Einwohner sind mir sehr plastisch vor meinem geistigen Auge erschienen! Sie lotet zudem die Gefühlswelt der deutschen Gesellschaft im Pandemiemodus sehr nuanciert und differenziert aus, in all ihren Extremen und trüben Zwischenausprägungen.
Ich bin begeistert von diesem augenöffnenden, spannenden und facettenreichen Roman, der tiefgründige gesellschaftsrelevante Themen und aktuelle Fragen aufgreift! „Über Menschen“ war mein erster, aber sicherlich nicht mein letzter Roman von Juli Zeh! Eine große Leseempfehlung von mir!

Frederike Köhl, 21. Juli 2021
Über Menschen von Juli Zeh: Können Nazis gute Menschen sein?
Dora muss raus aus Berlin. Der Corona-Alltag, eine scheiternde Beziehung und das Hamsterrad des Kapitalismus haben sie fest im Griff und nehmen ihr die Luft zum Atmen. Ein renovierungsbedürftiges Haus in Bracken, einem kleinen Dorf in Brandenburg, soll ihr den nötigen Fluchtpunkt bieten. Selbst Gemüse anbauen, abschalten und in die ländliche Idylle horchen – halt einen klischeehaften Traum einer gestressten Großstädterin leben. Doch so einfach ist das nicht mit dem Abschalten, denn in Bracken will sich nichts so richtig zuordnen lassen. Ein Nazi kann hilfsbereit sein? Ein Schwuler wählt die AfD? Die Grenzen zwischen Gut und Böse scheinen nicht so leicht zu ziehen zu sein wie Dora einst dachte.

Lesenswert?

Juli Zeh ist hier ein weiterer kritischer und bewegender Gesellschaftsroman gelungen. Kaum eine Autorin hat einen derart scharfen Blick auf ihr Umfeld und benennt Schwächen in vermeintlich politisch korrekten Einstellungen so präzise. In Über Menschen porträtiert sie die deutsche Gesellschaft im Krisenmodus, den scheinbar einige fanatische Gutmenschen sich sehnlichst herbeiersehnt haben.

Insbesondere wird in diesem Roman deutlich, dass political correctness scheinbar ein Luxusgut ist. So ist es doch viel leichter, sich für Umweltschutz und Pandemiemaßnahmen und gegen Rassismus klar und deutlich auszusprechen, wenn man mit den Problemen, die diese Überzeugungen mit sich bringen, nicht konfrontiert wird. Natürlich sieht man nur die Vorteile in Biolebensmitteln und Leinenbeutel, wenn man selbst kein Landwirt ist, der daran fast bankrottgeht. Auch mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln lässt es sich in einer Großstadt wunderbar vorankommen. Doch lebt man in Bracken, merkt man schnell, dass ohne eine taugliche Infrastruktur der Verzicht auf ein Auto undenkbar ist. Auch Corona-Maßnahmen sind absolut nachvollziehbar, wenn die eigene Existenz davon nicht abhängt.

Der Roman lässt sich wunderbar lesen und ist an vielen Stellen augenöffnend. Man erwischt sich selbst doch immer wieder dabei, ein bisschen Robert in sich zu tragen, dann aber auch den Brackener Dorfbewohner. Und auf den letzten Seiten bleibt man orientierungslos zurück und stellt fest, dass Dorfnazis komischerweise auch gute Menschen sein können und dass das Gute und Böse häufig so dicht beieinander liegen kann.
Buchheldin, 26. Juni 2021
Ruhige Analyse der aktuellen Lage der Nation
Von außen betrachtet scheint Doras Leben gar nicht so schlecht zu sein. Sie hat eine langjährige Beziehung mit Robert, einen festen Job in einer Marketingagentur und eine süße Hündin. Als sie es jedoch zuhause aufgrund von Meinungsverschiedenheiten nicht mehr mit Robert aushält, zieht sie mit ihrer Hündin, die auf den Namen Jochen-der-Rochen hört, aufs Land. Hier lernt sie Gote kennen, der sich selbst als „Dorf-Nazi“ bezeichnet. Eigentlich möchte sie nichts mit ihm zu tun haben, aber er ist ihr Nachbar und der Kontakt ergibt sich wie von selbst.

Schwierig. Das war mein erster Eindruck von Juli Zehs neuem Roman. Ich habe bisher noch nie ein Buch von ihr gelesen, aber oft schon von dem beeindruckenden Schreibstil gehört. „Über Menschen“ ist eine Analyse unserer Gegenwart. Zeh schreibt über die Corona-Pandemie, über rechtspopulistische Politik und Alltagsrassismus. Sie schreibt über die Einsamkeit, die in jedem von uns steckt und über das Richtig oder Falsch, über das wir tagtäglich urteilen müssen. „Über Menschen“ ist eine leise Geschichte. Sie ist nicht darauf ausgelegt, besonders handlungsreich oder spannend zu sein, um genau zu sein, ist sie eine Geschichte mit ziemlich wenig Handlung. Vielmehr geht es in dem Roman um eine Verdichtung der aktuellen Wirklichkeit, um eine Analyse der jetzigen Zeit und eine Metaanalyse der Gedanken der Bevölkerung. Zeh beobachtet, beschreibt und erzählt auf sanfte, leise Art, wie jeder von uns letztlich versucht, das beste Leben zu leben – oder das, was er oder sie für am besten und richtig hält. „Über Menschen“ bringt in überspitztem Ton links und rechts im politischen Sinne zusammen. Es handelt sich um eine Lektüre voller Gegensätze und der Suche nach den verborgenen Gemeinsamkeiten, hochpolitisch aufgeladen und doch so neutral geschrieben, dass man der Autorin keine klare Stellung unterstellen oder hineininterpretieren kann.

„Über Menschen“ ist eine ganz andere Lektüre als die Bücher, die ich sonst lese. Eine kluge, ruhige Geschichte über die großen Themen der aktuellen Zeit. Wer beim nächsten Familienabend oder Büchertreff mitreden will, sollte dieses Buch gelesen haben.
Leseratte 54, 24. Juni 2021
Zum Nachdenken: Der gesellschaftliche Wandel verändert die Blickrichtung – Lesen!

Am 22. März 2021 erschien im Luchterhand Literaturverlag der Roman Über Menschen von Juli Zeh. Die deutsche Schriftstellerin ist Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg.

In Brandenburg ist auch wieder ihr neuer Roman angesiedelt (auch Unter Leuten aus dem Jahr 2016 spielte in Brandenburg).

Auf 416 Seiten erzählt die Autorin über die Werbetexterin Dora, die gemeinsam mit ihrer kleinen Hündin ihren Freund Robert verlässt und zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 von Berlin-Kreuzberg auf´s Land zieht (Bracken in die Prignitz). Wer nun auf der Landkarte nach Bracken sucht, wird es nicht finden, denn dieses fiktive Dorf, ist irgendwo in Brandenburg. Nicht nur das Dora von nun an auf sich allein gestellt ist und gefühlt keine Zeit hatte sich auf die neue Situation vorzubereiten, sondern auch dass ihr Nachbar in der rechten Szene zu Hause ist, stellt die 36-jährige Dora vor eine neue Herausforderung.

Mir hat der Roman gut gefallen. Die Autorin hat einen sehr besonderen Schreibstil, bei dem ich am Anfang immer ein wenig brauche, um mich einzulesen und in die Geschichte einzutauchen. Die Dorfbewohner wurden vor meinen Augen lebendig und auf den letzten Seites des Buches kam Wehmut auf, dass der Roman zu Ende geht.

Besonders gut gefällt mir die Kombination aus Roman (fiktive Geschichte über Dora und die Dorfbewohner) und den damit verbundenen gesellschaftlichen Aspekten. Juli Zeh schafft es auch in diesem Roman gesellschaftliche Veränderungen kritisch zu beleuchten und detailiert zu beschreiben. Das Thema Corona nimmt meines Erachtens zu viel Raum ein, ist mittlerweile ermüdend und hätte nicht so umfassend thematisiert werden müssen (diesbezüglich hat die Realität den Roman überholt).

Der Roman regt zum Nachdenken an. Unsere Gesellschaft ist im Wandel und dieser wird durch unvorhergesehene Ereignisse manchmal sehr schnell vollzogen. Spannend – denn Stillstand gibt es nicht. Die Menschen sind lebendig und erleben. Das Erlebte verändert die Wahrnehmung und den Blick – manchmal auch in eine ganz neue Richtung.

Das Buch bewerte ich gerne mit 5 Sternen und möchte es uneingeschränkt weiterempfehlen. Sicherlich ist dieser Roman es wert ihn zu einem späteren Zeitpunkt auch noch ein zweites Mal zu lesen.






Elvira Pfeiffer Goch9, 22. Juni 2021
Der ganz normale Wahnsinn
Dora flüchtet mit ihrem Hund aus der Großstadt Berlin in die brandenburgische Provinz. Sie braucht Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie flüchtet auch aus einem stressigen, komplizierten und eingeengten Leben. Die Pandemie und das Verhalten ihrer Umgebung sind sicher der Auslöser, aber ihre Unzufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben sind wichtige Gründe die Abgeschiedenheit zu suchen.
Und was erwartet sie in der Provinz?

Diesen Roman habe ich genossen. Unzählige Sprüche und Reaktionen von Mitmenschen und Mitleidenden unter der Pandemie haben wir alle gehört und erlebt. Juli Zeh bringt es immer wieder auf den Punkt.

Doras Gedanken zu ihrem Partner Robert fand ich sehr treffend, dieses Übermotivierte und Belehrende sieht man leider all zu oft. Doras Unsicherheit und Unzufriedenheit mit ihrem Leben kennen wir gut. Ihren Mut den Lebensmittelpunkt neu zu justieren und ein anderes Leben auszuprobieren, bewundere ich.

Ihr neuer Kosmos macht ihr Angst und doch versucht sie hinter die Kulissen zu gucken. Ihre Unsicherheit Haltung zu zeigen, ist auch sicher schon jedem von begegnet. Sie bleibt dabei immer Mensch, mitfühlend und hilfsbereit.

Juli Zeh ist eine ausgewöhnlich gute Beobachterin. Sie kann das Gesehene und Gehörte wunderbar umsetzen und spiegelt auf ihre besondere Art Gegenwartsgeschichte.
SF, 04. Juni 2021
Gelungener Roman über das Menschsein
Die Story würde auch funktionieren, ohne in die Ereignisse rund um die „Corona-Pandemie“ eingebettet zu sein. Lediglich werden durch die Pandemie bereits vorgezeichnete Entwicklungen im Leben der Protagonisten verstärkt und beschleunigt.
Der Titel „Über Menschen“ taucht in den verschiedensten Kontexten im Roman selbst auf und ist auch davon unabhängig treffend gewählt, denn es geht um das, was Menschen, unabhängig von ihrer Sozialisierung, Bildung, Lebenseinstellung, ihres Berufes und Wohnortes ausmacht und trotz aller vorhandenen Unterschiedlichkeit verbinden kann.
Letztlich ist es gerade die aus der Bahn geworfene Protagonistin Dora, die dies nach und nach erkennt und auch an ihre Mitmenschen weiterzugeben vermag. Es gelingt ihr, über ihren eigenen Schatten zu springen, hinter die Fassade zu sehen und dazu beizutragen, dass Menschlichkeit regiert, wo zunächst unüberbrückbar scheinende Unterschiede die Menschen trennen. Dabei ist der Leser in ihr Ringen und Bemühen darum, das Richtige zu tun, unmittelbar eingebunden. Die Konkurrenz der Denkbarrieren, Klischees und bestätigten Vorurteile mit dem Blick „dahinter“ wird eindrücklich vermittelt. Lesenswert.
Elena_liest, 03. Juni 2021
Über Menschen
Deutschland, im Frühsommer 2020: Dora wohnt mit ihrem Freund Robert in einer Wohnung in Berlin. Eigentlich hat sie sich dort immer wohl gefühlt, bis Robert einer Klima-Obsession verfallen ist, die sich im Laufe der Corona-Pandemie in eine Corona-Obsession verwandelt hat. Für Dora steht fest: sie muss weg hier. Von heute auf morgen schnappt sie sich Jochen-den-Rochen, ihre Hündin, und zieht nach Bracken. In diesem kleinen Dorf im brandenburgischen Nirgendwo möchte sie zur Ruhe kommen - doch dann entpuppt sich ihr Nachbar als Dorf-Nazi und das Landleben als gar nicht mal so idyllisch...

Vor ein paar Jahren habe ich Juli Zehs Roman "Unterleuten" gelesen bzw. abgebrochen. Mir hat das Buch damals gar nicht gefallen, es war mir zu langweilig und hat einfach nicht meinen Geschmack getroffen. Mit "Übermenschen" ging es mir zum Glück nicht so: Einmal im Roman angekommen konnte ich ihn schwerlich weglegen. Die Geschichte hatte eine große Sogwirkung auf mich und ich bin sehr begeistert von Juli Zehs Schreibstil, ihrer Art, mit Klischees zu spielen und die Unschärfen unserer Gesellschaft einzufangen. Das Buch ist hochaktuell und passt durch die darin angesprochenen Themen wie die Fridays-For-Future-Demos, George Floyd oder den Lockdown auch perfekt in unsere Zeit.

Genau hier liegt aber auch mein Problem mit Juli Zehs Roman, denn man kann (und muss, wie ich finde) ihn durchaus kontrovers betrachten. Die Autorin bespricht in "Übermenschen" unter anderem auch die Themen Alltagsrassismus sowie Nazis. Ich möchte nichts vom Inhalt vorweg nehmen, nur so viel: Doras Nachbar ist nicht ohne. Die Autorin beschreibt das zwar, lässt Dora aber trotzdem so etwas wie Freundschaft mit ihm schließen. Dora begehrt nicht gegen seine rassistischen Äußerungen (und der einiger anderer Charaktere im Buch) auf, vielmehr ist da nur ein Unwohlsein ihrerseits, ein "nächstes mal sage ich aber was", eine Rassismus-Starre. Ich persönlich konnte damit nur schwer umgehen, verfiel selbst in eine Wie-soll-ich-das-bewerten-Starre und fragte mich, ob die Autorin hier gerade den Nazi nicht doch arg schön redet.

Andererseits habe ich Verständnis für Dora und die Menschen in Bracken - und ich denke genau das war Juli Zehs Absicht. Die Welt ist nicht einfach in gut und böse aufzuteilen. Niemand ist eindimensional, alle leben in verschiedenen Umständen, die man auf den ersten Blick nicht erkennen und erfassen kann. Ein Urteil ist immer schnell gefällt, doch lohnt sich manchmal ein Blick hinter die Kulissen und hinter die Klischees, ein Gedanke daran, was die Person gegenüber gerade durchmacht.

Ich bin auch nach einigen Nächten drüber schlafen unentschlossen, wie ich das Buch bewerten soll. Ich habe es gerne gelesen, war wirklich begeistert von der Vielschichtigkeit der Protagonist*innen und fand gerade auch Bracken als Schauplatz sehr gut gewählt. Trotzdem bin ich nicht davon überzeugt, ob es ein Buch wie "Über Menschen" in einer so angespannten Zeit wie gerade braucht - oder ob es genau das ist, was wir gerade lesen sollten. Daher gibt es heute keine abschließende Meinung von mir - vielleicht bildet ihr euch einfach selbst eine und/oder teilt eure Gedanken zu dem Roman mit mir 📖
mari_liest, 01. Juni 2021
Trotzdem weitermachen
Robert und Dora leben gemeinsam in Berlin und führen ein harmonisches Leben. Bis Greta Thunberg in ihr gemeinsames Leben tritt. Bis zu dem Zeitpunkt an dem Robert zum Klimaschutzaktivisten und Corona-Experten mutiert. Das alles kann Dora noch irgendwie ertragen, doch dann soll sie ihren Job wechseln, keine Plastiktüten mehr benutzen und als Corona-Leugnerin gefälligst auch nicht mehr den Hund spazieren führen. Die Kirsche auf der Torte ist dann das gemeinsame Home-Office, wo Dora merkt, dass sie Robert gleich an die Wand tackern wird und die Flucht sucht. Dora packt ihre Hündin, Jochen den Rochen, kauft sich mit ihrem letzten ersparten ein schniekes Häuschen im brandenburgischen Bracken und macht die Fliege. Dort angekommen lernt sie als erstes ihren neuen Nachbarn kennen, Gote, den selbsternannten Dorf-Nazi. Und so kommt es wie es kommen muss: Dora findet sich einem Gewissens-Dilemma wieder. Dorfgemeinschaft, Nazi, AfD-Wähler, Nachbarschaftshilfe?!?

Meine Meinung:
„Über Menschen“ ist mein erstes Buch von Juli Zeh und es hat mir wirklich super gefallen. Der Schreibstil ist flüssig, humorvoll, an vielen Stellen tiefgründig. Bin quasi mit der Rakete durchs Buch geflogen. Juli Zeh packt zahlreiche Themen, die uns alle tangieren in dieses Buch. Angefangen von der Klimakatastrophe, über Rassismus, die Flüchtlingskrise, Rechtsextremismus, die Pandemie, kompletter Lebenswandel, naives Städterdenken, etc.
An vielen Stellen habe ich laut gelacht, an einer ein Tränchen verdrückt, an sehr vielen hat sich ein leichtes Schleudertrauma angedeutet (Kopfnicken oder Kopfschütteln). Ich fühlte mich stellenweise so verstanden durch die Gedanken von Dora, ihre Zweifel, ihre Hirnwixereien, ihre Art über sich selbst nachdenken zu können. Die persönliche Entwicklung von Dora fand ich sehr spannend. Der Dorfnazi ist vielen Leser*innen extrem sauer aufgestoßen, was ich total verstehe und bitte auch überhaupt nicht verharmlosen möchte!! Ich finde aber doch, dass Juli Zeh hier hineingepackt hat, wie es in einem Dorfleben von Statten gehen kann oder sich zutragen kann (leider auch heute noch). Sie hat es nicht verharmlost, aber auch nicht aufgepeitscht. Jede Figur ist auf ihre Weise mit dem Thema umgegangen (Gote mit seinem Denken des „nicht so schlimm“ und Dora mit dem Nicht-Wissen-wie-umgehen-und-null-Toleranz-Rassismus-Starre). „Egal“, wie man zu diesem unmoralischen Verhalten und Geisteszustand stehen mag: was Juli Zeh getan hat ist, dass sie aus dem Dorfnazi trotzdem noch den Menschen gezeichnet hat (auch wenn man ihn herprügeln möchte!). Sie schafft es mit Feingefühl die Figur „Gote“ zu zeichnen, mit all seinen Problemen, egal ob persönlicher Natur oder gesundheitlicher, mit all seinen Sprüchen und Aussagen. Zeichnet sie dann letzten Endes doch auch die „zerbrechliche“ Vaterfigur, der seine Tochter Franzi, die auch Dora sehr ins Herz schließt, über alles liebt.
Dora mag an vielen Stellen naiv wirken und dem Klischee der Tusse aus der Stadt alle Ehre machen, aber das darf sie doch auch. Sie kommt aus der Großstadt, die viele andere Herausforderungen birgt, als das kleine Örtchen wo sich Fuchs und Henne gute Nacht sagen.
Es braucht die Vielfalt, dass es Menschen gibt, die in gewissen Bereichen naiv sind, die sich dadurch ihr „positives Wesen“ behalten, und es braucht aber auch die, die sehr kritisch sind. Sonst wären wir alle gleich, würden jeden Tag dasselbe Essen, hätten alle die gleichen Jobs, den gleich hohen Intellekt … Das Ende des Buches hat mich irgendwie überfahren und irgendwie war es vorhersehbar, und das war auch die Stelle, die mir kurz ein Tränchen rausgedrückt hat.
Juli Zeh erzählt das Buch aus der Sicht ihrer Protagonistin Dora. Dadurch kommt das Buch nicht immer ganz klischeefrei daher. Das positive an dem Buch finde ich aber, ist, dass die ideologische Sicht auf Dinge nur aus Entfernung immer möglich ist. Sobald man näher dran ist, wird es schwieriger und man muss „trotzdem weitermachen“. Es ist und bleibt (in dem Fall) ein Buch, eine Geschichte, und dass wir den Rechtsradikalismus einfach so „wegmenscheln“, wird (leider) sicher nicht geschehen.
„Trotzdem“ klare Leseempfehlung! Und: die Welt braucht mehr Menschlichkeit und weniger Ideologie!
aurorasole, 01. Juni 2021
Ein Buch mit Wortwitz und Spannung
Wer von der Hauptstadt ins Umland zieht, sollte auf dem Dorf das Augenmaß behalten und nicht zu früh besserwisserisch urteilen.
Vom "merkwürdigen" Nachbarn zum Fast-Freund geht nur, wenn man sich auch mal aussprechen und helfen kann. Manchmal ist das Äußere eben nur eine Hülle.
sarahliestbuecher , 24. Mai 2021
Roman, der aktuelle Themen behandlet
🌻Darum geht es:
Dora lebt in der Grossstadt Berlin mit ihrem Freund Robert zusammen. Robert setzt sich sehr ehrgeizig für den Klimaschutz ein und ist begeistert von Greta Thunberg. Doch es macht Dora nicht nur zu schaffen, dass sie keine Plastiktüten mehr benutzen darf und dass sie Robert zuliebe sogar ihren Job gewechselt hat, nun befindet sich Dora mitten in einer Pandemie in einer kleinen Wohnung mit Robert im Homeoffice.
Dora fällt das Dach auf den Kopf und so zieht sie mit ihrer Hündin Jochen der Rochen nach Bracken, wo sie vor einiger Zeit ein Haus gekauft hat. Dort angekommen, lernt Dora nach und nach ihre neuen Nachbarn kennen. Besonders wegen dem Dorf-Nazi Gote, findet sie sich in einem inneren Dilemma wieder. Aber nicht nur Dora geht es so, auch ich als Lesende habe mich natürlich gefragt, was ich denn an Doras Stelle tun würde.

🌻Meine Meinung:
Über Menschen war mein erstes Buch von Juli Zeh und ich bin begeistert. Der Schreibstil lässt sich sehr flüssig lesen und die Seiten flogen nur so dahin. Anfangs hatte ich etwas Bedenken, ob mich das Thema Corona in Büchern nicht belasten wird. Tatsächlich war das überhaupt nicht der Fall, im Gegenteil. Ich fühlte mich an gewissen Stellen sogar verstanden von Dora, was irgendwie eine beruhigende Wirkung auf mich hatte. Gote, dem Dorf-Nazi bin ich natürlich skeptisch gegenübergestanden und bin das auch bis zuletzt geblieben. Mit Franzi, Gotes Tochter hatte ich über die ganze Geschichte hinweg Mitleid und fand es toll, wie sich Dora mit ihr abgegeben hat und sich um sie gekümmert hat. Die Geschichte nimmt gegen Ende noch eine Wendung, mit der ich zu Beginn des Buches sicherlich nicht gerechnet habe. Was das genau ist, werde ich euch natürlich nicht verraten.

🌻Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung.
nil_liest, 18. Mai 2021
Nicht ‚Unter Leuten‘, diesmal ‚Über Menschen‘
Juli Zeh ist eine großartige Schriftstellerin, die ein feines Gefühl hat für gesellschaftliche Veränderungen, die von ihr gezielt und großartig beschrieben werden in ihren Romanen. Auch 'Über Menschen' ist wieder ein lesenswertes Stück Literatur und nicht ohne Grund schon seit dem Erscheinen auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Wer ‚Unter Leuten‘ gelesen hat und das ist sicherlich das Gros der Leser:innen von diesem neusten Werk wird bemerken, dass der neue Roman andere Akzente setzt und daher sehr trefflich, aber sehr ähnlich am letzten Titel angelehnt ‚Über Menschen‘ heißt.
Dora steht im Mittelpunkt des Romans, sie zieht aus der Großstadt aufs Land, weil sie ihren Freund Robert in der Corona-Pandemie nicht mehr im engen home office erträgt. Er, Journalist, schlachtet mit seinen immerwährenden Untergangsszenarien das Thema aus. Sie dagegen, die nachhaltig-bewusste und ökoafine Workaholic, zieht aufs Land in ein fiktives Dorf in der Prignitz: Bracken. Sie lässt nicht nur Robert, sondern die ganze Stadt hinter sich mitten in der Pandemie. Aber keine Sorge, dass Thema Corona ist ein Aufhänger, aber nicht das alleinige und auch nicht das beherrschende Thema des Romans!
Der Name des Dorfes ist Programm: Bracken. Etwas abgerockt und baufällig, ein bisschen lehmig im Abgang. Und genau da findet nun das Geschehen statt: die Reibung. Es reibt sich die Stadt mit dem Dorf, die Landbevölkerung mit dem Stadtmenschen, der Nazi mit der Linksliberalen. Diese Reibungen von Standpunkten und Glaubenssätzen ist unfassbar gut und sehr pointiert dargestellt. Und am Ende sind es alles Menschen die ihr Wohnort eint und lässt sie alle ein wenig humaner aussehen.
Was den Roman ‚Über Menschen‘ klar von dem Bestseller ‚Unter Leuten‘ unterscheidet ist die stringente Erzählung von Doras Geschichte, keine Vogelperspektive auf verschiedensten Ebenen und doch so treffsicher wie es nur Juli Zeh schafft. Die Personenzahl ist reduzierter und damit der Blick etwas intensiver auf die Einzelnen. Mich hat es wieder überzeugt.

Fazit: Juli Zeh brilliert wieder in ihrer feinen Analyse über das Mensch sein indem sie ‚Über Menschen‘ schreibt und zeigt uns allen worüber es sich nachzudenken lohnt.
miss_lia48, 12. Mai 2021
Ein Buch, von dem ich nicht wollte, dass es endet!
INHALT:

Dora hat genug von dem Chaos bzgl. Corona und Lockdown, von ihrer komplizierten Beziehung mit Robert, von dessen apokalyptischen Horrorszenarien bzgl. der Pandemie und der Umweltzerstörung, von den stets negativen Nachrichten in den Medien, und von dem hektischen Treiben in der Stadt. Die Menschheit scheint immer mehr den Verstand zu verlieren. Sie muss hier definitiv weg!

Sie hat ein altes Gutsverwalterhaus auf dem Land gekauft, in Bracken – ein Dorf in Brandenburg mit 285 Einwohnern. Ohne Möbel, ohne Auto, mit einem sanierungsbedürftigen Haus und einem vernachlässigten Garten in der Größe eines halben Fußballfeldes, versucht sie ihr Glück. Mithilfe von YouTube möchte sie die botanische Katastrophe in einen romantischen Landhausgarten mit Gemüsebeet verwandeln. Und ihren Job in der Werbeagentur führt sie im Homeoffice aus.

Doch dann sind da noch die Nachbarn: Mehrere AfD-Wähler, hinter der Mauer der kahlrasierte „Dorfnazi“ und ein vernachlässigtes Mädchen. Trügt die ländliche Idylle etwa mehr, als vermutet?


MEINUNG:
Meine Erwartungen an das Buch waren nach den vielen positiven Stimmen, groß.
Ich war gespannt, was mich bei Juli Zehs neuem Buch erwarten würde.
Zuvor hatte ich bereits „Unterleuten“ gelesen, was mir etwas zu ruhig gewesen war, und „Neujahr“, das mich trotz dem weniger authentischen Ende, sehr beeindrucken konnte.

Von Anfang an gefielen mir bei „Über Menschen“ das Setting sowie die Vorstellung, vor dem Wahnsinn in der Welt, flüchten zu können.
Dora tat mir leid und ich war fassungslos, welchen Schikanen sie in ihrer Beziehung ausgesetzt war. „Ihr gemeinsames Leben verwandelte sich in ein Korsett aus Regeln.“
Als Robert ihr wegen Corona auch noch die Spaziergänge mit ihrer Hündin „Jochen-der-Rochen“ verbieten wollte, war ich froh, dass sie sich dies nicht länger gefallen lassen wollte!

Besonders gut ist Juli Zeh die Zusammenstellung der unterschiedlichen und vielschichtigen Charaktere gelungen. Diese wirken lebendig und authentisch, sodass man als Leser*in schnell im Dorf ankommt.
Nach und nach lernt Dora ihre Nachbarn kennen und diese Entwicklungen habe ich mit großem Interesse verfolgen dürfen.

Ich mochte, in welche Richtung sich das Buch thematisch entwickelt hat, ohne, dass ich hier zu viel verraten möchte.

Zwar habe ich anfangs wieder etwas Zeit benötigt, um in die Handlung hineinzufinden - die erste Buchhälfte über gab es für mich einige Längen und der Teil hat mich eher an „Unterleuten“ erinnert, bei dem es mir ähnlich erging.
Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Lektüre mich noch so sehr für sich einnehmen könnte. Denn spätestens ab der Hälfte fand ich die Handlung so eindrücklich und bewegend - sie hat mich festgehalten und nicht mehr losgelassen!
Das war so ein Buch, von dem ich nicht wollte, dass es endet, obwohl es später so unglaublich traurig war. Ich wollte noch eine Weile bei Dora in Bracken bleiben...
Der Inhalt hallt noch immer in mir nach und ich werde ihn wohl nicht so schnell vergessen.

FAZIT: Juli Zeh ist ein großartiger Gesellschaftsroman gelungen, der das aktuelle Geschehen der Pandemie und dessen Auswirkungen aufgreift. Für mich mit der Botschaft: Egal, auf welche Leute wir treffen – hinter jedem von uns steckt ein Mensch. Das sollten wir nicht vergessen…
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung und 4,5/5 Sterne!
Sonnenschein17, 10. Mai 2021
Leute sind auch Menschen
Dora zieht es aufs Land, ganz weit weg von ihrem fanatischen Freund, der sie erst mit dem Friday-for-Future verrückt macht und später mit Corona. Eigentlich hat sie es schon früher gewusst und sich deshalb – ohne Wissen ihres Lebenspartners – ein Häuschen in den Tiefen der Mark Brandenburg gekauft. Wo sie mit ihrer Hündin "Jochen der Rochen" auf sich allein gestellt leben und arbeiten will. Die Städterin auf dem Land, mit einem renovierungsbedürftigen Haus und einem übergroßen Garten. Schnell merkt sie, dass sie sich wohl zu viel vorgenommen hat.
Nun hat sie zwar Nachbarn, doch die interessieren Dora nicht; allerdings interessieren die Nachbarn sich für Dora und das Schicksal nimmt halt seinen Lauf.
Dann verliert sie ihre eigentlich feste Arbeit in der Werbeagentur und alles scheint über ihr zusammenzuschlagen. Bei ihr es es nun nicht der Lottogewinn, sondern ihr ziemlich betuchter Vater, der ihr finanziell, aber auch anderweitig hilft.
Und Dora, die sich für weltoffen hält, kommt in Gesprächen mit diesen Nachbarn schnell an ihre Grenzen, weil sie unsicher ist, wie sie braunem Geschwafel begegnen soll. In Berlin konnte sie sich immer aus der Affäre ziehen, doch hier muss/müsste sie sich auseinandersetzen, doch so richtig kommt sie nicht mit ihrer Meinung raus. Sie, die angeblich so gut Werbung machen kann, kann sich nicht so artikulieren, wie sie es gern täte.
Durch den Bezug auf Corona kam mir halt vieles bekannt vor, auch Gedanken, die wohl fast jeder im Laufe der letzten Monate hatte. Das Aktuelle an dem Buch ist aber nicht nur Corona, sondern sind auch die netten helfenden Nachbarn, die sich als AfDler entpuppen oder gar bekennende Nazis sind. Ja, da kommen Klischees ins Spiel, die zwar nett sind, aber eben Klischees. Das fand ich ein bisschen schade, ich hätte mir auch mehr Wortgefechte gewünscht, leider passt aber gerade das zu Dora, ausweichen, möglichst wenig Konfrontation im Privaten.
Mir hat das Buch gefallen, auch wenn das Ende wieder ein Klischee ist.
Literaturina, 08. Mai 2021
Ein Coming-of-Age-Roman für Ü-30-Jährige.
TW: Tod eines Elternteils, Hirntumor, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Suizid, Covid-19, finanzielle Sorgen

Dieses wunderbare Buch habe ich zum Großteil innerhalb eines Tages verschlungen! Es ist nach „Unter Leuten“ vor einigen Jahren mein zweiter Roman von Juli Zeh und garantiert nicht mein letzter!

Auch war es mein zweites Buch, in dem nicht nur im Nachwort (wie beispielsweise bei „Was wir Frauen wollen“ von Isabel Allende), sondern auch im Plot selbst Bezug auf Corona genommen wird, ja teils sogar eine zentrale Rolle spielt. Vorwiegend am Anfang, während in der zweiten Hälfte noch einmal ganz andere Themen im Fokus stehen.
Das Lesen war für mich zudem ein gelungener Rückblick aufs vergangene Jahr.

Das Buch ist eine hochaktuelle und hervorragende Gesellschaftsanalyse, gerade in Zeiten von Corona, Klimawandel, Rechtsextremismus und Rassismus, in Roman-Form gegossen. Noch dazu alles andere als bedrückend, zumindest am Anfang.
Schön, wenn man zur Abwechslung mal herzlich über die aktuelle Lage lachen kann - und Respekt, dass das jemand, noch dazu auf so kluge Weise, schafft (obwohl sich seit letztem Jahr ja noch nichts wesentlich geändert hat)!

Zugleich schafft Juli Zeh es jedoch, die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen – zum Beispiel bezüglich Effizienz und welchen Beitrag jeder einzelne gegen den Klimawandel leisten kann. Oder inwieweit die Corona-Regeln der Regierung in der Praxis und je nach Umfeld umsetzbar, logisch und gerechtfertigt sind.

Selbst vor dem schwierigen Thema Rechtsextremismus scheut sie sich nicht: So verwerflich das klingen mag - sie stellt Nazis menschlich und als Menschen dar, die genauso mit Ängsten zu kämpfen haben, wie alle anderen, nur eben mit anderen, aber mit Ängsten, die man dennoch ernst nehmen sollte. Sie macht deutlich, dass niemand wirklich etwas Besseres ist, obwohl sich viele dafür halten - und dass das eines der Hauptprobleme ist, das im Wege steht, wenn man miteinander reden muss. Und das muss man langfristig, um Probleme zu lösen. Es hilft nicht, sie unter den Teppich zu kehren.

Die Gesamt-Atmosphäre vom Leben auf dem Brandenburger Land hat etwas sehr Heimeliges und konnte mich absolut abholen, mit der provisorischen Lebensweise der Hauptprotagonistin Dora (und ihrer Hündin Jochen-der-Rochen), die mit Ideenreichtum und Tatendrang versucht, das Beste aus ihrer verzwickten Situation zu machen, während sie gleichzeitig ihre (vorübergehende?) Trennung von ihrem langjährigen Freund verarbeitet. Dabei ist sie stets getrieben von dem Bedürfnis, auf eigenen Beinen zu stehen. Hilfe anzunehmen, ist also nicht ihre Stärke, lernt sie im Verlauf der Geschichte aber gezwungenermaßen. Am Ende wird sie selbst zur wichtigen Helferin.

Ein bisschen ist dieses Buch deshalb auch eine Art Coming-of-Age-Roman für Ü-30-Jährige. Und natürlich eine große Empfehlung!

Danke an das Bloggerportal und den Luchterhand Verlag für dieses Rezensionsexemplar!
Atalante, 06. Mai 2021
Baumwollbeutel-Boheme gegen Saatkartoffel-Solitüde
Juli Zeh erzählt in „Über Menschen“ von selbstgerechten Besserwissern und inkorrekten Hilfsbereiten.
„Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“
Eine Seuche schleudert eine Frau in die Einsamkeit, wo sie als Selbstversorgerin zunächst gegen die Natur kämpfen muss und später gegen einen großen, aggressiven Mann. Ach ja, ein Hund ist auch mit von der Partie. Die Parallelen zu „Die Wand“ scheinen offensichtlich, doch Juli Zeh setzt in ihrem neuen Roman „Über Menschen“ andere Maxime als Marlen Haushofer in ihrer berühmten Dystopie.
Die Werbe-Texterin Dora tauscht die Kreuzberger Baumwollbeutel-Boheme gegen eine Saatkartoffel-Solitüde im Brandenburgischen. Dort hatte sie vor Ausbruch der Pandemie preiswert ein altes Gutsverwalterhaus erstanden. Es wird zum neuen Zuhause als Dora aus der gemeinsamen Wohnung flieht. Robert, der doch für alle nur das Beste will, hat Dora das Leben schwer gemacht. Der nachhaltige Veganer achtet auf eine korrekte Lebensführung und seit dem Auftauchen des Virus auch auf die Einhaltung aller Hygieneregeln. Schließlich rettet sich Dora, die sich nur noch als „CO2-Problem und Corona-Keimschleuder“ wahrgenommen fühlt, aufs Land. Dort hat sie Ruhe, denn dort ist nichts los. Ihr Haus, so erfährt sie, war einst der Kindergarten von Bracken. Heute gibt es im Ort keinen mehr, genauso wenig wie eine Schule oder einen Lebensmittelladen. Berlin ist nah, doch der Bus fährt selten. Ein Auto hat Dora nicht, dafür einen Hund, ein Rad und schnelles Internet. Bald befällt sie das Gefühl „existentieller Chancenlosigkeit“.
Das Stichwort steht auf der ersten Seite des Romans und erinnert mich an den bekanntesten Roman der großen Marlen Haushofer. Wie die Heldin dieser Geschichte greift auch Dora zum Spaten und legt einen Acker an. Ihre einzige Begleitung ist ein treuer Vierbeiner. Und wie in Haushofers Roman tritt auch in dem von Zeh ein Mann auf, der den Hund bedroht. Dora begegnet ihm schon nach wenigen Seiten und nicht erst am Ende. Dort findet sich allerdings ein Satz, der als weitere Haushofer-Referenz gelten könnte. „Seit Doras Umzug hat in Bracken Tag für Tag die Sonne geschienen (…) als wäre das Dorf von einer großen, immer blau gestrichenen Glocke abgedeckt.“
Dora erhält, anders als die Einsame unter der Glasglocke, bald Gesellschaft. Gote, der bedrohliche Nachbar, stellt sich zwar als „Dorf-Nazi“ vor, dann aber doch manierlich an. So wie auch die übrigen Dorfbewohner mit ihrer Hilfsbereitschaft nicht zögern. Der von gegenüber rodet mit schwerem Gerät das Gestrüpp, ein anderer sammelt Dora am Einkaufzentrum ein, wo sie vergeblich auf den Bus wartet. Schließlich bringt jemand Saatkartoffeln. Und das alles ungefragt. Die kulturelle Kluft zur nur räumlich nahen Hauptstadt verstärkt Zeh durch Szenen aus ebendieser. Spätestens wenn sie für die Fahrt dorthin ihren kleinen Hund verstaut, erkennt man, wie weit die Sphären auseinanderliegen. Wer würde in Bracken schon seine Töle in einem Rucksack transportieren?
Dora fährt wieder zurück. Ihr Abenteuer ist weniger gefährlich als das des von ihr verehrten Alexander Gerst, doch Mut braucht man nicht nur im All. Juli Zeh erzählt von zwei fremden Welten, indem sie ihre Protagonistin auf wenige, dafür disparate Figuren treffen lässt. Zur Wichtigsten, dem Antagonisten Gote, baut die Autorin eine Brücke mit einem Hund und einem kleinen Mädchen. Das ist glaubwürdig, auch wenn es klischeehaft klingt. Gegen Ende hin droht die Geschichte sentimental zu werden und drückt dann, so wie Dora es Gote vorwirft, ein bisschen auf die Tränendrüse. Doch das ist zum einen inhaltlich bedingt, zum anderen gelingt es Zeh vielleicht gerade dadurch, ihre Motive in gute Unterhaltung zu verpacken.
Diese zeigt sich im Erzählfluss, der einen nach fulminantem Start sofort mitreißt. Doras Reflektionen bettet Zeh zwischen überraschende Reaktionen und schlagfertige Dialoge. Zwar „fällt“ zu Beginn etwas oft „der Groschen“, dafür entschädigen jedoch zahlreiche ironische Bemerkungen. Ihren Wortwitz offenbart Zeh nicht nur in den Ideen der Werbetexterin für die Ökojeans „Gutmensch“ des Labels „FAIRkleidung“. Er zeigt sich auch im Titel des Romans. Der erinnert an Zehs anderes Brandenburg-Buch, auf das sie verweist, „In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben.“ Der Begriff „Über Menschen“ charakterisiert fast jede Figur des Romans, sei es Robert, der sein Verhalten über das der anderen stellt, oder Steffen, der als Kabarettist Gote aburteilt. Das Schwarz-Weiß-Denken, was bei Gote erwartbar wäre, erkennt Dora im Laufe der Geschichte auch bei sich selbst. „Es geht nicht darum, Widersprüche auszulösen, sondern sie auszuhalten“, so der Rat.
Lesepingu, 03. Mai 2021
Über Vorurteile und Selbstreflexion
"Über Menschen" gilt zu Recht als der neue Bestseller von Juli Zeh.
Auf unterhaltsame Art entführt Juli Zeh den Leser in eine Welt, die für die Protagonistin Dora, mit Klischees bestickt ist und ihre unfreiwilligen Vorurteile zunächst vollends bestätigt werden.
Aber im Laufe der Geschichte lernt Dora sich selbst besser kennen und auch zunächst unfreiwillig ihre Nachbarn. Sie muss erkennen das nicht immer alles so ist, wie es im ersten Moment erscheint und was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.
Ich habe "Über Menschen" sehr gerne gelesen. Es hat mich berührt, gefesselt und zum nachdenken animiert. Ein großartiges Buch der aktuellen Zeit - kritisch und treffend.
BriSta, 02. Mai 2021
Menschlich, berührend - Herausfordernd – Wunderbar
Im Dezember 2019 als die Pandemie noch nicht real war, ging Dora zum Notar in Berlin-Charlottenburg und unterschreibt den Kaufvertrag für ein kleines Haus in Brandenburg. Sie ist eine erfolgreiche Werbetexterin, ein Großstadtkind. Aber sie möchte ab und an raus aus der Stadt, möchte sich mehr in der Natur bewegen, Ruhe finden. Ihrem Freund erzählt sie davon nichts. Es ist ihr Projekt.
Dann kommt Corona, das Leben verändert sich total, es wird komplizierter. Sie arbeitet im Homeoffice, ihr Freund wird zu einem militanten Corona Mahner, will ihr sogar verbieten mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Da hält sie es nicht mehr aus, packt einige Sachen zusammen und fährt ohne Nachricht in ihr neues Brandenburger Häuschen.
Sie ist vollkommen unvorbereitet.
"Weitermachen. Nicht nachdenken" wird zu Doras Mantra, nicht nur bei der Gartenarbeit.
Ihr Vater und andere Großstädter fragen sie, was sie dort will unter all den Nazis, die es doch da bestimmt in großer Anzahl gibt.
Es dauert auch nicht lange, da stellt sich ihr Nachbar wie folgt vor: "'Angenehm', sagt Gote. 'Ich bin hier der Dorf-Nazi'. Oh je, schlimmer als sie dachte.
Verbissen werkelt Dora vor sich hin, alle Kraft geht in den Alltag, der Supermarkt ist weit entfernt, der Busfahrplan ausgedünnt, kein Auto.
Und dann Hilfe, einfach so, fast wortlos: das Robotermännchen von gegenüber ebnet ihre Wildnis ein, das bekiffte schwule Paar leiht ihr ein Fahrrad, der bedrohliche Nachbar von nebenan fährt sie mit seinem rappeligen Pick-up zum Einkaufen. Ausgerechnet dieser massige Kerl mit Glatze und Tattoos und Freunden, die am Lagerfeuer das Horst Wessel-Lied grölen. Und derselbe Typ schenkt Dora Möbel, organisiert Hilfe für ihren Garten, mag Hortensien und ist auch noch der liebende Vater einer kleinen Tochter. Dora möchte das alles nicht und sucht nach einem Ausweg.
Doch dann fliegen ihr die Vorurteile und Klischees nur so um die Ohren. Stattdessen Zweifel und Verzweiflung: Einerseits die Stadt und Corona, der Job, der ihr lapidar mit besten Wünschen für die Zukunft gekündigt wird, der besessene Freund. Hier ihre Gewissheiten und Vorurteile, die sich als Klischees entpuppen und wie sie langsam spürt irgendwie auch anzukommen in dem Dorf.
Die Schriftstellerin Juli Zeh lebt selbst in der ostdeutschen Provinz, sie kennt die Probleme zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen, in ihrem Erfolgsroman "Unterleuten" hat sie das eindringlich geschildert.
Es ist bisher das einzige Buch, welches in der Coronazeit spielt und das ich gelesen habe. Ich liebe die Bücher von Juli Zeh. Auch dieses Buch habe ich sehr, sehr gerne gelesen. Es ist für mich absolut faszinierend, wie Juli Zeh es schafft dieses komplexe Thema so intelligent, so differenziert darzustellen. Außerdem so menschlich und berührend. Natürlich musste ich schlucken, als ich mich fragte, finde ich Gote, den Dorfnazi, jetzt etwa sympathisch? Nein, das möchte ich doch nicht, das darf ich doch nicht. Da wird man mit den eigenen Klischees und Vorurteilen, mit dem was als falsch und richtig vorgegeben wird konfrontiert, möchte sich wehren. Dann geht man in sich und macht sich viele Gedanken, wie weit ist mein eigenes Schwarz-Weiß-Denken ausgeprägt? Wie oft habe ich Menschen im Supermarkt angeschnauzt, dass sie mir in dieser Coronazeit nicht zu nahe kommen sollen usw.
Das Buch berührt, es fordert heraus. Es ist wunderbar, dass es das gerade jetzt gibt. Vielen Dank, liebe Juli Zeh. Es bestätigt mich in meinem Glauben: Nicht verhärten, versuchen möglichst alles differenziert zu betrachten und reden, auch wenn man es mit manchen Menschen partout nicht möchte.
U.a. Sätze wie diese "Es geht nicht darum, wer was verdient hat. Nicht einmal darum, für oder gegen Nazis zu sein. Das Zauberwort heißt 'trotzdem'. Trotzdem weitermachen, trotzdem da sein. Trotz allem liegt da drüben ein Mensch" machen das Buch ganz besonders.
Golde Seiten, 02. Mai 2021
Es gibt nicht nur eine Wahrheit
Juli Zeh ist so verdammt klug und ich habe nahezu jedes Buch von ihr gelesen. Auf dieses war ich deswegen besonders gespannt, weil es brandaktuell ist und die Coronapandemie thematisiert.

Dora lebt, gemeinsam mit ihrem Partner Robert, in Berlin. Zu Beginn des Lockdowns wird ihr Robert immer fremder. Schon zuvor fand sie seinen überambitionierten Klimaschutzaktivismus anstrengend, durch Corona wurde das Zusammenleben unerträglich, weil Robert die Maßnahmen so ernst nahm, dass er Dora am liebsten verboten hätte das Haus zu verlassen.

"Was war aus der Gewissheit geworden, dass es keine absoluten Gewissheiten gibt, weshalb an allem gezweifelt, über alles gesprochen und gestritten werden muss? Dora verstand nicht, woher Robert das sichere Gefühl für die Überlegenheit seines Lebensstils nahm."

Schließlich kauft sich Dora ein verlassenes Haus auf dem Land, trennt sich von Robert und zieht raus aus der Stadt, rein in die Provinz. In diesem kleinen Dorf muss Dora die Erfahrung machen, dass Haltungen, politische Gesinnung und Überzeugungen nur noch sehr wenig zählen, wenn plötzlich ein Mensch vor einem steht und man (weil es der neue Nachbar ist) Einblick in sein Leben erhält und ihn kennen lernt. Der neue Nachbar stellt sich als Dorfnazi vor, allein das ist für Dora ein Grund ab sofort kein Wort mehr mit ihm zu sprechen. Aber genau jener Nachbar hat auch eine andere Seite, eine liebenswerte Seite. Dora ist innerlich zerrissen. Sie kann seine Weltanschauung nicht akzeptieren, aber vielleicht kann sie sie tolerieren, weil sie einen Blick hinter die Kulissen (in diesem Fall die Mauer, die die beiden Grundstücke voneinander trennt) wirft.

"In Zeiten von George Floyd geht sie mit einem Nazi zum Fest. Es gelingt ihr einfach nicht, eine Haltung zu finden. Vielleicht, denkt Dora, ist das Einnehmen von Haltungen nur so lange richtig und wichtig, wie man die Dinge aus sicherer Distanz betrachte."

Die Distanz kann Dora zunehmend weniger wahren, weil sie schnell Teil des Dorfes wird, sich um die Tochter des Dorfnazis Gote kümmert und eine schmerzhafte Erfahrung über die Zerbrechlichkeit des Lebens machen muss. Juli Zeh zeigt in ihrem Roman, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern so viel dazwischen. Es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern so viele Wahrheiten.

"Alles wirbelt durcheinander wie Teile eines Puzzles, das jemand mutwillig in die Luft geworfen hat. Dora bekommt kein klares Bild vor Augen. Ihr fehlt der Standpunkt. Ohne Standpunkt gibt es keine Ordnung. Ohne Standpunkt bleibt die Welt chaotisch und unverständlich, und das schmerzt so sehr, dass sie es kaum ertragen kann. Also tut sie, was alle Verwirrten in orientierungslosen Zeiten tun: Sie sucht Wahrheit in Information."

Dora muss sich hinterfragen und merkt, wie anstrengend es ist, wenn die eigenen Vorstellungen und Haltungen auf den Kopf gestellt werden:

"Sie hat angefangen, sich zu fragen, was andere Menschen wählen. Was in den Geheimkammern ihrer Gehirne vor sich geht, während sie ihre Kinder abholen oder einkaufen fahren. Fest steht, dass alle Angst haben und dabei meinen, dass nur die eigene Angst die richtige sei. Die einen fürchten sich vor Überfremdung, die anderen vor der Klimakatastrophe. Die einen vor Pandemien, die anderen vor der Gesundheitsdiktatur. Dora fürchtet, dass die Demokratie am Kampf der Ängste zerbricht. Und genau wie alle anderen glaubt sie, dass alle anderen verrückt geworden sind. Das ist so verdammt anstrengend. Wie viel einfacher wäre es, eine Seite zu wählen."

Wie auch in ihrem Roman "Unter Leuten" gelingt es der Autorin, dass sich die Geschehnisse im Dorf auf die gesamte Gesellschaft übertragen lassen. Das macht das Buch für mich so grandios und lesenswert, besonders in dieser Zeit, wo wir intensiv damit konfrontiert werden, dass es mehr als eine Wahrheit gibt und wir das "Nichtwissen" aushalten müssen.
Ella Hansen, 01. Mai 2021
Ein Gewinn
Über Menschen ist ein mutiges Buch von Juli Zeh, dass schwierige Themen mit großer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit beschreibt. Ganz aktuell handelt es vom Klimawandel, Corona, Wohnformen und es geht über Menschen. Wo finden sie ihr Zuhause, ihre Sicherheit, ihre Zugehörigkeit. Dora verlässt ihre Gewohnheiten, den Freund, die Stadt, die Kollegen macht sich mit ihrem Hund und ein paar Habseligkeiten auf den Weg. Dora versucht ihr Glück auf dem Land. Keineswegs eine dörfliche Idylle und direkt nebenan wohnt der Dorf-Nazi. Für mich als Leserin war es wichtig, mich ganz auf Dora einzulassen, meine Bewertungen sein zu lassen. Sie geht ihren Weg, nicht meinen. Es geht darum, sich nicht über andere Menschen zu erheben. Diese Haltung ist ein Gewinn. Danke Juli Zeh.
Shy_Shadow, 29. April 2021
Über Menschen
Dora will weg aus ihrer gewohnten Umgebung, vor allem von ihrem Freund, der sich immer mehr zum überkorrekten Besserwisser entwickelt und sich hauptsächlich mit der Coronaproblematik beschäftigt.

Sie zieht zusammen mit ihrer Hündin in das kleine Dorf Bracken in Brandenburg. Doch bringt der Tapetenwechsel tatsächlich die erhofften Freiheiten und den Raum zum Luft holen, den sie so dringend benötigt? Denn ganz so idyllisch wie es auf den ersten Blick scheint geht es hier doch nicht zu.

Die Autorin greift in diesem Buch das aktuelle Thema Corona und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft auf. Welche Ängste und Schwächen die Menschen plagen, welche Befangenheiten auftreten und welche Stärken zum Vorschein kommen können, wenn man einfach nur Mensch ist. Ihr gelingt es, die Spaltung der Gesellschaft gerade in der Corona Zeit aufzuzeigen, wie anders die Menschen aufeinander zugehen und aktuell auch mit Problemen umgehen, dabei kommen vor allem Klischees über Rechtsradikale, Nazis, AfD ebenfalls nicht zu kurz.

Die Kapitel sind aus der Sicht von Dora geschrieben, so lernt man sie, ihre Wünsche und Ziele sehr gut kennen. Trotzdem erhält man auch ein ausführliches Bild der anderen Protagonisten.

Dieses Buch hat mir gezeigt, dass es nicht immer nur eine Sicht gibt und mich gut unterhalten. Außerdem gefällt mir der prägnante Schreibstil, ich konnte das Buch leicht und schnell lesen. Dieses Buch bleibt, wie auch schon "Unterleuten" in Erinnerung.

Unterleuten lässt grüßen – nicht ganz. Beide Romane spielen in derselben Umgebung und auch der rechtsradikale Nachbar Gote ließ mich immer wieder an einen gewissen Nachbarn in Unterleuten denken. Tatsächlich gibt es aber nur einen ganz kleinen Hinweis im Buch, der darauf schließen lässt, das Bracken in der Nähe von Unterleuten liegen muss. Die seltenen Kampfläufer Vögel haben einen kurzen Gastauftritt in „Über Menschen“. Ansonsten handelt es sich um zwei eigenständige Romane mit eigenen Protagonisten und Problemen. Wer Unterleuten geliebt hat, der wird mit diesem Buch auch nichts falsch machen.

Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
Marina Büttner, 28. April 2021
Nach Unterleuten Über Menschen
Juli Zehs Romanheldin Dora ist eine, die scheinbar perfekt in die Berliner Szene passt. Bestens bezahlter Job in einer hippen Werbeagentur, wo alle „Wir sind eine Familie“ spielen. Super Altbauwohnung in Kreuzberg zusammen mit dem passenden Partner, Robert, Journalist, der über brisante Themen, wie Umweltschutz, Klimawandel etc. berichtet. Gut integriert im Freundeskreis. Alles läuft super, bis Robert zum dogmatischen Klima-Aktivisten wird. Alles dreht sich nur noch um Greta und um Fridays for Future. Dora fühlt sich übersehen bis gegängelt. Als das C-Virus auftaucht stürzt sich Robert mit voller Kraft in die Bekämpfung des Virus, wird zum „Corona-Aktivisten“. Für die Zweiflerin Dora ist es der Albtraum schlechthin. Als er ihr verbieten will, lange Spaziergänge mit ihrer Hündin zu machen, platzt Dora der Kragen. Sie zieht von jetzt auf gleich aus. Nach Bracken im ländlichen Brandenburg, wo sie sich in offensichtlich weiser Voraussicht und mit Einsatz all ihrer Ersparnisse ein Häuschen mit großem Garten gekauft hat.

„Aber dann kam das Virus. Robert konvertierte vom Klimaaktivisten zum Epidemiologen, und die Welt stand Kopf. Man rief das Ende der guten alten Zeiten aus. Nie wieder würde das Leben sein, wie es gewesen war. Virologen wurden zu Medienstars, Zeitungen fragten Prominente, wofür sie beteten. Das große Mitmachen war übermächtig.“

Dass ihr Nachbar, von dessen Grundstück sie eine hohe Mauer trennt, sich gleich als „Dorf-Nazi“ vorstellt und in Laufe der Geschichte auch so gebärdet, ist mir zuwider. Dass Dora sich von ihm Möbel restaurieren lässt, mit ihm bald jeden Abend die letzte Zigarette über die trennende Mauer hinweg raucht, ist mir unbegreiflich. Aber da ist eben auch seine Tochter Franzi, die sich in Doras Hund verguckt, da ist auch eine raue, irgendwie ehrliche Zugewandtheit. Und tatsächlich: immer wenn Dora sich beinahe als befreundet mit ihm fühlt, kommt der nächste Schock – vorbestraft, wegen Messerstecherei, mit dem Vater bei den fremdenfeindlichen Übergriffen der Nazis einst in Rostock-Langenhagen etc. Wie Dora bin ich dauernd hin- und hergerissen. Wie Dora versuche ich mich irgendwo einzuordnen.

„Die Worte klingen richtig, und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. „Und ob ich besser bin.“ Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“

Juli Zeh hat das sehr geschickt konstruiert. Immer wenn man sich seiner Meinung über die Protagonisten sicher ist, wird sie wieder hinterfragt. Denn in der Provinz ist das Leben eben komplett anders als in Berlin. Da fährt der Bus nur 3x am Tag, da braucht man ein Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, da wird in kaum etwas investiert, da werden Menschen von „denen da oben“ vergessen.

Zehs Roman hat mich diesmal auch vom Thema her sehr interessiert. Im ersten von drei Teilen überzeugt mich die Autorin am meisten. Das Kapitel, das bereits von Bracken aus rückwirkend über das Berliner Leben und die Zuspitzung der Situation durch C. erzählt, ist brillant, auch sprachlich. Hier zeigen sich auch deutlich die Spaltungen, die das tägliche Leben durchziehen. Immer geht es um die Entscheidung für oder gegen etwas zu sein. Unentschieden und dazwischen gibt es offenbar nicht mehr. Auch das Dorfmilieu schildert sie großartig und mit feinem Humor. Ihre Figuren, wesentlich weniger diesmal als noch in „Unterleuten“, sind glasklar gezeichnet, wie etwa das schwule Paar Tom und Steffen, Heini, der „Serien-Griller“ oder Sadie, die alleinerziehende Mutter. Wenn es um Doras „Beziehung“ zu Gote, dem Nazi geht, wird es mir manchmal zu süßlich, ja fast romantisch. Zum Glück endet das Buch dann aber nicht wie im Märchen von der Verwandlung eines Nazis in einen Gutmenschen. Das wäre zu viel. Aber eben halt doch irgendwie traurig … Ein Buch, dass herausfordernd ist, im besten Sinne, den Blick weitet und Sichtweisen auf den Kopf stellt.
Iris Schneider, 27. April 2021
Toller Corona-Roman
Ein bisschen überzogen, eine Prise Sarkasmus, viele lustige und nachdenkliche Passagen und ganz viel über Menschen lässt diesen sehr unterhaltsamen Roman zu einer Botschaft der heutigen Zeit werden. Mir hat er super gefallen.
Buch-Lady, 26. April 2021
Realistische Geschichte über menschliche Widersprüche
Wie schon in ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ nimmt Juli Zeh uns auch in ihrem neusten Buch mit nach Brandenburg, in das kleine Provinznest Bracken. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Dora, die zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 von Berlin nach Brandenburg zieht. Ihren Job in der Werbeagentur kann sie auch von zuhause aus machen. Es ist nicht nur der Lockdown, der sie aufs Land treibt. Auch in ihrer Beziehung zu Robert hält sie nichts mehr. Als Klimaschützer war er im Alltag schon manchmal anstrengend. Aber seit Ausbruch der Pandemie werden seine Ansichten beklemmend einengend. Dora kratzt ihr Geld zusammen und kauft ohne sein Wissen ein Haus, das sie sich leisten kann, nimmt ihre Hündin Jochen und ansonsten nur das Nötigste mit und übersiedelt nach Bracken.

Idylle sieht anders aus. Haus und Grundstück sind verwahrlost, der nächste Laden kilometerweit weg. Dora hat weder ein Auto noch landwirtschaftliche Erfahrung. Am schlimmsten aber ist ihr Nachbar! Sein kahlgeschorener Kopf reckt sich eines Tages über die Grundstücksmauer und gibt unfreundliche Dinge über den „Scheißköter“ von sich. Er stellt sich als „Gote“ vor.

„Angenehm“, sagt Gote. „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“. (S. 45)

Die Sache ist klar. Mit Nazis will Dora nichts zu tun haben. Im Dorf scheint es noch mehr seltsame Leute zu geben. Von Political Correctness hat noch keiner etwas gehört. Das schwule Pärchen die Straße hoch beschäftigt Gastarbeiter, beutet sie aber nicht aus – oder?? Mehr und mehr merkt Dora, dass es doch gar nicht so einfach ist. Die Dinge sind mit ihren festen Überzeugungen und Prinzipien nicht in den Griff zu kriegen. Der Nazi macht manchmal nette Sachen. Außerdem hat er eine kleine Tochter, die während der Schulschließung in Berlin bei ihm wohnt. Die beiden schwulen Männer sind nicht die Gutmenschen, für die Dora sie zuerst gehalten hat, aber ganz übel sind sie auch nicht.

Der Roman bildet die mehr als komplizierte Gegenwart ab. Menschen und gesellschaftliche Zustände lassen sich nicht einfach in Gut und Böse einteilen. Sie sind widersprüchlich. In einem kleinen Dorf abseits jeglicher Infrastruktur kann keiner ohne den anderen auskommen, das merkt Dora bald. Und trotz aller Animositäten verhalten sich die Dorfbewohner entsprechend. Dora muss die Widersprüchlichkeiten des Lebens aushalten. Sie kann nicht einfach den Kontakt zu jedem vermeiden, an dem sie etwas stört. Und dann ist da noch Gotes kleine Tochter, die einen etwas verwahrlosten Eindruck macht und einen Narren an Doras Hündin gefressen hat. So ein Kind kann schließlich nichts dafür, dass ihr Vater ein Nazi ist. Und so wachsen Beziehungen zwischen Dora und den Bewohnern von Bracken, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Mir hat die Geschichte mit all ihren unperfekten, schrulligen Menschen gefallen. Sie drückt die Verwirrung aus, die viele von uns jetzt empfinden. Wem soll man noch glauben? Was ist richtig und falsch? Wohin entwickelt sich die Welt in der Pandemie, wie soll man sein Leben planen? Der Roman zeigt die Grenzen intellektueller Konzepte auf in einer Zeit, in der man manchmal nur von Tag zu Tag entscheiden kann, was heute zu tun ist.

Ein Roman, der das Klischee des „rechtsradikalen Ostens“ beleuchtet und die komplexe Wirklichkeit in der Coronapandemie widerspiegelt. Eine realistische Geschichte über die menschliche Widersprüchlichkeit, die wir manchmal einfach nur aushalten können, ohne sie zu verändern.
Kerstin, 26. April 2021
Genial
Über den Inhalt wurde schon viel geschrieben, deshalb gehe ich auf den Satz ein, der für mich der Schlüsselsatz dieses neuen Romans von Juli Zeh ist: „Wie viele Varianten von Wirklichkeit können nebeneinander existieren, ohne dass das Konzept zusammenbricht?“ Wieviele Wahrheiten können nebeneinander existieren, ohne dass eine Gesellschaft zusammenbricht?
Greta Thunberg, Coronaleugner, Coronaexperten, AfD-Wähler, Grüne, Dorfnazis, eine alleinerziehende Mutter, die zwischen Nachtschicht und Kinderbetreuung wechselt - alle diese Menschen haben ihre eigene Wahrheit. Es gibt nicht DIE EINE Wahrheit. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Realität. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, sondern so unendlich viel dazwischen. Juli Zehs neuer Roman macht genau das deutlich, und als Leser bin ich mehr als einmal gewillt, die Menschen, deren Lebensanschauung ich eigentlich nicht akzeptiere, zu respektieren, weil ich ihre Beweggründe verstehe.
Barbara Busch, 26. April 2021
Blühende Freundschaften
"Kohls blühende Landschaften gibt es bis heute nicht, die blühenden Freundschaften von Bracken dagegen schon." (S. 346)

Der neue Romantitel von Juli Zeh ist ein gelungenes Wortspiel: Auf "Unterleuten" (2016) folgt nun "Über Menschen", Anklänge an Friedrich Nietzsche nicht zufällig. Beide Romane spielen in unterschiedlichen fiktiven Dörfern in der Prignitz im nordwestlichen Brandenburg, "Unterleuten" im Jahr 2010, "Über Menschen" im ersten Corona-Frühling und -Sommer 2020.

Flucht
Anstatt vieler Perspektiven gibt es dieses Mal nur die Sicht einer Protagonistin: Dora Korfmacher. Die hat mit 36 Jahren ein immer anstrengenderes, zuletzt unerträgliches Leben in Berlin aufgegeben und ist mit ihrer Mischlingshündin Jochen-der-Rochen in ein kurz vor der Pandemie ohne bestimmtes Ziel erworbenes, heruntergekommenes ehemaliges Gutsverwalterhaus mit grauer Stuckfassade und verwildertem Grundstück gezogen. Aus 80 Quadratmeter saniertem Altbau mit Balkon in Kreuzberg wird Dorfrandlage von Bracken, bröckelnde Straßen, efeuüberwucherte ehemalige Kneipen und komplett fehlende Infrastruktur. Vordergründig hat die Wende ihres Lebenspartners Robert vom überzeugten Klimaschutzaktivisten zum fanatisch-selbstgefälligen Corona-Apokalyptiker den Ausschlag gegeben, es ist aber auch eine Flucht vor der Überforderung im sich immer schneller drehenden Projekte-Hamsterrad einer Werbeagentur für nachhaltige Produkte.

Neue Nachbarn
Nicht dass Dora nicht gewarnt gewesen wäre:

"In die Prignitz? Was willst du denn bei den ganzen Rechtsradikalen?" (S. 45)

Unverblümt stellt sich der kahlgeschorene neue Nachbar jenseits der Mauer, Gottfried Proksch, genannt Gote, vor:

„Angenehm“, sagt Gote, „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ (S. 45)

Gote lebt in einem Bauwagen im eigenen gepflegten Garten neben seinem Haus, beherbergt die wegen Corona vorübergehend bei ihm untergebrachte zehnjährige Tochter Franzi und entpuppt sich als ebenso hilfsbereit wie radikal.

Da es bei 285 Einwohnern keine Anonymität gibt, keine Möglichkeit für Dora, sich in der eigenen Blase zu bewegen, kommt sie den 27 Prozent AfD-Wählern zwangsläufig nah:

"In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben. Wirst dich daran gewöhnen müssen." (S. 128)

"Über Menschen" ist eine wohlkalkulierte Zumutung für die Leserinnen und Leser. Kaum hat man sich angesichts der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft und väterlichen Zuneigung von Gote leicht entspannt, pöbelt er über „Pflanzkanacken“, erzählt von Pyrotechnik vor Flüchtlingsheimen, beschimpft eine indische Ärztin oder grölt mit Kumpanen das Horst-Wessel-Lied. Heini, ebenso handwerklich begabt wie Gote, würzt seine selbstlosen Hilfseinsätze mit rassistischen Sparwitzchen. Sadie, alleinerziehende Mutter in Dauernachtschicht, mit einer Wirklichkeit, „in der es um Dinge geht, von denen in Prenzlauer Berg niemand etwas ahnt“ (S. 216/217), beklagt ungerechtfertigte Unterstützung für „die Ausländer“. Das schwule Pärchen Tom und Steffen hat einen AfD-Sticker neben der Klingel („Geht ja nicht anders.“ S. 126), obwohl Steffen in seinem Kabarettprogramm Rechte aufs Korn nimmt.

Leicht zu lesen, schwer zu verdauen
Juli Zeh lässt uns Dora, die mit Youtube-Videos gärtnernde Städterin, beim Erlernen der Dorfregeln und beim Aushalten der Ambivalenzen ihres neuen Lebens zuschauen:

"Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könne das Gute und das Böse spielend leicht auseinanderhalten." (S. 194)

Dora muss, will sie bleiben, Klischees auflösen, lernen, miteinander – statt wie in Berlin übereinander – zu reden und den Glauben an die eigene Überlegenheit aufgeben.

Sehr gelungen sind die oft entlarvenden Dialoge voller sprachlicher Missverständnisse und Doras automatisch anspringendem Werbetexter-Hirn.

Ob wir diesen Roman auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren lesen werden? Ich bin mir nicht sicher. Aber ein interessanter, lesenswerter Diskussionsbeitrag zu aktuellen deutschen Befindlichkeiten ist er auf jeden Fall.
MartinS, 26. April 2021
Vorsicht!
Über Menschen ist der erste Roman, den ich von Juli Zeh gelesen habe. Bisher hatte ich zwar viel von der Autorin gehört, aber wirklich mit ihren Werken habe ich mich nicht befasst. Aber es gibt immer ein erstes Mal und manchmal entdeckt man echte Highlights unter den Autoren, die man sonst nicht auf dem Radar hat. Ist Über Menschen ein Highlight? Nein, obwohl ich Schwierigkeiten habe, das Buch einzuordnen.
Es ist gut geschrieben. Das hat mir gefallen. Es ist sehr glaubhaft und Bracken entspricht in gewisser Weise auch der Skurrilität, die ich gerne in Büchern lese. Und so ist Über Menschen eine gut zu lesende, glaubhafte Geschichte, welche durch seine Atmosphäre den Leser regelrecht gefangen nimmt.
Es könnte fast perfekt sein, gäbe es da ein Thema, mit dem ich meine Schwierigkeiten habe. Und das stört die brandenburgische Idylle.
Ich weiß, dass es kein Schwarz und Weiß gibt und jede Medaille zwei Seiten hat, aber der Doras Nachbar, der Dorf-Nazi geht mir dann doch etwas zu weit. Nationalsozialismus zum Kuscheln... ein schwieriges Thema und in gewisser Weise auch ein problematisches. Ich bin ein bisschen sprachlos ich weiß nicht wie ich meine Gefühle (und mein Entsetzen) ausdrücken soll.
Muss ich Mitleid mit dem Nazi haben? Muss ich den Nazi ernst nehmen? Bedeutet das, dass Nazis gar nicht so schlechte Menschen sind, wie sie immer wieder dargestellt werden?
Mir gefällt zwar, dass Gote (der Nazi) auch eine menschliche Seite hat (natürlich), aber es ist erschreckend, dass man dadurch fast schon Sympathie für ihn entwickelt.
Ist das beabsichtigt? Ich hoffe nicht.
Und ich hoffe nicht, dass man dadurch den Blick auf die Nazis aufweicht.

Über Menschen ist ein gut geschriebenes Buch, das jedoch mit Vorsicht zu genießen ist.
Jennifer Z., 26. April 2021
Ein pointierter und brandaktueller Gesellschaftsroman
Ein Roman über Menschen oder über Übermenschen? In ihrem neusten Buch kritisiert Juli Zeh schonungslos die Gesellschaft, die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen (explizit in Corona-Zeiten), aber vor allem den Rechtspopulismus. Dabei ist das keine Geschichte über einen bösen Nazi und eine linke Großstädterin, sondern eine tiefgründige und philosophische Geschichte über die wahren Werte und das Zu-sich-Selbst-finden. Wer kennt es nicht, das Blubbern im Innern, ausgelöst durch Stress und der ständigen Hektik? Dora muss erst lernen, mal nicht ständig etwas tun zu wollen.
In kurzen Kapiteln mit schönen Überschriften lernen wir Workaholic Dora und ihre Vergangenheit und Gegenwart kennen: Eine Mitte-30erin, erschöpft vom Leben, erschöpft von ihrem übereifrigen Greta-Thunberg-Fan-Freund, die eigentlich gar nicht weiß, wie sie zu Klimawandel, Rassismus und AFD steht, aber es sich von anderen einreden lässt. Erst auf dem Land, beim Kartoffelpflanzen, hat sie endlich einen freien Kopf dafür.
Neben dem starken Inhalt besticht der Roman außerdem durch einen flüssigen Schreibstil, durch authentische Figuren und durch eine Prise Witz.
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Mein Fazit: Wer einen brandaktuellen und pointierten Roman sucht, der einem den Menschen von heute (vor allem während der Pandemie) vor Augen führt, dem sei dieser tolle und unglaublich starke Roman empfohlen. Ich habe das Buch unheimlich gern verschlungen und zähle es zu meinen Highlights.
Emelie.Ellen, 25. April 2021
Ich fühle mich absolut verstanden!
Um was gehts?
Dora muss raus. Raus aus Berlin, raus aus ihrer Beziehung, raus aus dem Corona-Kosmos. Rein ins ruhige Brandenburg. Doch so einfach ist das nicht. Neben ihr wohnt der „Dorf-Nazi“ und beruflich läufts auch nicht mehr so gut.

Wie hat es mir gefallen?
Es hat mich absolut an „Unterleuten“ erinnert: Das Dorf, die Brandenburger*innen, die Kampfläufer... Genau wie bei „Unterleuten“ bin ich durch die Seiten geflogen. Zehs Schreibstil hat mich abgeholt und ich konnte richtig eintauchen.
Anfangs war ich mir unsicher, ob ich mich wirklich in meiner Freizeit auch noch mit Corona beschäftigen will. Das Buch hat mich aber nicht runtergezogen, sondern, im Gegenteil, richtig aufgebaut. Ich habe mich von Dora verstanden gefühlt und gemerkt, dass es für mich auch mal okay ist, sich bewusst nicht die neusten Nachrichten durchzulesen, sondern einfach mal abzuschalten. 💪🏻
Es werden auch andere aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme angesprochen. Z.B. spielen die „Friday für Future“ Demonstrationen und Rassismus eine Rolle und der Tod von George Floyd wird explizit thematisiert. Zwischendrin habe ich mich gefragt, ob diese Themen im Buch heruntergespielt werden. Für mich bin ich zum Schluss gekommen, dass ich das nicht finde. Es wird deutlich, dass es manchmal kein „Schwarz und Weiß“ gibt.
Ach, ich liebe Juli Zehs Beschreibungen vom Brandenburger Dorfleben einfach sehr!
Große Empfehlung von mir! 👍
Tsubame, 25. April 2021
Flucht nach Brandenburg
Wir schreiben das Jahr 2020. Die Medien werden beherrscht von täglichen Corona-Schreckensmeldungen. Begriffe wie lockdown, shutdown und systemrelevant prägen den täglichen Diskurs.

Dora, 36 Jahre alt, in der Werbung tätig und unzufrieden mit ihrer Beziehung zu Robert, mit dem sie sich eine Wohnung in Berlin teilt, flieht mit ihrer Hündin aufs Land: genauer gesagt nach Bracken in Brandenburg, wo sie sich ein altes Haus gekauft hat.

Ihr Nachbar, dessen Grundstück hinter einer grauen Wand verborgen liegt, stellt sich ihr als "Dorf-Nazi" vor und droht damit, ihren Hund platt zu treten, wenn er ihn noch einmal beim Buddeln in seinem Kartoffelbeet erwischt.

Gote, wie sich der neue Nachbar nennt, hat einen Schlüssel zu Doras Haus, in dem er ungefragt ein Bett, diverse Stühle und eine Palme abstellt. Eine Tochter hat Gote ebenfalls, und auch diese klinkt sich schon bald in Doras Leben ein.

Dora, für die gute Nachbarn eigentlich solche sind, die gar nicht erst da sind, muss sich mit einer Reihe skurriler Dorfbewohner auseinandersetzen, die alle mehr oder weniger harmonisch in Bracken koexistieren. Doch während sie anfangs noch als Zugezogene aus dem Rahmen fällt und bestenfalls ein "Ach-ihr-Städter-Lächeln" erntet, wird sie schon bald fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft, kümmert sich um Gotes Tochter Franzi und schließlich auch um Gote, als dieser ihre Hilfe braucht.

Meine Meinung: Ich hatte vorher noch kein Buch von Juli Zeh gelesen und war begeistert von ihrem neuen, höchst menschlichen Roman. Es ist ein Buch über Menschen und Übermenschen, womit aber nicht allein Gote, der Dorf-Nazi, gemeint ist. Nicht die "Liebe in den Zeiten der Cholera", sondern die "Liebe (oder Mitmenschlichkeit) in den Zeiten von Corona" ist hier das Thema und wird auf unterhaltsame, witzige und nachdenkliche Art und Weise präsentiert. Mich hat die Geschichte gefesselt und berührt und ich hoffe, dass es auch in Zukunft weitere Geschichten aus Brandenburg von Juli Zeh geben wird. Lesehighlight!
Lesen.ist.liebe, 25. April 2021
Großartig!
Der 36jährigen Dora wird in Berlin grade alles zu viel; die Großstadt, der Lockdown, der stressige Beruf und besonderes ihr Freund Robert, der erst als Klimaaktivist und jetzt mit Corona eine neue Bestimmung gefunden hat. Dora kann seine radikale Ansicht nicht mehr ertragen und als er ihr sogar die Spaziergänge mit dem Hund Jochen-der-Rochen verbieten möchte, zieht Dora mit ihrer Hündin kurzerhand in die Provinz - nach Bracken in Brandenburg. Dort hat sie ein renovierungsbedürftiges Haus gekauft und möchte sich selbst versorgen. Alle haben sie gewarnt vor der Provinz, vor der Einsamkeit und den Rechtsradikalen und prompt stellt sich ihr Nachbar Gote als der "Dorf-Nazi" vor und im Nachbarsgarten wird das Wessellied gesungen. Dass hier die AfD gewählt wird, sieht man schon am Briefkasten kleben... Doch Dora stellt fest, dass es nicht nur Schwaz und Weiß gibt und dass das Leben komplexer ist, als es einfach so mit einem Blick zu erfassen und Widersprüche sich manchmal gar nicht auflösen müssen.
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"Und ob ich was Besseres bin! Hundert mal besser als du!" Gote reagiert nicht, dafür wird Dora etwas klar. Die Worte klingen richtig, und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. "Und ob ich besser bin." Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst. (S. 367)
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Für mich ist "Über Menschen" einfach großartig und richtig gelungen. Juli Zeh hat eine besondere Art zu Schreiben, der trockene Humor, die Selbstironie, die Ausarbeitung der Protagonistin Dora und die Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen in einer Geschichte, die nicht belehren oder erklären möchte, sondern jedem den Freiraum lässt, sich eigene Gedanken darüber zu machen. Dora ist eine sympathische junge Frau, die sich viele Gedanken macht. Es gibt nicht nur die eine Meinung, die "bessere" Meinung, es gibt Menschen, die ihre eigene Geschichte haben. Kann ein vorbestrafter Nazi auch ein guter Vater sein und ist es möglich, eine Art von Nähe herzustellen zu einem Menschen, dessen politische Einstellung man verachtet? Juli Zeh macht die Antwort nicht einfach. Und Vielleicht muss hier jeder seine eigene Antwort finden...
Yvonne, 24. April 2021
»Wir sind nicht, was die anderen denken.«
Was ist es, das Dora zu ihrer Flucht ins kleine brandenburgische Kaff Bracken, getrieben hat? Ist es ihre zerrüttete Beziehung zu Robert, der sich immer weiter von ihr zu entfernen scheint seit die Corona-Pandemie nicht mehr nur eine kleine Schlagzeile in der Zeitung ist? Oder ist es einfach nur der nächste logische Schritt für die Werbetexterin, die in ihrem Tun nicht systemrelevant ist und das ja dann auch von überall her sein kann? Eine Flucht aus dem Hamsterrad – ein Reset – der vor dem Ausbrennen retten und gleichzeitig die Kraft zum Weitermachen liefern soll. Kann sie es überhaupt mit sich allein aushalten?

»Sie muss ihre Gedanken beruhigen, die mal wieder tun, was sie wollen. Dora kann sie hundertmal zur Ordnung rufen, sie entwischen trotzdem, greifen nach ihren Lieblingsspielzeugen und veranstalten in ihrem Kopf ein heilloses Durcheinander.«

Auf der Suche nach einer Antwort kehrt Dora der Großstadt Berlin den Rücken und zieht mit ihrer Hündin »Jochen-der-Rochen« in ein altes Gutsverwalterhaus in die Provinz. Und tatsächlich gelingt es Dora, sich allmählich zu entschleunigen, ihr Gedankenkarussell abzubremsen, und das obwohl ihr neues Landhausleben sie vor Probleme ganz anderer Art stellt. Eines davon ist ihr Nachbar Gote, der sich als »Dorfnazi« vorstellt und kein Problem damit hat, das Horst-Wessel-Lied gemeinsam mit Saufkumpanen zu trällern.

»In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über Menschen erheben. Wirst dich dran gewöhnen müssen.«

Das hat Dora nicht kommen sehen und sie muss lernen damit umzugehen, dass ihr eben dieser Nachbar unaufgefordert ein Bett zimmert, Küchenstühle spendiert und die Wände streicht. Ihr Weltbild gerät ordentlich ins Wanken, Schubladendenken in Schwarz-Weiß geht nun nicht mehr. Was tun?

»Weitermachen ist die einzig sinnvolle Antwort auf das Weitergehen. Die einzige Chance auf Anpassung an das Ungeheuerliche.«

Und das tut Dora und wir, die Leser, mit ihr. Für mich eine wahrhaft erhellende Reise, die mich gefesselt und bewegt hat. Juli Zeh versteht es mit prägnanten Sätzen und beinahe minimalistischer Sprache genau ins Schwarze zu treffen. Dabei gibt sie kein Denkmuster vor, sondern lässt ihre Protagonistin selbst herausfinden, was richtig oder falsch ist. Oder gibt es überhaupt das Eine ODER das Andere? Ihre Figuren sind menschlich, fehlerbehaftet – eben keine Übermenschen, was es dem Leser leicht macht, sich in die Charaktere einzufühlen. Dabei geht es primär nicht darum, Positionen einzunehmen, Klischees zu stützen oder zu stürzen, sondern vielmehr darum, das eigene Denken, die eigenen Ansichten zu hinterfragen. Komplexität ist ein Schlüsselwort, das auf die Menschen zutrifft – egal wo sie leben. Das Zusammenleben selbst ist sogar noch komplexer, oft auch komplizierter. Sich dieser Herausforderung zu stellen und dabei sich selbst nicht zu verlieren, ist wohl eine (Über)Lebensaufgabe.

»Über Menschen« ist ebenso wie »Unterleuten« ein großartiger Roman, der leicht unterhält und schwer nachhallt. Ein Highlight, das ich persönlich uneingeschränkt empfehlen kann.

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Manja Kendler, 24. April 2021
Hinter der Gartengrenze
Dieses Buch hat mich magisch angezogen, eingelullt und bewegt. Wie ein Urlaub, bei dem nicht alles schön ist, ist es einerseits eine willkommene Auszeit der Protagonisten Dora ins Exil zu folgen, Jochen der Rochen zu beobachten und der Vielzahl an Gedanken zu lauschen, die mitten in der Coronapandemie zwischen schwarz und weiß versuchen, Brücken zu schlagen, wo andere schon vor ihr scheiterten. Andererseits stellen Ambivalenz, Dualismus und die Grenzen der Toleranz diesen Roman in ein gnadenloses Licht einer Zeit, die direkt vor der Haustür liegt. Zwischen Berliner Großstadthektik, Landstraße und ein 4000 Hektar Brachfeld in Bracken stehen Lebenskonzepte, die sich aufweichen, sich vermischen, aber auch an Grenzen reiben. Doras Ideen und Suche nach etwas was wachsen darf, ist schmerzhaft, doch menschlich und mit Loslassen verbunden. Dorfnazis, Rassismus, Klimawandel, Meinungen und unerträgliche Zustände – sind keine Probleme, die Juli Zeh lösen kann, doch dieser Roman hat das Potenzial zu sensibilisieren, wachzurütteln, zu beobachten beim Beobachten über die Grenzen hinweg. „Über Menschen“ ist eine Momentaufnahme unserer narzisstischen und traumatisierten Gesellschaft mit Blick des Einzelnen in dem Fall Dora, die versucht, genau da ihren oder einen Platz zu finden und im besten Falle den Leser inspirieren, selbst und anderen dieser inneren Stimme und Suche Raum zu geben.
Susanne, 23. April 2021
wenn es doch alles nur so einfach wäre
Ich war immer der Meinung, daß Gegenwartsliteratur nichts für mich ist. Dieses Buch hat mich eines besseren belehrt. Es ist hochaktuell und doch zeitlos. Wenn alles nur schwarz und weiß wäre, dann wäre es einfach, aber einfach langweilig. Das Leben ist bunt und so verschieden sind auch die Menschen, Meinungen, Ansichten und das erkennt auch die Protagonistin Dora in diesem Buch. Ich bin in dieses Buch eingestiegen, habe Dora kennengelernt und mit ihr und durch sie gelernt, das schwarz/weiß nicht für jedermann möglich ist, aber es ist auch schwer in der Informationsfülle unserer Zeit seinen Weg zu finden.
Ich habe das Buch skeptisch begonnen und konnte es kaum aus der Hand legen sowohl wegen der Aktualität des Themas als auch wegen des wunderbaren Schreibstils. Es war mein erstes Buch von J. Zeh und wird wohl nicht mein letztes gewesen sein.
Melanie E., 22. April 2021
AlltagsFlucht(en)
"Über Menschen" ist ein Roman, dessen Titel nicht stimmiger sein könnte, wie hier gewählt. Es ist ein Roman über Menschen und ein kleiner Einblick in deren Gedankengut. Nur Juli Zeh gelingt es sachlich und mitunter auch emotionslos Tabuthemen und aktuelles Geschehen in einen Roman einfließen zu lassen, um ihn dadurch noch einprägsamer für mich als Leserin zu gestalten.
Um ihrem unerträglichen Alltag zu entfliehen, der durch Pandemie und Klimaschutz gegründet wird, zieht es Dora nach Bracken. Raus aus der Großstadt und fern dem Lockdown, versucht sie zur Ruhe zu kommen. Sie trifft auf Menschen, die ihr in Berlin sicherlich niemals begegnet wären, was diesen Roman einfach so herrlich sarkastisch wirken lässt. Wunderbar ist allerdings, das Menschen, auch wenn sie sich komplett von meiner Gesinnung entfernt leben und ihre Eigenarten mich vielleicht auch abstoßen würden, "Über Menschen" beleben können und es definitiv authentisch wirken lassen. Die politische Gesinnung in Bracken ist absolut AfD angehaucht und muss von Dora erstmal verarbeitet werden, bzw. muss sie den Menschen hinter der Wahlentscheidung sehen. Es wirkt kurios und absolut verrückt und dennoch sind es letztendlich diese Nachbarn die Dora unterstützen, während ihr Freund Robert im fernen Berlin seinen Idealen nachjagt. Es ist absolut verrückt und durch die Realität in der wir uns befinden, ein Roman der in das Zeitgeschehen passt.
Sehr eindrücklich ist die Veränderung der Persönlichkeit von Dora beschrieben, die innerhalb der Story über sich hinauswächst. Mr hat sehr zugesagt, wie sie sich weiterentwickelt. Zuvor kam sie mir eher so vor, als hätte sie innerhalb ihrer Beziehung zu Robert wenig Freiraum und auch innerhalb ihrer Ursprungsfamilie wenig Selbstbewusstsein mitbekommen hat. Nun trifft sie ihre Entscheidungen selbstständig und kann sich irgendwann auch komplett auf ihre urige Nachbarschaft einlassen. Sie übernimmt für sich und andere die Verantwortung und wird nicht mehr gegängelt. Der Umzug nach Bracken ist für Dora eigentlich die beste Entscheidung, die sie hätte treffen können, auch wenn sie gekündigt wird und nicht weiß, wie sie ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Hündin bestreiten soll. Die Freundschaften die sie schließt werden ihr zwar das Herz brechen, aber eine innere gute Verwandlung hervorrufen. Manchmal schreibt das Leben Geschichte und eine Story über Menschen ist ebenfalls sehr gelungen gewählt.

Wieder einmal war "Über Menschen" ein gelungenes Buch der Autorin, welches ich mit Begeisterung gelesen habe. Ich habe schon erwähnt, das die Autorin eine eigenwillige und mitunter auch emotionslose Art des Schreibens für sich gefunden hat, die mir aber dennoch sehr zusagt, da zwischen den Zeilen gelesen "Über Menschen" wirklich hochkarätig ist. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung!
Elfriede, 22. April 2021
Wunderschöner, zeitkritischer Roman über das Leben in dieser Zeit
Leben mit Corona, inzwischen wird fast jeder denken, hört das vielleicht nie mehr auf.
Der Roman von Juli Zeh beginnt in der Zeit des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020.
Dora will raus aus Berlin, nachdem ihre Beziehung mit Robert zum Desaster wird, da dieser von der Pandemie beherrscht ist. Dora hat sich vor einiger Zeit ein altes, renovierungsbedürftiges Gutsverwalterhaus in dem brandenburgischen kleinen Provinz-Straßendorf „Bracken“ gekauft.
Ohne Möbel, aber mit ihrer kleinen Hündin „Jochen der Rochen“, flieht sie in das alte Haus mit einem großen, sogenannten völlig verwilderten Flurstück (Grundstück).
Ein Dorf und Brandenburg verbinden wir automatisch mit der AfD, Nazis und Rechtsradikalen.
Als sich der direkte Nachbar als Dorfnazi „Gote“ von Gottfried vorstellt scheint sich das Klischee für Brandenburg erst mal zu bewahrheiten.
Doch im weiteren Verlauf des Romans wurde man überrascht von der Hilfsbereitschaft der Nachbarn, plötzlich stehen Möbel in ihrem Haus, nächtliche Aktivitäten auf ihrem Grundstück beunruhigen Dora. Man lernt nach und nach einige Seiten der vielfältigen Bewohnerschar kennen. Ungeahnte Schwierigkeiten, wie Einkaufen ohne Auto und der Bus fährt nur alle 3 Stunden, wenn überhaupt, machen das Leben in Bracken nicht leichter.
Der Dorfnazi mit seiner etwas nervigen kleinen Tochter Franzi, die zeitweise bei ihm wohnt, zeigt eine selbstverständliche Hilfsbereitschaft, wie sie Dora bisher nie erfahren hat, vor allem nicht in ihrer Familie. Viele Diskussionskämpfe mit Gote, tolle Situationskomik und auch sehr traurige Momente und eine hinreißende Beschreibung der schönen Landschaft machen den Roman zu einem tollen Leseerlebnis.
Eine schöne, letztendlich aber auch eine traurige Geschichte über das Leben der Menschen in dieser Zeit, mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und Erfahrungen des Lebens.
Abschließend möchte ich bemerken, dass ich nach dem Lesen der ersten Seiten so einen nachdenklich machenden und berührenden Roman nicht erwartet hätte.
Anja Kirchner, 22. April 2021
Über Menschen
Ich mag die Bücher der Autorin Juli Zeh wahnsinnig sehr.
Bei Ihrem Roman ,,Über Menschen,, passt alles perfekt zusammen. Mit Jochem dem Rochen bzw. Ihrer Hündin "flieht" Dora aus dem Dschungel Berlin nach Brandenburg... genauer nach Bracken in Brandenburg.
Es passt einfach alles perfekt zusammen in diesem Roman man möchte schreien vor Lachen, einfach losprusten und dann ist man so geflasht das man die ein oder andere Träne nicht zurückhalten kann. Es wird gezeigt das das Leben nicht immer nach Plan verläuft und Zuckersüß und rosarot ist.
Absolute Leseempfehlung!!!
Burgherr, 21. April 2021
"Unterleuten" unter dem Mikroskop.
Juli Zehs Werk "Unterleuten" hatte mich 2016 begeistert. Selten habe ich ein Buch so vielen Menschen in meinem Umfeld ans Herz gelegt. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Der Erfolg des Romans empfahl den Stoff für eine Filmversion. Diese lief 2020 im ZDF und darf m. E. ebenfalls als gelungen betrachtet werden. Die vielschichtige Handlung reichte sogar für drei Teile (über jeweils 90 Minuten), die zu keinem Zeitpunkt langweilig oder -atmig wirkten.

Mit "Über Menschen" liefert Juli Zeh nun nach: Erneut dreht sich ein Roman um das Leben in einem ostdeutschen Dorf. Doch dieses mal erscheint die Geschichte wesentlich persönlicher und wie ein Ausschnitt aus "Unterleuten" unter dem Mikroskop. Zeh benötigt nur sieben Personen um ein Universum aus Gegensätzen aufzubauen. Da darf der Dorfnazi ebenso wenig fehlen wie das schwule Pärchen.
Die Protagonistin Dora flüchtet genervt von ihrem Leben, ihrem Freund und Corona aus Berlin in ein Dorf in Brandenburg. Dort erlebt sie hautnah die "Erdung", welche dieser Orts- und Perspektivwechsel mit sich bringt. An ihren Eindrücken und durchaus auch ihrer Verwandlung demonstriert die Autorin im Zeitraffer die Unterschiede zwischen dem Leben in der Großstadt und auf dem ganz flachen Land. Aus anfänglich unüberwindbar erscheinenden Differenzen entwickeln sich Verständnis und sogar Sympathie.

Wie bereits mit "Unterleuten" fesselte mich Zehs Erzählweise. Die gut 400 Seiten reichten kaum über das Wochenende hinaus. "Über Menschen" liefert lustige sowie traurige Momente und wirbt in beeindruckender Weise für gegenseitiges Verständnis und Offenheit. Neben Maja Lundes "Als die Welt stehen blieb" wird auch dieses Buch einen Platz in meinem Regal finden um "nach Corona" an die dann hoffentlich unglaublichen Situationen und Erfahrungen während der Pandemie zu erinnern.
Doris H. , 19. April 2021
Ein unerwartetes Lesevergnügen
Der Titel des Buches wird dem Inhalt meiner Meinung nach nicht gerecht. Das ist auch das einzige was aus meiner Sicht nicht so ganz stimmig ist. Sowohl die Protagonistin mit ihren mutigen und konsequenten Gedanken - denen oft unerwartete Handlungen folgten, wie auch die sprachlich brillanten Beschreibungen von Situationen hat mich großartig unterhalten. Auf fast jeder Seite habe ich mich amüsiert über die Heiterkeit und gleichzeitig den Sarkasmus zu den Geschehnissen. Das Ende ist stimmig und es wirkt nach!
katrinb, 17. April 2021
Vor dem Hintergrund von Corona
Dora lebt in privilegierten Verhältnissen und hat eigentlich alles, was sie sich wünschen könnte. Sie arbeitet in Berlin als Werbetexterin, als Corona über sie und die Welt hereinbricht. Ihre latente Unzufriedenheit und Unruhe bricht sich nun Bahn, sie hält die Großstadt und ihren Freund, einen hysterischen Klimaaktivisten, der nun zusätzlich zum Pandemie-Apokalyptiker geworden ist, nicht mehr aus und zieht mit ihrem kleinen Hund in ein verwahrlostes Haus in der brandenburgischen Provinz, wo sie hofft, zu sich zu kommen. Aber in Bracken ist die Welt alles andere als in Ordnung. Doras unmittelbarer Nachbar ist ein erklärter Nazi, weitere Anwohner entpuppen sich als AfD-Wähler. Dann ist da noch eine alleinerziehende, überforderte Mutter und ein vernachlässigtes Kind… Trotz ihrer Vorbehalte gelingt es Dora, sich letztendlich den Menschen anzunähern und ihnen über alle ideologischen Differenzen hinweg mit Verständnis und Menschlichkeit zu begegnen.
Juli Zeh entwirft ein Bild der deutschen Gegenwart, das mir sehr vertraut ist. Ihre Beobachtungen sind treffend, oft witzig und sehr oft habe ich mich in ihrer Protagonistin wiedererkannt. Ihre Zweifel, Sorge und Ratlosigkeit angesichts einer plötzlich unsicher gewordenen Realität kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Lebensgefühl in Deutschland angesichts der 2020/21 herrschenden Pandemie ist gut eingefangen, Probleme wie Klimawandel, Tristesse in der Provinz, Bildungsnotstand, Prekariat usw usw. werden angesprochen, es ist fast eine Art Tagebuch, in dem man später nachlesen kann, was 2020/21 deutsche Tagesaktualität war.
"Über Menschen" liest sich sehr angenehm und flüssig, Juli Zeh schreibt unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich habe ich das Buch in nur zwei Tagen förmlich verschlungen, im Nachhinein hat es mich doch jedoch einigermaßen ratlos hinterlassen. Durch die unmittelbare Nähe zu ihren Nazi-Nachbarn ist Dora gezwungen, sich ihm auseinanderzusetzen und im Laufe der Geschichte entwickelt sich eine Art von Freundschaft zwischen den beiden. Was will die Autorin damit sagen? Dass auch Rechtsradikale einen guten Kern haben und nette Menschen sein können, wenn man ihnen nur mit Verständnis begegnet? Dass sie nur Opfer der Umstände sind? Dass man ihnen von Mensch zu Mensch begegnen soll? Dass es nur kleinen Hund braucht, um verwahrloste Kinder wieder auf den rechten Weg zu bringen? Ich weiß ja nicht….. Das alles erscheint mir doch etwas platt.
Die drei Sterne vergebe ich für die gelungene Schilderung meiner Gegenwart und dafür, dass ich mich gut unterhalten gefühlt habe. Das war’s dann aber auch.
Stefanie Reich, 15. April 2021
(K-) eine heile Welt?
Dieses Buch war mein erstes Buch, das ich von Juli Zeh gelesen habe.
Es beginnt mit der Beschreibung der Gartenarbeit der 36-jährigen Hauptfigur Dora und ihren Gedanken in der Einsamkeit ihres neu gekauften alten Hauses im fiktiven Ort Bracken in Brandenburg.
Die ersten Seiten musste ich mich an ihre Sprache, Gedankensprünge und Rückblenden gewöhnen und manche Sätze auch zweimal lesen. Aber dann ist es ein Genuss, weil in einem Satz so viel verpackt ist und ich oft dachte: „Ja, genau so ist es.“

Ihre aktuellen Beschreibungen der Corona-Zeit, machen das Buch zu einem Zeitdokument und ich musste öfters daran denken, dass in mehreren Jahrzehnten hoffentlich die Leser denken: „Das kann doch nicht wirklich so gewesen sein!?“ Letztlich geht es in diesem Buch um verschiedene Lebensentwürfe, verschiedene Gesinnungen und trotzdem auch um Zusammenhalt; vor allem anfangs erzählt Juli Zeh viel in Rückblenden aus dem Leben von Dora und wie es zu ihrem Umzug kam.
Oft musste ich Lachen und genauso oft blieb mir das Lachen dann doch im Hals stecken, zum Beispiel beim ersten Zusammentreffen mit ihrem Nachbarn Gote („Angenehm. Ich bin hier der Dorfnazi.“) Mit Gote entwickelt sich eine Freundschaft trotz der inneren und äußeren Widersprüche. Im Laufe der Geschichte bekommt Dora ihre Kündigung und ihr Leben in Bracken wird somit nicht vorläufig, sondern es ist ihre einzige Alternative. Aus ihrer Berliner Blase herausgetreten kämpft Dora mit der Realität, die eben nicht nur schwarz oder weiß ist. Doras Gedankenspiele sind mal lustig, mal nicht politisch korrekt und der Leser muss sich fragen, wo stehe ich? Manche Beschreibungen sind schwer auszuhalten, z.B. das Nazitreffen im Nachbargarten und ich habe das Unbehagen und die Wut von Dora gespürt. Und letztlich bringt es ein Freund von Dora auf den Punkt: „Es geht nicht darum, Widersprüche aufzulösen, sondern sie auszuhalten.“ Genau das ist die Schwierigkeit und meistens neigt man dazu vor solchen Situationen wegzulaufen oder sie zu ignorieren, damit das eigene Weltbild nicht ins Wanken gerät.
Im Laufe der Geschichte vertieft sich die Freundschaft mit Gote und ich habe mich gefragt, wie die Geschichte zwischen den beiden endet. Wie dann die Geschichte weitergeht und an Dramatik gewinnt, möchte ich nicht verraten, aber letztlich ist es eine logische Fortführung der Geschichte. Leider! Ich musste ein paar Tränen verdrücken.
Als ich die letzte Seite gelesen hatte, konnte ich das Buch nicht gleich aus der Hand legen und in meinen Alltag zurückkehren. In meinem Kopf war noch so viel in Aufruhr.

Fazit: Ich habe für dieses Buch eine kurze Eingewöhnungsphase mit mehreren kurzen Lesezeiten gebraucht, dann es aber auf einen Rutsch fertig gelesen. Es ist keine Heile-Welt-Geschichte, sondern eine Reale-Welt-Geschichte und man kommt nicht umhin, sich selbst Gedanken über die eigene Weltsicht und persönlich gefühlte Wirklichkeit zu machen.



Katrin Berger, 15. April 2021
Endlich ein Buch, das sich traut, auch Corona zu thematisieren
Wieder ist Juli Zeh ein sehr lesenswertes, authentisches Buch gelungen, endlich eines, daß Corona nicht in der Vergangenheitsform kurz streift, sondern sehr konkret die Zerissenheit und Unsicherheit eines großen Teiles der Bevölkerung aufgreift. Nicht weniger nachvollziehbar widmet sie sich dem Thema Rechtsradikalismus und wirft durchaus die Frage auf, was Menschen zu Rechtspopulismus und AfD treibt. Ich hätte mir allerdings am Ende gewünscht, daß Dora die Entscheidung nicht so einfach gemacht würde.
Gela, 13. April 2021
Am Ende sind wir alle nur Menschen
2020 - Dora beschließt ihren persönlichen Lockdown und flieht zusammen mit ihrer Hündin Jochen der Rochen aus Berlin hinaus aufs Land. Doch statt ruhiger Landidylle zieht es sie in ihr neu erworbenes Domizil mitten im Nichts nach Bracken in Brandenburg. Sie hofft auf Abstand und Ruhe nach der Enge einer komplizierter werdenden Beziehung, die immer stärker von Klima- und Pandemieaktivismus durchdrungen wird. Doras innere Zerrissenheit will trotz allem nicht zur Ruhe kommen. Erst als die Dorfbewohner mehr Raum in ihrem Leben einnehmen und ihre vorgefertigten Schubladenraster nicht mehr passen wollen, kann sie sich ihren Ängsten stellen und gewinnt eine neue Sicht auf sich und die Menschen.

Juli Zeh gibt mit Covid 19 nur den Zeitrahmen vor, nicht die Handlung. Es geht um unsere Gegenwart, den Umgang miteinander, das Vergessen von kleinen wunderbaren Dingen, Ängsten und deren Bewältigung und um Stärke im richtigen Moment zu handeln.

Bracken, ein fiktiver Ort in Brandenburg, ist so beschrieben, wie man sich als Außenstehender ein ostdeutsches Dorf mit schwacher Infrastruktur, Arbeitslosigkeit und desillusionierten, wortkargen Menschen vorstellt. Hier möchte man nicht tot über den Zaun hängen. Aber genau an diesen Ort zieht es die 36-jährige Werbetexterin Dora. Nur weg aus Berlin und aus der Beziehung. Sie stört sich weder an dem maroden Zustand ihrer erworbenen Immobilie, noch an fehlenden Möbeln. Plan- und ahnungslos widmet sie sich ihrem Garten in der Hoffnung, einmal Freunde einladen zu können, sie sie gar nicht besitzt.

"Inzwischen kennt sie eine Menge Formen von Unruhe, Furcht und Aufregung. Sie hat die verschiedenen Zustände beobachtet, analysiert und katalogisiert. Sie ist eine Archivarin der Nervositäten."

Wer Dinge gerne nach Schwarz und Weiß sortiert, sollte sich auf ein Leseabenteuer gefasst machen. Juli Zeh ist es glaubhaft gelungen, einem "Dorf-Nazi", wie sich Doras Nachbar Gote selbst vorstellt, ein fast schon liebenswertes Profil zu verpassen. Der anfänglich grobe Nachbar, der sich hinter einer Mauer von Doras Grundstück abgrenzt, zeigt mehr und mehr raue, liebenswürdige Facetten. Heimlich wandern Möbel von ihm in Doras Haus, er organisiert einen weiteren Nachbarn, um dem Unkraut den Garaus zu machen. Aber gleichzeitig lernt man seine Vergangenheit kennen: eine Messerattacke, Nazigesänge und offen gezeigte Fremdenfeindlichkeit. Doras anfängliche Abneigung Gote gegenüber bröckelt, weiß sie doch die guten Seiten zu schätzen. Fragen und Ängste türmen sich dennoch in Dora auf. Darf man einfach wegschauen? Sollte man etwas unternehmen?

"Das Gehirn gewöhnt sich an die Vorgaben der Angst, integriert sie ins Denken und verwischt die Spuren. Man leidet nicht unter der Angst, man praktiziert sie."

Vorbei ist es mit der selbst gewählten Einsamkeit, denn das brandenburgische Dorfleben schwappt ungefragt in Doras Leben. Trotz aller Gesellschaftskritik fließt auch eine Welle Humor durch die Handlung. Nachbar Heini schreckt vor keinem zu platten Witz zurück und zwei schräge Unternehmer, die anfangs als Drogenanpflanzer verdächtigt werden, stellen sich als blumensträußchenbindende AfD'ler und Comedian heraus. Zu lange darf man sich aber nicht an den unterhaltsamen Stellen aufhalten. Denn wie so oft im Leben wendet sich das Blatt und die Angst gewinnt wieder die Oberhand.

"Auf der Rückseite dieser Liebe wohnt die Angst, einander zu verlieren. Ebenso grenzenlos, ebenso abgrundtief. Das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann."

Mich hat dieser Roman überraschend in seinen Bann gezogen. Nicht nur die besonders gut herausgearbeiteten Charaktere, sondern auch die politische Grundstimmung dieser Zeit ist deutlich spürbar. Die Handlung regt an vielen Punkten zum Nachdenken und Hinterfragen an und macht deutlich: Es geht hier nicht um Rollen, Schubladen oder Kategorien. Am Ende sind wir alle nur Menschen.

TochterAlice, 12. April 2021
2020 in einem brandenburgischen Dorf
Worauf das hinausläuft, das dürfte jedem, der dieses Jahr in Deutschland erlebt hat, klar sein: ein Leben mit Corona. Denn der Zeitpunkt des Geschehens ist von Beginn an völlig klar: Frühjahr und Sommer 2020, die ersten Monate der Covid19-Pandemie. Aber nicht nur: es ist auch ein Leben mit Andersdenkenden, - fühlenden und -kommunizierenden. Das wird Dora gleich bei ihrem Start ins neue Leben im kleinen Örtchen Bracken klar.

Wer meint, dass dies ein mehr oder weniger müder Abklatsch von Zehs Gesellschaftsroman "Unterleuten" ist, ist schief gewickelt. Denn dort stand die Sozialstruktur des gesamten Dorfes Unterleuten im Fokus, es gab so gesehen keine Haupt- oder Nebenfiguren.

Hier jedoch ist es komplett anders: die aus Berlin vor ihrem sich zunehmend zuerst im Greta-Thunberg-Klimaschutz-, dann im Corona-Regel-Einhalte-Nebel verlierenden Gatten aufs Dorf geflohene Dora ist ganz klar die Protagonistin No. 1 , aus deren Perspektive berichtet wird. Ihr Radius in Bracken selbst richtet sich auf die unmittelbare Nachbarschaft, quasi auf die Häuser nebenan, gegenüber und um die Ecken, die - so scheint es zunächst - samt und sonders von Männern bewohnt werden. Dora erkundet das Dorf gemeinsam mit ihrer Hündin Jochen dem Rochen und entdeckt zunehmend eine für sie fremde Welt.

Nebenan wohnt Gottfried, genannt Gote, der sich Dora direkt als Dorfnazi vorstellt, über einen Schlüssel zu ihrem Haus - früher der Kindergarten des Dorfes - verfügt. Und - wie sich erst später herausstellt - über eine Tochter namens Franzi, die sich zeitweise bei ihm aufhält und offenbar sehr vernachlässigt wird.

Dann gibt es noch Handwerker Heini und das Paar Tom und Steffen - auch an denen kommt Dora nicht vorbei. Von all diesen Menschen erfährt sie eine absolut selbstverständliche Hilfsbereitschaft, wie sie ihr bisher nie begegnet ist - nicht von ihrem Vater, dem berühmten Gehirnchirurgen aus Münster mit Zweitarbeitsplatz an cer Charité und erst recht nicht von ihrem Bruder Alex, in dessen "Weltbild Menschen dazu da sind, sich um ihn zu kümmern. Besonders Dora." (S.111)

Denn das Dorf hat seine völlig eigenen Regeln, wie auch Dora schnell klar wird: "In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht so leicht über die Menschen erheben." (S.128) Wie selbstverständlich halten die Nachbarn Einzug in ihrer Welt: ein zur Verfügung gestelltes Fahrrad wird von Dora als Leihgabe, nicht als Geschenk verstanden, wodurch sie ihr Gegenüber zutieft beleidigt. Gote spendet jede Menge Möbel und Heini, den Dora flugs in R2D2 umtauft, kommt mit seinen gesamten Gerätschaften zum Anstreichen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Dazu ein Hund und jede Menge Eichelhäher, die sowas wie Doras persönliche Begleiter sind.

Dora ist irritiert, aber sowas von: Was tun, wenn die Grenzen von gut und böse, von anständig und verwerflich auf einmal verschwinden? Wenn es keinen Stempel mehr gibt, den man seinen Mitmenschen aufdrücken kann und dann für immer (oder zumindest für eine Weile) weiß, in welcher Schublade sie sich befinden?

Und nicht nur die Menschen, auch die Tiere werden hier vollkommen neu definiert: "Später steht Franzi vor der Tür und fragt, ob Jochen (der Hund! d.R.) zum Spielen rauskommen darf." (S.203) Mit Gote erlebt Dora eine Vogelhochzeit der ganz besonderen Art - quasi ein Geschenk von ihm an sie.

Ein Roman mit vielen, vielen Botschaften. Die wichtigste aus meiner Sicht: Schwarz und weiß gibt es einfach nicht. Da kannst Du solange drauf warten, bis Du schwarz wirst.

Angela Busch, 12. April 2021
Ein Dorf im Nirgendwo,,,,
Meine Meinung:
Es geht in diesem wichtigen Buch *über Menschen* und um *Übermenschen*!
Bracken , ein kleines Dorf im Osten unseres Landes ( Brandenburg ) und seine Bewohner geben den Ton an in dieser Geschichte. Nicht weit entfernt von der Hauptstadt Berlin , aber weit genug um dort eine heile Natur und anscheinend unproblematisches dörfliches Leben anzutreffen, trotz offensichtlich schwacher Infrastruktur mit hoher Arbeitslosigkeit und hoffnungslosen Menschen, die sich in ihrer privaten Welt von unserer Gesellschaft während der Corona Pandemie im Frühling 2020 abkapseln. So sieht es für Dora aus, ein typisches Grossstadtgirl unserer Zeit , gutverdienend mit einer gescheiterten Beziehung, die sich zum Albtraum entwickelt hat. Ihr wird alles zu viel in Berlin, ihre Beziehung, die Einschränkungen durch die Pandemie, die Hektik und Anonymität der Grossstadt. Sie sehnt sich nach Ruhe , kauft sich ein altes Haus in Bracken, welches zu DDR-Zeiten als Kindergarten gedient hat. Doch sie kommt nicht zur Ruhe, denn neben ihr wohnt der gewalttätige Dorf-Nazi Gote.

Juli Zeh zieht den Leser mit dieser Geschichte in das fiktive *Bracken*, vielleicht sogar in der Nähe vom erdachten *Unter Leuten* in Brandenburg gelegen. Doch die Zeit und die Menschen haben sich verändert. Der unvergleichlich gute und klare Schreibstil der Autorin fasziniert auch in diesem Buch wieder sofort und hält den Leser *Am Puls der Zeit*. Dieses Buch zeigt einen aktuellen Spalt unserer Gesellschaft auf, die Unterschiede zwischen andersartigen politischen Meinungen und Lebensansichten - zwischen RECHTS - und LINKSLIBERAL - Stadtleben und dörflichen Beschaulichkeiten. Kann es menschlich sein Andersdenkende zu Jagen, zu Verfolgen, abzulehnen und gleichzeitig seinen nächsten lebenden Mitmenschen und Nachbarn ein hilfsbereiter, gutmütiger und liebenswerter Zeitgenosse zu sein? Und ist es möglich einen Kompromiss miteinander - statt gegeneinander zu finden? Diesen Fragen geht die Autorin mit ihrer Protagonistin Dora ausführlich in ihrem Buch hinterher und dem Leser stellen sich immer mehr Zweifel und Fragen durch diese Lektüre. Sogar unter Umständen neue Antworten zu finden auf die brennenden Themen unserer Gesellschaft.

Meine Bewertung : Eine absolute Leseempfehlung mit Fünf ***** Sternen!
Herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für die Zusendung des Leseexemplar!
Monika Neuschwanger, 12. April 2021
Nachbarschaftshilfe
Endlich ein würdiger Nachfolger für Unterleuten. Im neuen Roman von Juli Zeh zieht es die junge Dora mit ihrem kleinen Hund in das brandenburgische Provinz. Die hat sie sich in Bracken ein Haus gekauft. Nicht ganz freiwillig, denn im ersten Lockdown erweist sich ihr Freund Robert als extremer Öko-Aktivist. Ihre Beziehung bröselt. Doch kaum hat sich Dora im neuen Heim niedergelassen, kommt der nächste Schock. Nachbar Gote erweist sich als Nazi. Dora kommen große Zweifel an einer guten Nachbarschaft. Da lernt sie Gote's Tochter Franzi kennen, die sie ins Herz schließt. Und Gote entpuppt sich zunehmend als hilfsbereit.

Eine tolle Geschichte, die nachhallt.
Knigaljub, 12. April 2021
Challenge accepted, Frau Zeh!
Challenge accepted, Frau Zeh. Denn wie eine Herausforderung hat es sich angefühlt, als ich das Buch zuklappte. Jede Seite genossen habend drängte sich mir folgende Frage auf: Darf ich das? Darf ich dieses Buch, das mir u.a. von einem Hortensien liebenden Nazi und einem Corona-Maßnahmen belächelnden Arzt erzählt, mögen? Nein, du solltest dich dem Narrativ "Nazis sind auch nur Menschen" nicht ergeben, drängt sich unmittelbar das linksideologisch geprägte Gewissen in den Vordergrund.
Doch dann kommen Zweifel: Woher nimmst du eigentlich erstens die Gewissheit, es nur bei Gote mit einem "echten" Nazi zu tun zu haben? Muss die Ablehnung nicht ebenso den AfD-wählenden, aber sonst ganz sympathischen Nachbarn treffen? Ab wann sind genügend Punkte auf der Nazi-Checkliste erfüllt, um jemanden in seiner Gesamtheit als Mensch abzulehnen und nur noch als "Nazi" zu sehen?
Und woher nimmst du zweitens eigentlich die arrogante Selbstverständlichkeit, jemandem das Menschsein überhaupt absprechen zu wollen? Ist es nicht letztlich das, womit Dora hadert und worum es insgesamt geht, diese Infragestellung der Berechtigung jeglicher, wie auch immer gearteter Übermenschisierung?

Es sind u.a. solche Fragen, die meine wunderbaren Mitlesenden @spandau_oli und @frieda.frei und mich nach der kurzweiligen, gerade anfangs wirklich lustigen Lektüre noch beschäftigt haben.
Zeh schafft es nicht nur, die Charakterzeichnung der Figuren treffsicher genau zu solch einem Maß auf die Spitze zu treiben, dass man gerade noch geneigt ist, inbrünstig zu bezeugen, solche Menschen aber wirklich zu kennen. Sie legt ihrem brandaktuellen und mit einer scharfen Beobachtungsgabe für die Absurdität von Alltäglichkeiten erzählten Roman auch tiefergehende gesellschaftliche Fragen zugrunde und mutet uns zu, Ambivalenz auszuhalten. Und das macht sie auf äußerst unterhaltsame Weise. Große Empfehlung!
Jana, 11. April 2021
5/5
Dora, Mitarbeiterin in einer Agentur, lebt mit ihrem Freund und Hund in Berlin. Doch als ihr Freund anfängt sich in einen narzisstischen Klimaschützer zu verwandeln und die Welt wegen Corona durchdreht, muss sie raus. Hals über Kopf kauft sie sich eine Stunde von Berlin entfernt ein altes Haus mit riesigen Grundstück in Bracken. In dem Dorf scheint aber auch nicht alles so zu sein wie sich Dora das vorgestellt hat. Ihr Nachbar Gote ist ein vorbestrafter Nazi und mischt ihr Leben gründlich auf.

Das aktuelle Buch von Juli Zeh fande ich wieder sehr gut. Sie schafft es mit so einer Leichtigkeit die aktuellen Themen und Probleme unserer Gesellschaft in einen tollen Roman zu verwandeln. Immer wieder hadert man mit Dora wie sie sich mit Gote verstehen kann und ihm noch hilft, obwohl sich alles in einem dagegen sträubt, wenn jemand eine so fremdenfeindliche Einstellung hat. Aber nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint und jeder Mensch hat mindestens zwei Seiten, die man oft erst nach mehrmaligen Hingucken bemerkt. Hat jeder Mensch eine zweite Chance (oder mehr) Chancen verdient?
der.buchhaendler, 09. April 2021
Wie geht man mit Menschen um, die andere Ansichten vertreten als man selbst?
Wie beschreibt man einen Bestseller, der so vielschichtig ist, dass es mir schwerfällt, in einer Rezension festzuhalten, was dieses Buch auf 412 Seiten ausdrückt. Ein aussichtsloses Unterfangen. 🤯

Worum geht es? Dora zieht nach Brandenburg in den Ort Bracken, in dem sie sich von ihrem Ersparten heimlich ein Haus inkl. verwilderten Grundstück gekauft hat. 🏡 Sie flüchtet vor einem Lebensgefährten, der beim Thema Klimaschutz ganz genau hinsieht und keine Gelegenheit auslässt, Dora zu maßregeln, sowie vor einer Stadt, die versucht einen Weg durch die beginnende Corona-Pandemie zu finden. Begleitet wird sie von ihrer Hündin Jochen (der Rochen). 🐶

Bracken war Dora schon bekannt für seine hohe AfD-Wählerquote, was sie vom Kauf des Flurstücks nicht abgehalten hat. Ihr direkter Nachbar Gottfried, kurz Gote, stellt sich ihr nonchalant als der "Dorf-Nazi" vor und sein Aussehen erfüllt tatsächlich jedes Klischee. 👨‍🦲

Die Rollen sind verteilt und nun beginnt Doras neues (Zusammen)Leben im Dorf, welches auf nahezu jeder Seite nicht nur überrascht, sondern auch tiefgehende Gedankengänge hervorbringt. 🤔 Juli Zeh setzt sich dabei durch ihren unkomplizierten Schreibstil subtil mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinander. Wie geht man mit Menschen um, die andere Ansichten vertreten als man selbst? Folgt man dem Drang sich abzuschotten oder schaut man genauer hin? 👀

Dora entscheidet sich fürs Hinsehen und was daraus entsteht ist eine Geschichte, die mich als Leser nicht nur berührt, sondern auch immer wieder bestens unterhalten hat. 😄 Einmal mehr wird klar, wie viel wir zur Gegenwartsgesellschaft beitragen (können). Dabei hebt Juli Zeh nicht mahnend den Zeigefinger, sondern präsentiert Protagonisten, die sich eben nicht hübsch übersichtlich in eine Schublade stecken lassen. 📥 Denn so vielschichtig dieser Roman ist, so facettenreich (und ganz sicher irgendwo auch liebenswert) ist jeder Einzelne von uns. 🙃
Booklove15_11, 08. April 2021
Willkommen in Bracken
Berlin/Kreuzberg 1. Corona Lockdown im Frühjahr 2020
Die 36-jährige Werbetexterin Dora braucht dringend Abstand von ihrem extrem Klimaschützer, selbsternannte Corona-Experten Freund und von durch Homeoffice zu eng gewordene gemeinsame Wohnung. Sie flüchtet mit ihrer Hündin, genannt auch Jochen der Rochen, nach brandenburgischem Bracken, in das altes Haus, das sie vor Monaten heimlich gekauft hat. In 283-Köpfigen Bracken angekommen, versucht sie mit einer stumpfer Sense und Spaten ein Gemüsebeet anzulegen, doch was sie hier erwartete, ist nicht nur der sandige, trockene Boden. Nebenan wohnt der kahlgeschorene Nachbar, der sich als „Ich bin hier der Dorfnazi“ vorstellt, gegenüber wohnt ein andauernd Witze erzählender Rassist und paar Häuser weiter einer linker Künstler mit seinem AFD Wähler Freund. Wo ist die Großstädterin Dora hier überhaupt gelandet?

Nach paar gelesenen Seiten, war ich total skeptisch auf die Geschichte, denn ich kann die Begriffe wie: Corona, Lockdown, Homeoffice/Schooling nicht mehr hören, geschweige den noch lesen! Doch was Juli Zeh hier auf dem Papier gebracht hat, ist es mehr als ein „Coronatagebuch“ Die Autorin greift auf hochaktuellen Themen ein. Von Fridays for Future-Demonstrationen, Coronaleugner, Rechtsradikalismus, Homosexualität, Brexit bis zur berühmt-berüchtigten Ex-Präsidenten ist alles dabei. Langeweile gibt es hier nicht. Doch ich muss ehrlich zugeben, mir ist die Story sehr eilig geschrieben vorgekommen, deshalb ist es mir stellenweise unglaubwürdig gewirkt, denn welche Mutter lässt freiwillig ihre Tochter bei dem Unterbeobachtungsstehenden Nazi-Gewaltiger? Welche Chirurg-Tochter kennt sich mit den Gehirnkrankheiten so gut aus, sodass sie die auf der Stelle prognostizieren kann?
Klischeehaft? Mag sein, man kann über die Story einiges diskutieren, doch gerade diese fast Banalität macht das Buch erst recht lesenswert.

Mit klarer Sprache, ungeschönt, mal humorvoll, mal nüchtern nimmt Juli Zeh ihre LeserIn in einem fiktiven Dorf mit und lässt die „Mauer“ auf ihrer Art und Weise erneuert fallen. Es ist ein hoffnungsvolle Geschichte, welche mich nachdenklich zurückgelassen hat.
eulenmatz liest, 08. April 2021
Über Menschen, Dora und Jochen
MEINUNG:

Juli Zeh war eine Autorin, die ich schon lange für mich entdecken wollte. Nun habe ich letzten Monat Leere Herzen von ihr gelesen und da stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall weitere Romane von ihr lesen möchte. Ihr neuer Roman Über Menschen kam da gerade recht. Der Roman ist keine Fortsetzung von Unter Leuten, auch wenn der Titel das vermuten lässt. 

Dora, Wahl-Berlinerin, hält es in der Stadt mit ihrem Freund und Corona-Umständen nicht mehr aus und kauft ein Haus in dem kleinen, fiktiven brandenburgischen Dorf Bracken und zieht mit ihrer Hündin Jochen dorthin (ganz viel Liebe für diesen Hund, den ich sofort ins Herz geschlossen habe). Dora zieht ins sprichwörtliche Nirgendwo, wo man ohne Auto eigentlich nicht zurecht kommt und Dora hat kein Auto, was das Ganze noch zusätzlich erschwert. Sie trifft in Bracken auf allerlei Menschen, die sie so nicht gewohnt ist und die ihre eigenen Vorstellungen ziemlich auf den Kopf stellen.

Ich habe mir zunächst gedacht, bei aller Sympathie zu Juli Zeh, ob ich wirklich ein Buch über Corona lesen möchte, einem Thema, was seit über einem Jahr so alltäglich ist. Juli Zeh setzt das Thema sehr dosiert ein, aber natürlich ist es auch der Auslöser für Doras Flucht aufs Land. Natürlich findet man sich hier wieder, aber es ist eben auch schon wieder ein Jahr später und ich habe mich dabei erwischt als ich dachte "ach damals". Viele Maßnahmen, wie die Masken sind heute alltäglich geworden und es seltsam zu lesen, wie es vor einem Jahr damit anfing. Ich habe am Anfang ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen. Mir fehlte zunächst ein bisschen der rote Faden. Es las sich fast ein bisschen wie Kurzgeschichten. Juli Zeh wechselt auch häufig zwischen Gedanken und eigentlicher Handlung. Den Mittelteil fand ich sehr stark und mochte das Buch dann gar nicht mehr aus der Hand legen.

Dora ist für mich als geborene Berlinerin die typische zugezogene Berlinerin, die in der Werbebranche arbeitet. Trotzdem war sie mir sofort sympathisch. Ich fand es bewundernswert, wie sie einfach gewohntes Stadtleben hinter sich lässt und ein Haus mit 4.000 Quadratmeter Grundstück erwirbt und dennoch ist es genau das, was sie in dem Moment zu brauchen scheint. Auch ihre Familienverhältnisse sind Teil der Geschichte und man lernt sie dadurch noch besser kennen. Besonders amüsant fand ich ihren Vater Jojo, einem sehr angesehenen Arzt. Dora scheint es gewohnt zu sein sich immer um alles selbst zu kümmern. 

Interessant sind die Begegnungen mit den Einwohnern Brackens, allen voran ihrem direkten Nachbarn Gote, der sich selbst als Dorf-Nazi bezeichnet. Außerdem sind da noch Tom und Steffen, die offen zu geben, die AfD zu wählen. Zu recht wird Dora hier massiv mit einer Gedankenwelt konfrontiert, die sie entschieden ablehnt, die ich ablehne und die wohl auch andere LeserInnen ablehnen werden. Juli Zeh zeigt aber dennoch auch auf, dass man diese Leute nicht auf das reduzieren kann. Es sind auch Menschen, die z.B. hilfsbereit gegenüber Dora sind und das führt, ohne dass ich auch solches Gedankengut gut heißen möchte, zu starken Ambivalenzen in Doras Gefühlslage. Ich habe mich beim Lesen auch dabei erwischt, dass ich z.B. den Gote irgendwann auch gern hatte und Dora ging es genauso. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, dass dem ein oder anderen LeserIn nicht besonders gut gefallen wird. 

FAZIT:

Über Menschen habe ich gern gelesen. Als geborene Berlinerin sind kleine Orte in Brandenburg Teil meiner Jugend und Kindheit und ich konnte mir vieles gut vor meinem geistigen Auge vorstellen. Juli Zeh ist eine kluge Beobachterin und greift auch hier wieder aktuelle Themen auf. Ich musste ein bisschen in die Geschichte rein kommen, aber dann hat es mich gepackt.
Letteratura, 08. April 2021
Corona und Neonazis
Juli Zehs neuer Roman „Über Menschen“ ist denkbar nah an der Gegenwart, denn wir befinden uns im Frühjahr 2020. Erst seit kurzem also ist klar, dass dieses Virus, das weit weg, in China nämlich, die Menschen in Aufruhr versetzt, eben keine rein chinesische oder asiatische Sache bleiben wird, sondern dass wir genauso davon betroffen sind und mit uns die ganze Welt. Es ist die erste Welle, der erste Lockdown, in dem der Roman spielt und seine Hauptfigur, Werbetexterin Dora, ist gerade aus Berlin nach Brandenburg in das Dorf Bracken gezogen.

Dora ist ca. Mitte 30 und in Berlin hat sie mit Robert zusammengelebt. Ihre Beziehung ist lange glücklich. Als Corona kommt, verändert sich Robert: Er hat früher als die meisten verstanden, was auch auf Deutschland zukommen würde. Er ist sehr vorsichtig und beginnt, Dora Vorschriften zu machen und sie zu kontrollieren. Die Enge, die Dora nun spürt, die großzügige Altbauwohnung, die plötzlich kleiner und kleiner wird, das gespannte Verhältnis zu Robert und eine generelle Ruhelosigkeit führen dazu, dass Dora recht spontan ein heruntergekommenes Haus in Brandenburg kauft und dann mit ihrer Hündin dort einzieht.

Doras Nachbar Gote stellt sich ihr mit den Worten „Ich bin hier der Dorfnazi“ vor, und natürlich will Dora mit so einem nichts zu tun haben. Vielmehr gefällt ihr das gar nicht, dass sie direkt neben ihm wohnen soll. Doch Gote hilft Dora bei Alltäglichem, einfach, weil er das selbstverständlich findet. In seiner Welt sind seine Überzeugungen in sich schlüssig und vernünftig, das wird im Laufe des Romans deutlich.

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen, seitdem „Über Menschen“ erschienen ist, einige euphorische Besprechungen und Meinungen zu dem Roman gelesen. Zeh halte uns den Spiegel vor, gehe dort hin, wo es unbequem ist, zwinge uns, unsere festgefahrenen Überzeugungen zu überdenken. Das ist alles richtig, ist mir insgesamt aber zu wenig. Zunächst einmal wurde ich mit „Über Menschen“ aus dem profanen Grund nicht warm, dass es mir schlicht zu früh ist, etwas zu lesen, das während der Pandemie spielt, in der wir uns noch befinden. Anfangs habe ich das Buch mehrfach allein deshalb zur Seite gelegt. Für mich ist der Zeitpunkt für diese Geschichte einfach noch nicht gekommen, aber das ist ja eine ganz persönliche Sache.

Vor allem aber empfinde ich die Botschaft, die ich aus der Geschichte herauslese, nämlich, dass alles weniger schwarz-weiß ist, als es uns bewusst ist und dass auch Neonazis und AfD-Wähler im Grunde nette Menschen sein können oder sich zumindest nicht zwingend ununterbrochen wie Arschlöcher verhalten, als weniger bahnbrechend als es mir hier verkauft wird. Natürlich stimmt es, dass die wenigsten von uns Lust haben, sich mit denen, die anderer Meinung sind, überhaupt auseinanderzusetzen, und ist uns nicht auch bewusst, dass uns das eher weiter auseinander treibt als eint? Es ist gut und richtig, dass "Über Menschen" daran erinnert, und dazu einlädt, über den berühmten Tellerrand zu blicken, den ganzen Roman trägt das für mein Empfinden über 400 Seiten aber nicht.

Über weite Strecken empfand ich „Über Menschen“ als zu wenig stringent, oftmals wiederholen sich auch Ausführungen zu Doras Gemütszustand, zu ihren Gedanken und Gefühlen, hier verlor der Roman für mich oft an Drive. Gut gelungen sind die Dialoge, die vor allem dazu dienen, die Figuren zu charakterisieren, wenn sie auch alle etwas schablonenhaft bleiben. Und ja, ich mochte durchaus, wie Gote dargestellt wird und auch Doras Reaktionen auf den ruppigen Nachbarn, ihren Widerwillen, der mit der Zeit immer mehr ins Wanken gerät. Der Roman lässt sich flott lesen und unterhält dabei durchaus auch. Die Hündin „Jochen der Rochen“ zu nennen und dem Fahrrad den Namen „Gustav“ zu geben, diese Einfälle hätte es für mich jedoch nicht gebraucht und sie wirken auf mich ein wenig verstaubt.

Wahrscheinlich passen Juli Zehs Romane und ich einfach nicht mehr zusammen. Es ist lange her, dass ich eins ihrer Bücher uneingeschränkt gemocht habe. Ich weiß, dass es vielen anders geht, dass sie offenbar oft einen Nerv trifft und ich kann das auch nachvollziehen. Mein Urteil zu ihrem neuesten Roman fällt gemischt aus. „Über Menschen“ liest sich schnell und unterhaltsam, man findet rasch Zugang zu dem erzählten Kosmos, doch insgesamt konnte der Roman zumindest mich nur teilweise überzeugen.
Lydia W., 08. April 2021
Ein Spiegelbild unserer Zeit
Viele Ungewissheiten in ihrem aktuellen Leben bringen Dora zu der Entscheidung, ein altes Haus in Brandenburg zu kaufen. Mittlerweile ist es nicht nur das Unwohlsein mit ihrem derzeitigen Partner, jetzt ist es auch die Pandemie und ein unsicherer Arbeitsplatz, was sie aus der Großstadt treibt und schon bald ein Gefühl von Befreiung verspüren lässt. Doch auf dem Land gibt es andere Sorgen. Bereits nach kurzer Zeit lernt Dora ihre unmittelbaren Nachbarn kennen. Fluchtgedanken und Heimatgefühle lösen sich ab. Und obwohl sich die gesamte Welt einer neuen Herausforderung gegenübersieht, wird dieser Sommer in positivem Sinne unvergesslich werden für Dora.
Dies war nicht mein erstes Buch von Juli Zeh, aber mein erstes Buch, das sich so schonungslos und ehrlich mit der Pandemie auseinandersetzt. Jedes Buch dieser Autorin setzt sich tiefgründig und vielschichtig mit dem jeweiligen Thema und Zeitabschnitt seiner Handlung auseinander und auch dieses Mal bin ich wieder restlos begeistert von diesem Feuerwerk aus Zeitgeschehen und Menschlichkeit. Da ich selbst Brandenburgerin bin und auf dem Land lebe, kann ich nur sagen - genauso siehts aus! Ein Spiegelbild unserer Zeit! Jedes einzelne Kapitel konnte ich genießen, mitlachen, mitweinen und am Ende bleibt weiterhin die Hoffnung Menschlichkeit. Ich würde nur vorschlagen, statt des wartenden Hundes auf der Landstraße als Cover wäre eine zerknüllte Zigarettenpackung passender. Es wird eindeutig zu viel geraucht in diesem Buch und ich kann es keinem weiterempfehlen, der sich gerade das Rauchen abgewöhnen möchte. Dies als Anregung mit einem dicken Augenzwinkern. Wieder ein Meisterwerk von Juli Zeh, auf dessen Verfilmung ich schon sehr hoffe.
booksnotead_de, 08. April 2021
Mein Freund, der Nazi
„In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über Menschen erheben. Wirst dich dran gewöhnen müssen", erklärt Tom.“

Woah was für ein Brett hat Juli Zeh da rausgehauen! Ich muss sagen, ich bin ziemlich begeistert. Titelmäßig und thematisch leicht an ihr Meisterwerk „Unterleuten“ angeknüpft, bringt Zeh mitten in der Pandemie den Roman „Über Menschen“ heraus. Tatort ist wieder ein Dorf in Brandenburg. Aber diesmal gibt es nur eine Perspektive, und zwar die von Dora. Dora ist Mitte 30, arbeitet in einer Werbeagentur und hat die Schnauze voll von ihrem Freund Robert (aus Gründen!). Corona ist keine Zukunftsmusik, zeitlich befinden wir uns im ersten Lockdown 2020. Dora flieht aus der Kreuzberger Altbauwohnung aufs Land, dort hat sie zuvor ein altes Gutshaus gekauft, mit Flurstück (musste ich googeln). In Bracken lebt Dora plötzlich face to face mit dem Dorf-Nazi Gote. Aber auch andere Bewohner Brackens geizen nicht mit Rassismus. Die AfD hat hier fast 30% eingeheimst. Trotz allem bändelt Dora so langsam mit ihren neuen Nachbarn an und verpasst dem Leser so immer wieder ein Auf und Ab der Gefühle.

Dieser Roman ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Also erstmal hat er mich blendend unterhalten. Er liest sich rasant und spannend, man muss recht viel schmunzeln und noch viel mehr nachdenken. Wie würdest du dich verhalten, wenn dein Nachbar sich als „der Dorf-Nazi“ vorstellt? Würdest du von ihm Gefälligkeiten annehmen? Und was machst du, wenn der plötzlich das Horst Wessel-Lied im Garten neben dir singt? Und wie verhältst du dich, wenn genau dieser Mensch in großer Not ist? Meine Gedanken und Emotionen haben sich bei mir immer wieder überschlagen. Bis der Dorf-Nazi mir am Ende ein paar Tränen abgeluchst hat. Wow.

Corona ist bei weitem nicht das Hauptthema in Über Menschen. Die Pandemie dient nur als Kulisse, vor der die Geschichte um eine junge Frau spielt, die zu Beginn nicht wirklich weiß, was sie will und wo sie hin will. Letztendlich weiß sie ziemlich genau was sie will. Und dabei haben ihr irgendwie auch die Brackenesen (wie heißen die Bewohner von Bracken?) geholfen. Die gesellschaftlichen Probleme sind so aktuell wie nie, in der Stadt und auf dem Dorf, der Roman ist einfach ziemlich authentisch.

In Dora habe ich mich ein bisschen verliebt. Ja, mit manchen Entscheidungen habe ich gehadert, manchmal war sie mir nicht radikal genug. Aber das lässt sich ja immer leicht aus der Entfernung sagen. Die Dynamik zwischen Dora und den Bewohnern von Bracken war genau richtig, nie zu viel aber auch nie zu wenig. Der Roman stellt auf wunderbar literarisch verpackte Weise die Frage, ob Menschlichkeit wichtiger als Ideologie ist (das ist ja auch keine neue Frage in Buch/Film/Fernsehen). Eine Frage, die mich noch lange beschäftigen wird.
marvellous.books, 06. April 2021
Jahres-Highlight!
Nach Unter Leuten, jetzt der neue Roman von Juli Zeh, Über Menschen. Ich mag ja allein schon die Titelgestaltung, denn die beiden Romane weisen durchaus Parallelen auf. Beide spielen im Brandenburgischem Niemandsland, beide thematisieren Städter:innen, die neu im Ländle sind. Beide sind ganz grandiose Romane. Über Menschen war mein erster Corona-Roman, der unsere aktuelle Lockdown-Situation nicht nur im Sachbuchformat behandelt. Und wie famos sie die Pandemie in ihren Plot einarbeitet! Sie spricht mir aus der Seele, nicht nur wegen der übertriebenen Corona-Ängstler, sondern auch der Greta-Extremisten. Ich bin ja ganz dabei bei den Klima-Wandel-Gegnern, und bin auch durchaus bereit, einige persönliche Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Aber was ich nicht mag, ist dieses Übertreiben á la Veganismus, der keine Abweichung von der eigenen Meinung auch nur um Zentimeter akzeptiert. Außerdem bin ich gegen Nazis. Fullstop. Und doch hat die liebe Frau Zeh mich durchaus erreicht, denn ihre Protagonistin flieht in den ländlichen Raum von ihrem Greta-Corona-Extremistenfreund, nur um neben dem Dorf-Nazi zu landen, mit dem sie sich entgegen aller Abneigung zu dessen Überzeugungen zum Trotz anfreundet. Im übertragenen Sinne: Menschen sind mehr, als deren ideologische Ausrichtung. Es ist nicht alles schwarz-weiß, sondern durchaus differenzierbar, und Nazis können auch gute, hilfsbereite Menschen sein. Der Roman lebt von der liebenswürdigen Zeichnung der Charaktere, ist ehrlich, zärtlich, spannend, tragisch. Ich habe es geliebt! Volle Punktzahl von mir.
wal.li, 05. April 2021
Jochen der Rochen
Der erste Lockdown in der Corona-Pandemie läuft. Die Menschen sind alle irgendwie seltsam geworden. Jeder hat Recht und es wird nicht miteinander geredet. Robert, Doras Freund ist besonders überzeugt, dass das Klima gerettet werden muss und die Corona-Maßnahmen einzuhalten sind. Dora hat vor einiger Zeit ein heruntergekommenes Haus in Brandenburg erworben und nun nimmt sie ihren kleine Hündin Jochen und zieht aufs Land. Auch dort sind die Menschen seltsam, aber anders. Will Dora dort bleiben? Immerhin kann sie jederzeit in die Stadt, wenn sie denn irgendwelche öffentlichen Verkehrsmittel findet. Erstmal fängt sie an, ein Gemüsebeet anzulegen und dann wird sie weitersehen.

Das Landleben in Brandenburg hat nicht so einen guten Ruf. Zu oft liest man von den Rechten, die dabei sind dort die Oberhand zu gewinnen. Doch lauert wirklich an jeder Ecke ein Rassist? Eines merkt Dora schnell. Eine verschlossene Tür bedeutet hier nicht viel. Sie müht sich auf ihrem viertausend Quadratmeter Grundstück ab. Und plötzlich muss sie sich fragen, ob sie unter die Heinzelmännchen geraten ist. Der Garten wird gerodet, ein Bett wird gebaut. Etwas beängstigend. Froh ist Dora, dass ein Nachbar die Straße runter sie nach dem Einkaufen mitnimmt. Sie beginnt zu verstehen, wieso in ländlichen Gegenden die meisten Leute ein Auto haben.

Der neue Roman beginnt mit einer Beschreibung des Lebens in der heutigen Pandemie-Zeit. Die Lektüre nimmt dabei etliche Stunden in Anspruch, weil man dasitzt und denkt: eher nicht, vielleicht oder stimmt, stimmt genau. Man ist im positiven Sinne gezwungen zu reflektieren und nicht nur über die Pandemie, sondern auch über den Umgang der Menschen untereinander. Das Bild ist trostlos und die Frage, wie man wieder zu einer zugewandten Kommunikation kommen könnte, kann nicht einfach beantwortet werden. Doch als Dora so langsam von dem Dorf und seinen Menschen auf- und eingenommen wird, wird man beim Lesen auch in die Handlung hineingesogen. In der Anonymität der Stadt kann man sich seine Freunde aussuchen. Die Nachbarn im Dorf sind einfach da und man sollte versuchen, sie zu nehmen. Wie schwierig das sein kann, merkt man an Doras Beispiel. Auch wenn das Buch die Welt nicht ändert, so wäre es doch ein guter Ansatz sich selbst zu ändern.

4,5 Sterne
Anja Fischer , 04. April 2021
Provinz und Metropole
Diesen Roman von Juli Zeh habe ich förmlich verschlungen. Er hat für mich sehr viel Spannnung, Witz, aber auch ein bisschen Dramatik. Juli Zeh ist eine erstklassige Autorin, die mit ihrem gewohnt intelligenten Schreibstil und trotz Ernsthaftigkeit die Kapitel mit einer guten Portion Situationskomik ausschmückt.
Grob handelt die Geschichte von Dora, die mit ihrer Hündin auf das Land zieht. Sie flieht vor Robert und vor der Stadt.
Dabei werden Sorgen, Probleme und Gefühle zwischen Menschen aus "Provinz und Metropole", wie Juli Zeh es nennt, beleuchtet. Es geht um politische Ansichten, Liebe und auch um Corona. Dora, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, lernt wieder was es heißt Mensch zu sein und nicht bloß in politischen und sozialen Systemen zu denken. Auf dem Land ticken die Uhren eben anders. Angefangen damit, dass Dora kein Auto besitzt, da in Berlin regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel fahren. Auf dem Land angekommen wird erst einmal das Einkaufen zur Herausforderung, da der Bus hier eben nur wenige Male am Tag fährt.
Wie im wahren Leben.
Ich freue mich schon auf weitere Romane von Juli Zeh.
Michael Kuhl, 02. April 2021
Aushalten
Sie steht auf ihrem Flurstück und schaut. Sie, Dora, Neudörflerin. Dora beschließt, dass aus bloßem Schauen nichts werden kann. Wer zu viel grübelt, leistet nichts, schöner Wahlspruch im Charlottenburger Rathaus. Heute wird also gebrackt. Es wird ordentlich gebrackt und ihr Flurstück mit dem alten Gutsverwalterhaus bietet viel Spielwiese zum Bracken. Nochmal kräftig bracken, denkt Dora. Dabei ist Bracken gar keine Tätigkeit, sondern ein Zustand. Ein dörfliches Gefilde 18 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt. Bracken, eineinhalb Stunden vor den Toren Berlins. Lichtjahre weg vom ersten Lockdown-Corona-Urlaub der Bundeshauptstadt.

Dora, 36, ziemlich erfolgreiche Werberin, will etwas Eigenes und kauft ein Haus. Ihr Haus, irgendwo im Nirgendwo. Aus komischer Vorahnung oder dem Wunsch nach einem eigenen Projekt-Projekt. Ihr Freund Robert, Alter unspezifisch, ökoesker Online-Redakteur, vergöttert Greta und alle Damen und Herren, die den 1000-prozentigen Lockdown wollen. Sofort! Schmerzhaft! Also tauscht Dora Robert, Robert Koch wie sie ihn nennt, gegen Gote aus, jedenfalls als Nachbar und Studienobjekt. Gote gehört das Flurstück nebenan, der nicht nur sinnbildlich am rechten, am ganz rechten Rand seines Grundstücks steht. Und dann? Was dann? Eine E-Mail sonntags von Susanne aus der Agentur: Liebe Dora, du weißt, wir sind fair. Wir setzen auf Zusammenhalt und Solidarität. Nun wurde leider, leider auch dein Etat eingefroren. Es tut mir leid, aber deine Zeit … Herzlich, Susanne. Corona, Lockdown, Shuttdown, flatting the curve. Bracken. Backen. Weiterbracken.

Demonstrativ befindet sich Dora in guter Nachbarschaft einer priegnitzer Dorfgemeinschaft. Einer Gegend also, wo unter Leuten viele Übermenschen zu finden sind. Juli Zeh baut erneut ein Ensemble stereotyper Persönlichkeiten im Hier und Jetzt, denen es manchmal an Liebenswürdigkeit, aber nicht weniger an Wirklichkeitsnähe mangelt. Die große Losung, den Brackener Wahlspruch, gibt Steffen aus, irgendwas um die 40, Ernst-Busch-Absolvent und Neufloristiker:

„‘Weiß du, was man hier draußen lernt? […] Es geht nicht darum, Widersprüche aufzulösen‘, sagt Steffen, ‚sondern sie auszuhalten‘“ (S. 161 f.).

„Übermenschen“ ist ein Roman für die Menschen in Berlin, über die Menschen in Berlin. 412 Seiten über Frühkartoffeln, Spätkartoffeln, Salzkartoffeln, die anders aussehen, sich anders anfühlen, anders schmecken. Alles Kartoffeln, denen Haltung wichtig ist. Wichtig für Dora wird das Trotzdem – Gliom, Blastom, Karzinom, Astrozytom, völkische Raumforderung – trotzdem.

Juli Zehs Brandenburg-2.0-Roman fragt, gibt Impulse, belichtet dunkle Ecken, schmettert Stichworte, nimmt wenig hin. „Über Menschen“ ist philosophisches Quartett und mitreißender Gegenwartsroman. Mit konstruktiver Lebensinhaltsleere sucht die Protagonistin Dora ihren Weg aus der selbstgewählten Unmündigkeit. Schwarz – weiß, schwarz – weiß. In rasanter Helmut-Krausser-Sprache gibt Zeh Menschen eine Stimme, die man im S-Bahnring nicht sehen, spüren, riechen will. Es riecht nach Corona, nach Schattierungen, nach Widerspruch, nach Aushalten. Mein Fazit: In der zurückgenommenen Thematisierung der letzten 12 Monate, ohne als Monstranz über jeden Acker gejagt zu werden, liegt eine große Stärke des Romans. Die zweite Stärkte ist Zehs kritisches Fragen, ihre Tiefenschärfe. Drittens ist „Über Menschen“ ein ausgezeichneter Unterhaltungsroman, der Aktuelles gesellschaftspolitisch inspirierend verhandelt. Nicht nur ich habe auf genau diesen Roman gewartet. Weiterbracken!
Wilwaldi, 02. April 2021
„Zusammen ist man weniger allein“ in Bracken, Brandenburg
„Über Menschen“ erzählt von ganz normalen Menschen in unserer von Corona und Klimakatastrophe geprägten Zeit.
Dora, linksliberale Werberin mit Hund vom Prenzlauer Berg, zieht aufs Land, und befreundet sich, wider eigener Erwartung und allgemeinen Standpunktfragen, nicht nur mit einem schwulen AfD-Pärchen, sondern auch noch mit ihrem Dorfnazinachbarn und dessen nerviger Tochter. „Zusammen ist man weniger allein“ in Bracken, Brandenburg!
„Über Menschen“ ist ein Roman über menschlich Allzumenschliches, „Kindness“, vermeintlich unmögliche Freundschaften, über Hoffnung, kurz, über das große „Trotzdem“ in dieser absurden Welt.
Dass dies alles mit großen Sinn für Situations- Komik und leicht lesbar geschrieben ist, macht das Buch zu meinem liebsten Juli-Zeh-Buch bisher.
Buchwoerter , 01. April 2021
Interessanter Plot
• ÜBER MENSCHEN •

Es ist schon verrückt einen Roman während der Corona-Zeit zu lesen, in dem es auch stellenweise um Corona geht. Mir hat das äußerst gut gefallen, da man sich absolut in die Situation einfühlen konnte.

Darum geht’s: Dora hat genug von ihrem Leben in der Großstadt. Kurz um verlässt sie ihre Wohnung, ihren Alltag, ihren Freund um in ein kleines Häuschen in Brandenburg zu leben. Doch das Landleben ist doch völlig anders als gedacht, denn nebenan wohnt offensichtlich und ungeahnt der Dorfnazi.

Ich liebe die Romane von Juli Zeh, denn sie schafft es den Nerv der Zeit zu treffen und überrascht immer wieder mit neuen Denkweisen. Wer hier nach schwarz-weiß denken oder einem erhobenen Zeigefinger Ausschau hält, sucht vergebens. Denn der Dorf-Nazi überrascht mit seiner hilfsbereiten Art und seinem künstlerischen Geschick. Stattdessen wird das eigene bzw. das Handeln und Richten des Dorfes über andere in Frage gestellt. Das heißt nicht, dass man andere Personen für ihre Ansichten nicht kritisieren soll, sondern schauen muss, wie man nebeneinander existieren kann. An einigen Stellen ist es mir echt schwer gefallen, denn beim Hören des Horst-Wessel Liedes könnte ich nicht cool reagieren.
Dora als Protagonistin ist toll: fragend, zweifelnd, neugierig. Sie versucht ihr Leben in den Griff zu bekommen und das Landleben eigenständig zu meistern. Man kann sich wirklich toll in ihre Gedanken hineinversetzen und ihr Handeln nachvollziehen. An einigen Stellen war mir der Roman leider etwas zu glatt, was nicht unbedingt hätte sein müssen. Der Schreibstil Zehs ist super lesbar, sodass ich den Roman kaum aus den Händen legen konnte.

📖 Ein interessanter Roman mit streitbaren Inhalt, der mich dennoch gut begeistern konnte. Ich lese Juli Zehs Romane wahnsinnig gerne, kann jedoch gut nachvollziehen, wenn Personen Teile des Inhalts zu harmlos dargestellt finden. [4/5]
Jana, 01. April 2021
Ein brandenburgischer Dorfroman
Juli Zeh schreibt sich zurück nach Brandenburg. Diesmal in Form der Protagonistin Dora, einer Karrierefrau, Mitte 30 aus Berlin, die sich vom Erbe ihrer Mutter ein Gutshaus in Bracken kauft. Als die Corona Pandemie ihren Lauf nimmt, fällt Dora die Decke auf den Kopf. Somit flüchtet sie vor ihrem Freund Robert, der Stadt Berlin und vor einer unendlichen Flut von Nachrichten und stürzt sich in Renovierungsarbeiten, Gartenarbeit und in die neue Nachbarschaft. Gote, ihr direkter Nachbar und selbst betitelter Dorf-Nazi, Tom und Steffen, ein schwules Pärchen und Herr Heinrich, der hilfsbereite Nachbar mit den rassistischen Witzen werden Klischees aufgegriffen, die Zeh nach und nach versucht aufzubrechen. Nicht nur Dora wird von der Freundlichkeit dieser Personen überrascht, sondern auch als Leser*in wird man auf das schwarz-weiß Denken aufmerksam gemacht.

Der Schreibstil war sehr eingängig und konnte mich von Anfang an überzeugen. Auch die unterschiedlichen Charaktere sind sehr differenziert und menschlich beschrieben, auch wenn sie zuvor in die Schubladen eines brandenburgischen Dorfs passen. Darüber hinaus wirft der Roman die Frage auf, ob nicht jeder Mensch nur ein Produkt der Umstände und der Sozialisation ist.

Insgesamt hat mich dieser Roman sehr zum Nachdenken angeregt und ich kann ihm jeden empfehlen, der gerne "Unterleuten" gelesen hat.
Frederike, 31. März 2021
Grandios!
"Glaubst du, dass man sich ändern kann?", fragt Dora.
"Man kann sterben", erwidert Gote.
"Das meine ich nicht."
"Ist aber ne ziemliche Veränderung." (S. 372)

Dora hat genug; genug von Berlin, von der Enge und der Hektik, genug von ihrem Freund Robert, der sich immer mehr verändert. Da kommt es gerade recht, dass sie im vergangenen Jahr, bevor die Pandemie ausbrach und das Leben noch so war, wie man es gewohnt war, ein altes Gutshaus in Bracken, einem kleinen Dorf irgendwo in Brandenburg, gekauft hat. Kurzerhand packt sie ihr Hab und Gut und ihren Hund und zieht aufs Land. Doch ganz so idyllisch, wie sie sich das vorgestellt hatte, ist es hier wahrlich nicht und der Neuanfang gestaltet sich sehr holprig. Ihr Grundstück gleicht einer Wildnis, der nächste Supermarkt befindet sich eine Stunde entfernt und ihr Nachbar, dessen Grundstück hinter einer hohen Mauer verborgen liegt, ist der „Dorf-Nazi“. Langsam muss sie sich über ihr neues Leben in Bracken, ihren Gedanken und Vorurteilen gegenüber dem Land und seinen Leuten klar werden, ihr Leben neu ordnen und erfahren, nicht allen vorgefertigten Meinungen Glauben zu schenken. Und lernt, hinter die Fassade von Menschen zu blicken, einen zweiten Blick und eine zweite Meinung zu wagen.

In ihrem neuen Roman „Über Menschen“ zeichnet Juli Zeh ein eindrückliches Bild unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die mit sich selbst hadert, mit ihren Schwächen und Ängsten, vor allem aber aktivistischer denn je motiviert ist. Doch sie beleuchtet auch die Stärken, Menschlichkeit und Verletzlichkeit zuzulassen, sich Fehler einzugestehen und sich Hilfe zu suchen, wenn man alleine nicht mehr weiterkommt.

Die Protagonistin Dora macht dem Klischee einer Städterin alle Ehre; völlig überfordert und unvorbereitet flüchtete sie kurz vor Beginn des ersten Lockdowns zu Beginn des Jahres mit ihrem wenigen Hab und Gut und notdürftigen Einkäufen mitten ins Nirgendwo, nämlich nach Bracken. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, und – wenn man den Hetzen ihres Vaters Jo, einem angesehenen Neurochirurgen, Glauben schenken mag – auch der nächste Nazi lässt nicht lange auf sich warten, wohnt er tatsächlich im Nachbarhaus.
Buchstaplerin, 31. März 2021
Leben in Zeiten von Corona
Juli Zeh: Über Menschen (Luchterhand)

Braucht man in Corona-Zeiten auch noch einen Roman zu diesem Thema? Erst skeptisch konnte mich Juli Zehs neuer Roman dann doch von der ersten Seite an fesseln und begeistern:
Die Protagonistin Dora flieht im Frühjahr 2020 vor dem Lockdown aus Berlin in die brandenburgische Provinz: sie braucht Ruhe, Abstand, Luft zum Atmen und möchte mich sich selbst ins Reine kommen. Doch auf dem Land ticken die Uhren anders, einige Dorfbewohner sind schwer zu durchschauen und es geschehen Dinge, die Dora nicht einordnen kann ...

Ein Gegenwartsroman wie er aktueller kaum sein kann und eine literarische Auseinandersetzung mit der Pandemie, sehr unterhaltsam zu lesen und gleichzeitig berührt er all die Fragen um eine Welt, die vollkommen durcheinander geraten zu sein scheint und in der es umso wichtiger ist `Mensch` zu sein!!

„Es geht nicht darum, wer was verdient hat. Nicht einmal darum, für oder gegen Nazis zu sein. Das Zauberwort heißt `trotzdem`. Trotzdem weitermachen, trotzdem da sein. Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“

Circlestones Books Blog, 30. März 2021
Nachdenklich, intensiv und einfühlsam
„Meistens besteht das Leben aus Trial and Error, und der Mensch kann viel weniger begreifen und kontrollieren, als er glaubt. Auf dieses Dilemma kann weder Nichtstun noch Aktionismus die richtige Antwort sein.“ (Zitat Seite 28)

Inhalt
Dora, sechsunddreißig Jahre alt, ist eine erfolgreiche Werbetexterin, als ihr im Home-Office des Corona-Lockdown nicht nur die gemeinsame Wohnung in Berlin, sondern auch das Leben mit Robert endgültig zu eng wird. Bereits im Dezember hatte sie heimlich das renovierungsbedürftige, alte Gutsverwalterhaus auf dem verwilderten Grundstück mit den großen Bäumen gekauft, in Bracken, einem kleinen Straßendorf irgendwo in Brandenburg. Jetzt, drei Monate später, ist sie emdgültig hierher übersiedelt. Mit ihrer Hündin Jochen, ohne Möbel, aber mit einem Nachbarn, der sich ihr als Gote, wie Gottfried, ich bin der Dorf-Nazi vorstellt, was zu seiner sauber geschorenen Glatze passt. Doch plötzlich liegt ihre Matratze auf einem eigens für sie angefertigten Bett und auf ihrem Lieblingsplatz auf dem Treppenabsatz vor dem Haus stehen eines Tages Küchenstühle. Hier, in diesem Dorf mit seinen Menschen verändert sich etwas in Dora, vom Nachdenken zum Umdenken.

Thema und Genre
In diesem Roman geht es um Menschen, ihre Ängste, Sorgen, aber auch den Zusammenhalt in diesen herausfordernden Tagen einer modernen, aber unsicher und brüchig gewordenen Gegenwart.

Charaktere
Dora muss in Bewegung sein, um sich ruhig zu fühlen. Sie hat eine eigene Meinung zu vielen Themen unserer Zeit, doch hier in Bracken erkennt sie rasch, wie sehr sie sich irrte, als sie überzeugt davon war, man könne doch Gut und Böse ganz einfach auseinanderhalten. Denn hier lernt sie alle möglichen Zwischenschattierungen in unterschiedlichster Form kennen.

Handlung und Schreibstil
Dieser Roman spielt in der Gegenwart in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Dora zieht sich aus ihrem Leben in Berlin zurück, um mit ihrer Hündin Jochen eine völlig andere Art Leben zu probieren, denn Home-Office geht überall. Einkaufen ohne Auto, mit einer Busverbindung mit hohem Seltenheitswert, Gärtnern mit theoretischen Anleitungen über YouTube. Dazwischen freie Zeit, auch das muss sie lernen, mit dieser freien Zeit umzugehen, die Natur in ihrer wunderbaren Vielfalt hilft ihr dabei. Doch jeder Tag bringt neue Herausforderungen und manchmal wünscht sich Dora weit weg von allem, am besten auf die Raumstation ISS, um Abstand zu gewinnen und Ruhe. Die Autorin erzählt einfühlsam, intensiv, bindet die drängenden Themen der Gegenwart mit ein, schafft unterschiedliche Figuren mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen, beleuchtet die Standpunkte, lässt sie ruhen, nimmt sie in einem neuen Zusammenhang wieder auf. Sie lässt ihre Figuren nachdenken, umdenken und uns beim Lesen mit.

Fazit
Dies ist tatsächlich ein Roman über Menschen, ihre Ängste, Probleme, das tägliche Leben mit skurrilen, witzigen Szenen und nachdenklichen, sehr traurigen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man miteinander umgeht, wenn die Meinungen stark auseinanderdriften. Es sind Figuren auf der Suche und man schließt jede einzelne der Figuren ins Herz, obwohl oder gerade weil jede so ihre Eigenheiten hat, authentisch, Menschen eben, und oft anders, als die anderen denken.
Susanne Probst, 28. März 2021
Ein Roman am Puls der Zeit!
Wir lernen die 36-jährige Werbetexterin Dora kennen, die während des Corona-Lockdowns recht überstürzt mit ihrer kleinen Hündin in die alte und heruntergekommene Bruchbude in dem brandenburgischen Dorf Bracken zieht, die sie sich vor kurzem gekauft hat.

Sie hält es einfach nicht mehr länger auf so engem Raum mit ihrem neurotischen Freund Robert, einem Journalisten aus. Er ist ein besserwisserischer, verbissener und selbstgerechter Umwelt-Aktivist, der sich extrem mit der Coronathematik beschäftigt, sich gut damit auskennt, aber auch Angst hat und deshalb anfängt, Dora zu kontrollieren und ihr Vorschriften zu machen.
Darüber hinaus fühlt sich Dora trotz gutem Job und schöner Wohnung schon seit längerem überfordert.
Sie braucht Tapetenwechsel, hier ist alles zu eng.

Vorher in Berlin-Kreuzberg, jetzt also auf dem Land und in der Natur.

Sie will den verwilderten Garten bändigen und ein Gemüsebeet anlegen. Sie will zur Ruhe kommen.

Ähnlich wie in „Unterleuten“ treffen wir in „Über Menschen“ auf Klischees, Bewertungen und Vorurteile, auf ein ostdeutsches Provinzkaff, das nicht Schritt halten konnte, auf rechts Gesinnte und auf linksliberale Städter.

Wir lernen hier unterschiedliche Menschen mit problematischen Biographien und ein abgehängtes Dorf mit aussterbender Infrastruktur kennen. Und das alles vor dem Hintergrund der Corona-Krise, die Juli Zeh in ihrem Roman mit all ihren verschiedenen Auswirkungen differenziert aufarbeitet.

Wir lernen das schwule Paar Steffen und Tom mit dem grünen Daumen kennen sowie Heinrich, dem ständig Witze über Ausländer und die Corona-Krise einfallen.
Doras kahlrasierter Nachbar Gote, ein alleinerziehender und hilfsbereiter Rechtsradikaler mit krimineller Vergangenheit stellt sich ihr ohne Umschweife als Dorfnazi vor.

Kontakte, Bekanntschaften und Freundschaften bahnen sich an. Zugehörigkeitsgefühle und Gefühle von Zuhause und Familie stellen sich ein.
Aber es ist nicht alles einfach, klar und unkompliziert. Vieles ist widersprüchlich und absurd.
Und manches nervt, wie z. B. der Bus, auf den Dora nach dem Einkaufen drei Stunden lang warten muss, weil er nur zweimal am Tag fährt.

Die 1974 in Bonn geborene Juli Zeh ist eine präzise Beobachterin, die uns ihre Figuren sehr nahe bringt und uns Einblicke in ihr Inneres erlaubt.
Sie schreibt knapp, treffend und schnörkellos, psychologisch feinfühlig, unaufgeregt und poetisch und würzt das Ganze mit einer guten Portion Witz und Ironie.
Sie regt, ohne jemals zu bewerten oder zu moralisieren, ihre Leser zum Mit- und Nachdenken an, denn nichts ist so eindeutig und klar, wie es auf den ersten Blick scheint.

Es macht Spaß und ist interessant, in diesen lebendigen und vielschichtigen Mikrokosmos einzutauchen und einen Roman zu lesen, der die Pandemie literarisch anspruchsvoll in den Fokus stellt.

Juli Zeh ist eine der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautorinnen und sie hat mit „Über Menschen“ nach „Unterleuten“ - welch’ hochamüsantes Wortspiel! - einen wunderbaren hochaktuellen Roman am Puls der Zeit geschrieben.

Große Leseempfehlung!


Lilli33, 27. März 2021
Über Menschen oder Zeiten wie diese

Inhalt:
Bracken, ein kleines, fiktives Dorf irgendwo in Brandenburg, Frühjahr 2020. Die sechsunddreißigjährige Dora entflieht Berlin und damit ihrem Freund Robert, den sie immer weniger versteht. Ihr neues Heim ist kein Schmuckstück, sondern eher eine Lebensaufgabe, der sich Dora ziemlich unvorbereitet und ganz allein stellt. Und dann muss sie auch noch den Schreck verarbeiten, dass ausgerechnet ihr direkter Nachbar sich als glatzköpfiger Rechter erweist, der eine klare Ansage macht, was er von Dora und ihrer kleinen Hündin hält.

Meine Meinung:
Ich habe nun schon einige Romane von Juli Zeh gelesen und bin jedes Mal aufs Neue begeistert. So schlage ich inzwischen bei Neuerscheinungen dieser Autorin blind zu, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich muss zugeben, dass ich dieses Mal mit dem Anfang meine Probleme hatte. Das Thema „Corona“ nimmt hier einen großen Raum ein, bietet mir aber nichts Neues, keine neuen Informationen, keine neuen Denkanstöße. Alles was zu diesem Thema hier gesagt wird, erlebe ich Tag für Tag selbst bzw. habe ich mit Freunden und Familie zur Genüge hin und her diskutiert. In diesem Punkt hat die Realität den Roman definitiv überholt.

Doch im weiteren Verlauf konnte Juli Zeh mich auf jeden Fall wieder überzeugen. An der Seite von Dora habe ich mich in das kleine Dorf Bracken eingelebt, habe dessen bunte Bewohnerschar nach und nach kennen- und in gewisser Weise auch lieben gelernt. Juli Zeh verleiht den Figuren eine enorme Tiefe, brilliert durch präzise, detaillierte Beobachtungen, die das Kopfkino in Gang setzen. Sie erweckt die Menschen und die Landschaft zum Leben, lässt sie fast unmerklich sich verändern und entwickeln. Am Schluss kann man sich fragen, wie man eigentlich an diesen Punkt gelangt ist, wo die Ausgangslage doch eine ganz andere war. Die Antwort liegt in vielen kleinen Taten, die uns zu Menschen machen.
Sarita, 27. März 2021
Unterleuten 2020
Die besondere Schreibweise der Autorin, der Bezug zu gesellschaftlich aktuellen Themen und die Szenerie der "neuen" Länder: Selbst wenn man es nicht wüsste wäre beim Lesen schnell klar, dass es sich um einen Roman der wirklich phantastischen Autorin Juli Zeh handelt. Die Szenerie ähnelt genau wie die Alltagsbeschreibung und die Schilderung der Sichtweise des Großstadtflüchtlings in vielerlei Hinsicht derer im bekannten Vorgänger "Unterleuten". Die gesellschaftspolitische Aktualität erinnert an den Roman "Leere Herzen". Wie der Titel schon andeutet kommt auch das Klischee des ostdeutschen Nazis nicht zu kurz. Und doch macht es sich die Autorin mit ihren Romanfiguren nicht zu einfach, sondern schildert sie in ihrem Milieu als Menschen aus Fleisch und Blut. Schon vor der Lektüre war ich Fan von Juli Zeh. Ich bin es geblieben.... Unbedingt lesen!
schnäppchenjägerin, 27. März 2021
Eine Großstädterin während des Lockdowns in der Provinz: ein bittersüßes Porträt unserer Gesellschaft - treffend formuliert und sehr unterhaltsam
Dora lebt mit ihrem Freund Robert zusammen in Berlin-Kreuzberg und arbeitet als Werbetexterin. Es ist Frühjahr 2020 und die erste Welle der Corona-Pandemie. Robert, der sich in den letzten Monaten zu einem extremen Klimaschützer und Anhänger Greta Thunbergs und der "Fridays for Future"-Demonstrationen entpuppt hat, stresst Dora nun auch noch mit seinen Prophezeiungen als selbst ernannter Epidemiologe. Das zeitgleiche Homeoffice wird unerträglich, Dora fühlt sie wie ein Fremdkörper in der gemeinsamen Wohnung, für ihre übertrieben häufigen Spaziergänge mit ihrem Hund wird sie kritisiert. Dora zieht die Reißleine und flüchtet in das alte Gutsverwalterhaus, das sie sich von dem Erbe ihre Mutter gekauft hat. Dort, im 284-Seelendorf Bracken, ticken die Uhren anders. Der Nachbar stellt sich als "Dorf-Nazi" vor, skandiert das Horst-Wessel-Lied, Ausländer werden abwertend als "Pflanzkanacken" bezeichnet, die Einwohner wählen die AfD und schimpfen auf "die in Berlin", die Infrastruktur ist ein Witz.
Der Gegensatz Berlin und Provinz in Brandenburg ist überwältigend, sämtliche Vorurteile und Klischees scheinen sich zu bestätigen, so dass es Dora zeitweise Angst wird. Doch nicht alles ist Schwarz-Weiß, Dora lernt auch das andere Gesicht des Dorfes und seiner Bewohner kennen und beginnt ihr eigenes Leben neu zu sortieren.

Wie schon bei "Unterleuten" ist auch "Über Menschen" ein treffender Titel für diesen Roman. Er handelt von allerlei skurrilen Charakteren, die einerseits bekannte Stereotypen darstellen und damit die Wirklichkeit zeichnen, wie man sich ein Leben in einem abgelegenen Dorf in Brandenburg vorstellt. Menschen, die sich von den Politikern "da oben" nicht wahrgenommen fühlen und dann auch noch durch eine Pandemie und den Lockdown verunsichert werden. Durch die linksliberale Dora, die diesen Menschen begegnet, erhält man einen Blick auf all diese Menschen und bei näherem Betrachten stellt man fest, dass es dort mehr als nur den arbeitslosen, rechtsradikalen, vorbestraften Dorf-Nazi, den resignierten AfD-Wähler oder die überforderte alleinerziehende Mutter gibt, die im Existenzminimum lebt. Es herrscht hier auch eine ungefragte Solidarität, Nachbarschaftshilfe und Zusammenhalt. Jeder kennt jeden und hilft, wo er kann. Auch Dora gelangt so unvermittelt zu neuen Möbeln, gestrichenen Wänden und einem bestellten Beet. Selbst wenn sie sich politisch korrekt lieber von diesen Menschen fernhalten möchte, fühlt sie sich doch zu ihnen hingezogen und wird ein Teil der Dorfgemeinschaft.

Das Buch beschreibt den Alltag, wie sich die Großstädterin Dora in ihrem neuen Leben in der Provinz neu einfinden muss, ist durch ihre Begegnungen mit den Menschen vor Ort jedoch äußerst unterhaltsam, erschreckend, aber auch amüsant und immer wieder verblüffend. Die Lebenswirklichkeit in dem fiktiven Ort Bracken ist überspitzt beschrieben, enthält bei aller Ironie aber auch einen wahren Kern.
Wie Dora schwankt man, ob man die Menschen verurteilen soll oder mögen darf.
"Über Menschen" ist lebensnah und abwechslungsreich geschildert, unterhält durch die facettenreichen Figuren und die hintergründigen bewegenden Schicksale, die nachdenklich machen und ganz deutlich zeigen, dass man sich nicht von Vorurteilen lenken lassen, sondern sich stets ein eigenes Bild machen sollte.
girlwiththebookshelves, 24. März 2021
Toleranz als großes Stichwort
Corona hat die Welt im Griff. Doras Freund Robert ist voll in seinem Element und nimmt die Pandemie sehr ernst. Als er ihr verbietet, mit der Hündin Jochen Gassi zu gehen, reicht es Dora. Sie haut mitsamt Jochen aufs Land ab. In dem brandenburgischen Dorf begegnet sie verschiedenen Charakteren. Nicht zuletzt Gote, der sich ihr als „der Dorf-Nazi“ vorstellt, stürzt Dora in Verwirrung. Sie merkt, dass vieles nicht so ist, wie es zu sein scheint...
Mit „Über Menschen“ ist Zeh nah am echten Leben und vor allem nah an unserer Zeit. Dora ist eine runde Protagonistin, die manchmal einfach nur zu viel hat: Zu viel von den Medien, der Hilflosigkeit und dem Gefühl, immer tiefer in einem Strudel zu versinken. Die Botschaft des Buches: Für simple Wahrheiten ist die Welt zu komplex. Ist Baumwolle wirklich besser als Plastik? Kann man den Medien immer glauben? Und kann jemand, der verbotene Lieder singt und vorbestraft ist, ein liebevoller Vater sein? „Über Menschen“ ist geradezu ein Plädoyer gegen vorschnelle Urteile und für mehr Empathie. Allerdings hat das Buch für mich einen großen sowie einen kleineren Kritikpunkt: Zum einen lässt Zeh dieses Verständnis nicht für alle ihre Figuren aufkommen, sondern überwiegend für die Dorfbewohner*innen. Robert jedoch, der sich vehement gegen den Klimawandel einsetzt und penibel auf die Corona-Regeln achtet, verkommt zu einem nervigen Zeitgenossen, so wie eigentlich alle Figuren, die sich streng an Abstandsregeln und Co. halten. Für mich ist die Botschaft des Buches gut, ich hätte mir nur gewünscht, dass sie im Buch selbst konsequenter umgesetzt wird. Zweitens bleiben manche Figuren eher holzschnittartig. So ist Doras Nachbar Heini eigentlich nur dafür da, rassistische Witze zu reißen und Dora dadurch mit ihrer Lähmung gegenüber Rassismus zu konfrontieren. Meiner Meinung nach kommt „Über Menschen“ nicht an „Unterleuten“ ran, das im selben Kosmos spielt und dessen Figuren ausgefeilter gewirkt haben. Beschäftigen wird mich dieser Roman dennoch für längere Zeit.
Elke Heid-Paulus, 24. März 2021
Ein Provinroman jenseits der Bullerbü-Romantik
Dora will raus. Raus aus Berlin. Weg von Robert, den sie nur noch Robert Koch nennt. Ehemals Greta-Jünger, seit der Pandemie von Corona besessen. Der übergriffig wird, wenn sie seinen Anweisungen nicht folgt. Lange genug hat sie sich von ihrem politisch überkorrekten Freund vorschreiben lassen, was richtig und falsch ist. Hat sich verbogen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Ein diffuses Gefühl, das sie schon seit längerer Zeit hat. Davonschleichen. Ein Ortswechsel könnte die Lösung sein. Eine Herausforderung. Das abgeranzte Haus mit dem verwilderten Grundstück in Brandenburg. Bracken im äußersten Nordwesten, Provinz.

„Über Menschen“. Bereits der Titel schafft die Verbindung zu dem Vorgänger, ist aber intimer, enger gefasst, da die Erzählperspektive sich ausschließlich auf Dora konzentriert. Stellt sich die Frage nach den Assoziationen. Was erwarten wir, wenn wir Dorf und Brandenburg hören? Richtig, AfD, Rechtsradikale, Nazis. Ein anderer Kosmos, Kulturschock, schwieriges Terrain für Dora aus Berlin. Wenn der Nachbar sich als Dorf-Nazi vorstellt, lässt Zeh sämtliche Klischees aus dem Sack. Aber Abgrenzung gilt nicht, Schwarz-Weiß-Denken hat hier keinen Platz, man ist mittendrin, ist weder Über- noch Unter- sondern einfach nur Mensch. Und deshalb verwundert es auch nicht, dass sich in den Beziehungen zu den Dorfbewohnern die Kategorien allmählich auflösen, die Schubladen an Bedeutung verlieren. Politische Weltanschauung wird von Alltagspragmatismus abgelöst, und wenn Hilfe benötigt wird, müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden.

Nun könnte man argumentieren, dass auch das klischeehaft ist, was natürlich stellenweise auch zutrifft. Aber Zeh belässt es nicht bei den Bullerbü-Schilderungen des Dorflebens, sondern thematisiert auch die Probleme, die sich daraus ergeben. Stadt-Land-Gefälle, abgehängt, vergessen von der Politik, weder Arbeitsplätze noch öffentliche Verkehrsmittel, aber auch die persönlichen Belastungen, die die Pandemie mit sich bringt. Und so schreibt sie nicht nur „Über Menschen“ sondern auch „Über Leben“.
Julia Hartel, 23. März 2021
Juli Zeh: „Über Menschen“ – Rückblick auf die Gegenwart – Rezension von Julia Hartel
So viel vorweg

Dass ich Juli Zeh mag, hat mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist wahrscheinlich: Man weiß immer von der ersten Seite an, dass etwas Krasses passieren wird. Selbst hinter der ausführlichsten Rückblende lauert die Story, hält das Hirn in Alarmbereitschaft und lässt in Bezug auf den Ausgang absolut keine Gewissheiten aufkommen. So auch in Über Menschen.

Worum geht’s?

Deutschland im Frühling 2020. Werbetexterin Dora hat es mit ihrem Freund Robert in der gemeinsamen Berliner Wohnung nicht mehr ausgehalten. Schon vor einigen Monaten hat sie sich still und heimlich in der brandenburgischen Provinz ein altes Gutsverwalterhaus mit riesigem Grundstück gekauft. Als aus dem fanatischen Klimaschützer Robert auch noch ein ebenso fanatischer „Corona-Polizist“ geworden ist, hat sie ihre sieben Sachen und ihre Hündin Jochen [sic! :-D] zusammengepackt und ist umgezogen.

Allerdings will sich auch in der ländlichen Idylle des fiktiven Dörfchens Bracken keine Entspannung einstellen. Das hat nicht zuletzt mit Doras neuem Nachbarn Gottfried Proksch zu tun, der sich ihr mit den Worten „Ich bin hier der Dorf-Nazi“ vorstellt. Was genau sich zwischen den beiden entwickelt, sollten Interessierte unbedingt selbst lesen, aber so viel sei schon mal verraten: Eine romantische „Boy meets Girl“-Geschichte ist es nicht.

Stilistisches et cetera

In sprachlicher Hinsicht bleibt Zeh dem Stil ihrer letzten Werke treu: Der Ausdruck ist klar, jedes Wort sitzt am rechten Platz, keine Unebenheit stört den Lesefluss. Ich war wieder sofort mitten im Geschehen und konnte nur staunen, wie schnell mir die ungelesenen Seiten dünn wurden.

Sprachbilder werden sorgfältig dosiert; häufig sind sie in Naturbeschreibungen anzutreffen:

In schrägen Balken lehnt das Licht an den Kiefern; ein Greifvogel segelt lautlos zwischen den Stämmen. Es raunt und wispert. Zauberwesen.
(S. 165)

In vollen Zügen genossen habe ich Dialoge wie diesen:

»Gote«, sagt der Nachbar.
Irritiert schaut Dora zur Straße, ob sich irgendetwas nähert, das diese Bezeichnung verdient.
»Gote«, wiederholt der Nachbar nachdrücklich, als wäre Dora schwerhörig oder jedenfalls schwer von Begriff. (…)
»Westgote oder Ostgote?«, fragt Dora.
»Gote«, sagt er noch einmal. »Wie Gottfried.«
Ein bisschen fühlt sich das an wie die Kommunikation zwischen Robinson und Freitag, nur ohne zu wissen, wer Robinson und wer Freitag ist. Auch Dora hebt einen Zeigefinger und deutet auf sich selbst.
»Dora«, sagt sie. »Wie Dorf-Randlage.«
(S. 44)

Dora ist als Figur überhaupt ausgesprochen gut gelungen. Ihr Humor, ihr beständiges nervöses Reflektieren, ihr Streben nach Autonomie, ihre Zerrissenheit, ihre Sehnsucht nach Spiritualität, ihr Abscheu gegen Rechtsextremismus, ihre Suche nach Wahrheiten und die plötzliche Klarheit, mit der sie manche Dinge sieht – all das wird sehr glaubwürdig vermittelt, sodass es leichtfällt, sich mit ihr zu identifizieren. In vielem, was Zeh sie über Politik, die Gesellschaft und das Leben denken lässt, kann ich ihr nur zustimmen.

Warum noch toll?

So harmonisch und locker sich die Wörter und Sätze ineinanderfügen, so herausfordernd ist ihr Inhalt – auch bei diesem Prinzip bleibt sich die Autorin treu. Ohne Scheuklappen wird herausgearbeitet, wie kompliziert die Welt ist und wie schwer sich vor allem definieren lässt, wie man denn nun eigentlich „richtig“ handelt. Letztlich erweist sich die Menschlichkeit als Antwort auf viele Fragen. Eine der Schlüsselstellen für mich: Doras Erkenntnis, dass die Aussage „Ich bin besser als du“ die Wurzel allen Übels darstellt. Und zwar auch dann, wenn eine Linksliberale sie an einen Nazi richtet.

Doch noch ein Kritikpunkt …

Im Roman tauchen so ziemlich alle Aspekte und Begriffe auf, die im Zusammenhang mit Corona durch die Medien gegangen sind. Zwischendurch kam mir das etwas angestrengt vor, so als wäre beim Schreiben eine Art Checkliste abgehakt worden, um wirklich eine vollständige Chronik zu produzieren. Besonders die alleinerziehende und entsprechend erschöpfte Mutter Sadie wirkte auf mich wie einem Porträt auf Spiegel online entsprungen; hier hätte ich mir mehr Juli-Zeh-typischen Einfallsreichtum gewünscht. Aber vielleicht ist in dieser Hinsicht nur die zeitliche Nähe das Problem. Mit ein paar Jahren Abstand wird man vermutlich ein Schlagwort wie „Notbetreuung“ lesen und denken: „Ach ja, so war das damals! Gut, dass das jemand aufgeschrieben hat.“ 😉

Wem gefällt’s?

Allen, die es interessiert, wie zeitgenössische Literaturschaffende aktuelle Probleme künstlerisch verarbeiten. Juli-Zeh-Fans werden Über Menschen sowieso kennenlernen wollen. Wer unsere Corona-Gegenwart im Moment als große Belastung empfindet, sollte aber besser noch etwas mit der Lektüre warten – und das Buch eines Tages als echten Rückblick lesen.

[Vielen Dank an Penguin Random House für das Rezensionsexemplar!]
Ilona König, 22. März 2021
Absolut grandios
So ein grandioses Buch habe ich lange nicht gelesen, es lässt einen nicht los und auch im Nachhinein beschäftigt man sich mit den aufgezeichneten Charakteren. Absolut grandios, was da abgeliefert wurde, und auch die Resonanz bei Kollegen und Kunden ist riesig.
Ein wirklicher Genuss, von der ersten bis zur letzten Seite.
Harakiri, 20. März 2021
Über-Buch
Was für ein Roman! Ich bin mir sicher, dass meine Rezension diesem Buch in keiner Weise gerecht werden kann. Jetzt schon ist dieses Buch mein absolutes Jahreshighlight und wohl nicht zu toppen.
Dora zieht von Berlin in ein kleines Dorf in Brandenburg. Hier scheint die Welt noch in Ordnung. Doch nur, wenn man die Oberfläche betrachtet. Während sie sich einrichtet, kommt sie mit ihrem Nachbarn in Kontakt, dem „Dorf-Nazi“. Gote greift ihr unter die Arme und Dora merkt: wir alle sind nur Menschen.
Die Bücher von Juli Zeh sind nicht einfach nur Romane. Es sind Welten, die sich eröffnen. Und wieder die Frage: was macht uns zu den Menschen, die wir sind, bzw. der Antwort: die wenigsten Menschen wollen etwas Böses.
Auch die in dem kleinen Dorf in Brandenburg nicht. Und doch gibt es dort Personen, die anders sind, in keine Schablone passen, die AfD wählen oder Nazis sind. Doch als Dora diese Leute näher kennenlernt stellt sie fest, dass niemand besser oder schlechter ist als andere. Jeder geht seinen Weg, oft erzeugt durch seine Umgebung und die Umstände.
Zehs Charaktere sind voller Leben, egal ob Protagonist oder Nebenfigur, alle wirken authentisch. Neben Dora und Gote hat mir auch Franzi sehr gut gefallen und auch die Schilderungen des Dorfes wirkten lebensnah und greifbar.
Fazit: Juli Zehs Schreibweise hat mich wieder umgehauen und mitgerissen.

Bücherfreuden, 19. März 2021
Einfach leben
In Bracken, einem abgelegenen brandenburgischen Straßendorf mit 284 Einwohnern, hat sich Dora ein altes Haus mit großem Grundstück gekauft. Hierher flieht sie, als das Zusammenleben mit ihrem Partner Robert in Berlin unerträglich wird, weil er sich zum pedantischen Klimaschützer und panischen Corona-Maßnahmen-Verfechter entwickelt hat. Doch die reine Idylle ist das Landleben nicht. Das zugewachsene Flurstück zu bearbeiten, erweist sich als Herkulesarbeit, der öffentliche Nahverkehr ist so gut wie nicht existent, ihr direkter Nachbar stellt sich als „der Dorf-Nazi“ vor und ein Stück die Straße hinunter prangt ein AfD-Aufkleber am Briefkasten.
Während Dora mit den verwirrenden, widersprüchlichen Gedanken in ihrem Kopf kämpft und sich zu Robert Gerst ins All träumt, geschieht immer wieder Überraschendes. Je mehr Dora sich auf das Leben einlässt, das sie vorfindet, desto mehr erfährt sie Mitmenschlichkeit jenseits aller Raster.
Dieser hochaktuelle, anregende Roman handelt von der Sehnsucht nach Sicherheiten und der Erfahrung, dass es keine einfachen Antworten gibt. Die menschliche Existenz ist zu komplex für Kategorisierungen, und letzten Endes kommt es darauf an, einander Nächster zu sein. Die Geschichte liest sich flüssig und spannend, es gibt viel Situationskomik, bemerkenswerte Charaktere, geistreiche Beobachtungen und Formulierungen, witzige Dialoge, auch sehr berührende, traurige Momente.
Ein wunderbares Buch, das ich fast in einem Zug gelesen habe, weil es mich so sehr gepackt hat. Absolut empfehlenswert!
karo_liest, 16. März 2021
Ein absolutes Lese-Highlight
Dora, eine erfolgreiche Werbetexterin, erträgt die Großstadt nicht mehr und zieht mit ihrer Hündin von Berlin weg nach Brandenburg, wo sie sich in dem kleinen Dorf Bracken ein altes Haus gekauft hat. Hinter sich lässt sie nicht nur die Metropole, sondern auch ihren Freund Robert, der sich durch seine extremen Ansichten, unter anderem die Klimapolitik und den Lockdown betreffend, mehr und mehr von ihr entfernt.

Auf dem Land erhofft sich Dora Ruhe und Abstand, merkt aber schnell, dass es alles andere als idyllisch ist in ihrem neuen Wohnort.
Die Nachbarn entpuppen sich als rechtsgerichtet und entsprechen allen Vorurteilen. Und doch fühlt sich Dora zu diesen Menschen, die ihr auf ganz eigene Art Hilfe, Geborgenheit und Nähe geben, hingezogen.

Juli Zeh, die für ihr Werk bereits vielfach ausgezeichnet wurde, hat mit "Über Menschen" wieder einen wuchtigen Roman geschrieben, der einen sofort packt. Sie schafft es, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Abneigung und Sympathie, was die Menschen in der Geschichte betrifft. Menschen, von denen man sich im wirklichen Leben ganz klar distanzieren würde.
Die Geschichte ist sehr berührend und bewegend, aber durchaus auch gespickt mit Witz und Ironie. Und je näher man zum Ende des Buches kommt, desto mehr wünscht man sich, dass es nie enden möge.

Eine großartige Lektüre, die lange nachklingt und einen sehr nachdenklich zurücklässt.
Absolut empfehlenswert!

Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen und hat 416 Seiten. 

https://www.penguinrandomhouse.de/Über-Menschen/Juli-Zeh/

Barbara Hofmann, 05. März 2021
Das ist das Beste, das ich seit langem gelesen habe.
Das ist das Beste, das ich seit langem gelesen habe. Vielleicht auch das Beste von Juli Zeh. Geistreich, hintergründig, selbstironisch und oft philosophisch beschreibt sie Menschen unter besonderen Bedingungen. Diese Schicksale, die ja gar nicht so ungewöhnlich sind, gehen unter die Haut. Ganz große Klasse.

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