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Zwischen Welten

Zwischen Welten

Roman

Info

Zwanzig Jahre sind vergangen: Als sich Stefan und Theresa zufällig in Hamburg über den Weg laufen, endet ihr erstes Wiedersehen in einem Desaster. Zu Studienzeiten waren sie wie eine Familie füreinander, heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten übrig.

Stefan hat Karriere bei Deutschlands größter Wochenzeitung DER BOTE gemacht, Theresa den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg übernommen. Aus den unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden. Stefan versucht bei seiner Zeitung, durch engagierte journalistische Projekte den Klimawandel zu bekämpfen. Theresa steht mit ihrem Bio-Milchhof vor Herausforderungen, die sie an den Rand ihrer Kraft bringen.

Die beiden beschließen, noch einmal von vorne anzufangen, sich per E-Mail und WhatsApp gegenseitig aus ihren Welten zu erzählen. Doch während sie einander näherkommen, geraten sie immer wieder in einen hitzigen Schlagabtausch um polarisierende Fragen wie Klimapolitik, Gendersprache und Rassismusvorwürfe. Ist heute wirklich jeder und jede gezwungen, eine Seite zu wählen? Oder gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen den Welten? Und können Freundschaft und Liebe die Kluft überbrücken?

Pressestimmen

»So viel Gegenwart war selten in der deutschen Literatur.«
Denis Scheck / Der Tagesspiegel, 25.03.2023
»Das ist konstruktive Provokation. Und das macht ›Zwischen Welten‹ zum Gesellschaftsroman der Stunde. Darüber wird Deutschland streiten, ganz bestimmt.«
Martin Korte / Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 25.01.2023
»Juli Zeh und Simon Urban gelingt es spielerisch leicht, das von Verlusten und Untergangsängsten bestimmte Zeitgefühl unserer klima- und kriegsversehrten Gegenwart sichtbar zu machen.«
Jörg Magenau / Deutschlandfunk, 24.01.2023
»Ein großer Gesellschaftsroman. Passt perfekt in unsere Zeit.«
Christhard Läpple / ZDF Heute Journal, 22.01.2023
»Liest sich stellenweise spannend wie ein Krimi - und macht doch nachdenklich.«
Nadine Kreuzahler / rbbKultur, 23.01.2023
»Das Ganze ist wirklich gut gemacht, eigentlich noch viel besser, als es der Ankündigungstext auf der Buchrückseite verheißt, der von einem ›hochaktuellen Gesellschaftsroman über die zerstörerische Kraft eines enthemmten Diskurses‹ spricht.«
Burkhard Müller / Süddeutsche Zeitung, 19.01.2023
»Kaum ein Romanautor respektive eine Romanautorin versteht es so gut wie Juli Zeh, aktuelle politische und gesellschaftliche Themen in ihre Bücher einfließen zu lassen.«
Claudia Panster / Handelsblatt, 26.01.2023
»Wer die Herausforderung annimmt, in die eigenen Luftblasen zu stechen, kann bei dieser Lektüre viel Spaß haben.«
Janina Fleischer / Leipziger Volkszeitung, 24.01.2023
»Zeh und Urban sind nah dran an den gesellschaftlichen Debatten. Der Roman liest sich streckenweise wie eine Rückschau auf die vergangenen ein bis zwei Jahre.«
Katja Weise / NDR Kultur, 15.01.2023
»Ein hochaktueller Roman darüber, wie polarisiert unsere Gesellschaft ist und wie politische Streitthemen Beziehungen zerfressen können.«
Katja Schönherr / SRF 2 Kultur, 24.01.2023
»Ein spannendes, hochaktuelles, stringent geschriebenes Buch!«
Andrea Braunsteiner / Woman, 18.01.2023
»Überzeugend verhandelt ›Zwischen Welten‹ die große Gereiztheit, die gespaltene Gesellschaft, die verwundete oder schon verschwundene Debattenkultur und das vergiftete mediale Klima.«
Juliane Fischer / Falter, 07.02.2023
»Brisant und hoch spannend erzählt.«
Hansruedi Kugler / Schweiz am Wochenende, 20.01.2023
»Ein wichtiges Buch, über das man reden wird. Hoffentlich nicht nur in aufgeheizten Debatten.«
Welf Grombacher / Rhein-Neckar-Zeitung, 25.01.2023
»Von erschreckender Aktualität und bedrückender Relevanz.«
Frank Dietschreit / Mannheimer Morgen, 24.01.2023
»Neben allen Gendersternchen und Großstadt-Rosa-Brille-Feuilleton ist es ein klarer Blick auf die prekäre Lage der Landwirte hierzulande. Das ist durchaus gelungen.«
Sven Trautwein / Münchner Merkur, 30.01.2023

Leserstimmen

(Durchschnittliche Bewertung / 43 Kundenrezensionen)
an_der_see, 11.02.2024
Es gibt nicht nur eine Wahrheit...
Theresa und Stefan wohnten während ihres Germanistikstudiums in Münster zusammen in einer Zweierwohngemeinschaft, wie gute Freunde, wie Geschwister. Bis Theresa´s Vater starb, sie zurück nach Brandenburg ging, um dort die Landwirtschaft ihres Vater zu übernehmen, die sie noch immer führt. Den Kontakt zu Stefan brach sie von einem Tag auf den anderen ab. Stefan machte Karriere als Journalist und arbeitet mittlerweile bei einer renommierten Hamburger Zeitung als stellvertretender Chefredakteur. Beide sind in ihren 40er Jahren angekommen, Stefan Single und ohne Kinder, Theresa verheiratet und zwei Söhne. Durch Zufall begegnen sie sich nach 20 Jahren in Hamburg an der Außenalster wieder, verbringen einen nicht sehr erfreulichen Abend zusammen und beginnen anschließend eine Unterhaltung über WhatsApp und eMail. Ihre Lebenshintergründe können unterschiedlicher kaum sein, ihr Alltag kaum gegensätzlicher. Kann unter diesen Umständen ihre Freundschaft aus Studentenzeiten fortbestehen, kann sie neu belebt und wieder aufgenommen werden, wird sich sogar mehr als Freundschaft entwickeln können? Für mich ist „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban der zeitgenössischste und aktuellste Roman den ich kenne. Die Themen könnten gegenwärtiger kaum sein. Ich bin ehrlich, wenn mein Mann mir diesen Roman nicht empfohlen hätte, hätte ich ihn nicht gelesen. Zu aktuell, zu gegenwärtig, zu wenig Fluchtmöglichkeiten beim Lesen. Und dann hätte ich sehr viel verpasst, mir wäre ein Juwel der deutschen Gegenwartsliteratur entgangen. Theresa und Stefan unterhalten sich über Klimapolitik, über die Gendersprache, Rassismus, den Krieg in der Ukraine, die Herausforderungen in der Landwirtschaft, die Auswirkungen von nur einem unangebrachten Wort, die eine ganze Existenz vernichten kann. Das was sie über diese Themen schreiben, denken und fühlen ist gegensätzlich und doch auch ähnlich. Sie leben in zwei verschiedenen Welten und haben somit auch verschiedene Perspektiven. Theresas Alltag ist vom praktischen Handeln durchzogen. Sie erlebt als Landwirtin die Auswirkungen des Klimawandels, der Klimakatastrophe jeden Tag real. Während Stefan´s Alltag eher mit theoretischen Überlegungen diesbezüglich ausgestattet ist. Die Tatsache ob es regnet oder nicht, kann Theresas Existenz bedrohen. Für Stephan´s Existenz ist es relativ egal ob es regnet oder nicht. Umgekehrt kann es Stefan seine Existenz kosten wenn er auch nur einen Fehler in der Gendersprache macht, wenn er einmal etwas Falsches, Unangebrachtes sagt und damit einen Shitstorm auslöst. Das wiederum spielt in Theresa´s Welt kaum eine Rolle. Sie führen einen Diskurs und gehen dabei selten sanft miteinander um. Es wird direkt gesprochen ohne sich in ihrer Kommunikation zu verbiegen. Dieses Buch zeigt auf, dass man sehr wohl miteinander reden kann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Eine Wohltat mitzuverfolgen wie sie ihre Diskussionen immer weiter aufbauen und auch zu spitzen. Beide haben ausreichend Selbstbewusstsein um nicht sofort beleidigt und eingeschnappt zu sein, wenn mal etwas geschrieben wurde, was den eigenen Ansichten gegensätzlich ist. Ich fand das großartig und wie eine Lehrstunde, erfrischend und berauschend. Muss denn immer alles zerstört werden, was nicht der eigenen Auffassung entspricht? Kann nicht einmal das Andere stehen gelassen werden? Ist es so schwer damit zu leben, dass nicht immer alle einer Meinung sind? Diese vielen Gruppen die sich gegenseitig bekämpfen und bekriegen, von der jede denkt, dass nur ihre Ansichten richtig sind. Das macht die Kommunikation in der heutigen Zeit so sehr anstrengend. Und umso wertvoller finde ich das Buch „Zwischen Welten“. Dann die Tatsache, dass nichts wirklich sicher ist, egal wo man lebt, mit wem man lebt, welche Umstände den eigenen Alltag bestimmen. Von einem Moment auf den anderen kann sich das Leben, die eigene Existenz gravierend verändern. Sei es wie bei Theresa durch Bestimmungen von Politikern, die ihr den Berufsalltag immer schwerer und nahezu unmöglich machen, den Auswirkungen von Starkregen oder zu wenig Regen. Oder in Stefan´s Welt die Auswirkungen von einem falschen Wort, dass einen Shitstorm auslöst, das die Masse aufbringt und sich tosend über ihn zusammenschlägt, es wird gerichtet, hingerichtet. Manchmal frage ich mich, warum in der heutigen Zeit so viel von Toleranz gesprochen wird, wenn sie doch immer weniger gelebt wird. Je mehr darüber gesprochen wird, desto weniger ist sie im Alltag zu finden. Im Laufe des Romans kann man in jeder Zeile miterleben, wie die Existenz von Theresa und Stefan immer stärker bröselt, wie beide versuchen, sie zusammenzuhalten und dabei beginnen ein sehr großes Stück Freiheit und Eigenmächtigkeit zu verlieren. Mitzuverfolgen wie beide mit dieser Entwicklung umgehen, fand ich hoch interessant und sehr spannend. „Zwischen Welten“ ist für mich ein Roman aus dem man sehr viel mitnehmen und lernen kann, der so reich an wertvollen Gedanken und Sichtweisen ist, dass es sich lohnt, ihn ein zweites Mal zu lesen. Ein Roman der mir auch mal wieder aufgezeigt hat, dass es nicht nur eine Wahrheit und ein Richtig und ein Falsch gibt und das es unserer Gesellschaft eventuell gut tun könnte, wenn sie wieder anfinge, die vielen Grautöne nicht weiter auszuschließen.
Vorlesetante_sarah, 03.01.2024
Schlagabtausch vom Feinsten
Theresa und Stefan kennen sich seit ihrem Literaturstudium vor 20 Jahren. Sie hatten in einer WG zusammengewohnt und waren wie eine Familie füreinander. Danach gingen ihre Wege auseinander. Jetzt treffen sie sich erstmals wieder und versuchen die Kluft, die zwischen ihnen entstanden ist zu überbrücken. Ein Schlagabtausch per Email und Whatsapp zweier gegensätzlichen Seiten: Stefan, einem Jourinalisten aus Hamburg, dessen Ziel ist es, sich und am liebsten die ganze Welt für neue Wege in der Klimapolitik zu gewinnen und mit Gendersprache und überkorrekt angewandter Sprache und korrekten Recherchen den Rassismus zu bekämpfen. Theresa, eine Landwirtin, mit geerbtem Hof mit Milchproduktion und Biogasanlage, die versucht mit den steigenden Landpreisen und mit immer komplexeren Auflagen noch nachhaltig ihren Hof über Wasser zu halten. Die Lektüre war sehr unterhaltsam wenn auch manchmal echt sehr bedenklich. Beide Seiten konnte ich bisweilen verstehen und wieder kopfschüttelnd ablehnen. Mir hat dieser Schlagabtausch sehr gut gefallen und auch vor Augen geführt, in was für einer Zeit wir leben… in Zeiten von Shitstorms, Klicks und Likes im Internet… Eine klare Leseempfehlung! Danke dem Verlag und Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.
Blütenhonig, 21.10.2023
Eine Gesellschaft zwei Welten
Zwanzig Jahre nach ihrer wilden Studentenzeit in Münster begegnen sich Theresa und Stefan zufällig wieder. Zwei Leben und damit auch zwei verschiedene Welten liegen zwischen ihnen. Theresa ist Landwirtin, hat den Betrieb ihres Vaters übernommen und kämpft verzweifelt und mit all ihrer Kraft um das Überleben ihres Hofes. Stefan dagegen ist Journallist bei einer der größten Zeitungen Deutschland in Hamburg. Seine Welt dreht sich um Sehen und gesehen werden. Was dort in den Büros und an den Schreibtischen der Redaktion erdacht wird, soll die Gesellschaft verändern. Mit Sprache soll Gerechtigkeit geschaffen werden, mit Beilagenheften die Menschen zum nachhaltigen Leben erzogen werden, während in der Mittagspause Zucchinicremesüppchen mit Champagnercremehäubchen gelöffelt wird. Theresa dagegen ringt dem Land alles ab, was der Gesellschaft Nahrung bietet. Doch statt Anerkennung und Hilfe zu erhalten, wird ihr von Gesetzen und Verordnungen das Leben schwer gemacht. Während der Pleitegeier über ihr kreist, muss sie sich ständig rechtfertigen. Jeder kämpft für sich in seiner Welt. Durch ihre gemeinsame Vergangenheit fühlen sie sich verbunden. Was damals harmlos am Küchentisch diskutiert wurde, artet heute in handfesten Streit aus. Der Roman ist in Form eines modernen Briefwechsels geschrieben. Wie Voyeure verfolgen wir den E-Mail -und Messenger-Austausch der beiden. Ihre gesellschaftskritische Konversation ist grandios. Der Roman bietet so viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren, dass ich mich immer wieder damit beschäftigen könnte. Trotz der Erzählform war es ein echter Pageturner, der mich nicht nur über die Absurditäten unserer Gesellschaft den Kopf, sondern auch über mich selbst, schütteln ließ. Eine absolute Leseempfehlung!
der Michi, 18.10.2023
über die politische Religion
Beim Stichwort "Debattenkultur" denken wir zeitgleich an soziale Medien und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn so etwas in einem Roman abgebildet werden soll. Der Versuch allerdings ist mutig und letztendlich erweist sich das Medium "Briefroman" als passend. Briefe sind heute zwar WhatApps und Mails, aber das Grundprinzip bleibt. Die Geschwindigkeit ist deutlich höher und Theresa und Stefan müssen vor allem anderen erfahren, dass mit der Zuspitzung um der guten Sache willen das Zwischenmenschliche verlorengeht. Letztendlich ist das die wichtigste Botschaft des Romans. Ob das Gendersternchen wichtiger ist als die Existenz von Landwirten, ob Alltagsrassismus wichtiger ist als das Vermächtnis der eigenen Familie - zu diesen Thesen machen die Autoren keine finalen Aussagen, höchstens Andeutungen. Man kann aber nicht umhin, in Theresa die heimliche Sympathieträgerin zu sehen, deren Handlungen im Vergleich zu Stephans Rechthaberei vom elitären Kulturposten aus noch am nachvollziehbarsten sind. Am Ende sind es aber eben die Freundschaften und zum Teil auch Familien, die an solcher Rechthaberei und hochkochenden Emotionen kaputt gehen. Politische Einstellungen sind längst Ersatzreligionen geworden, deren Anhänger sich lieber verdammen als auszuhalten, dass andere Perspektiven ein Existenzrecht haben. Obwohl Theresa und Stephan grundsätzlich gute Voraussetzungen für den konstruktiven Diskurs haben, können sie sich dieser Dynamik kaum entziehen. Doch sie sind auch Opfer der Dinge, die sie heraufbeschwören. In dieser Hinsicht wird das Buch ab der Mitte auch ein wenig zur beißenden Mediensatire, wenn Stephan für seine woken Kollegen einfach nicht mehr woke genug ist und kurzerhand abgesägt wird und auch zum Thriller, wenn Theresa mit der Hilfe einer dubiosen Untergrundorganisation mehr Gerechtigkeit für Landwirte erkämpfen will. Wichtige Bücher über brandaktuelle Themen gibt es viele, doch die wenigsten liest man gern. Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Abwägung, beide Seiten wenigstens zu Wort kommen lassen, auch wenn man seine Meinung vehement verteidigt - all das scheint angesichts des eigenen Missionierungseifers passé. Hier liegt nicht nur ein Debattenroman vor, den gern liest, nein, er nimmt sich trotz durchaus erkennbarer Sympathien die Zeit, sich mit seinen nicht zu unterschätzenden Themen eigehend zu befassen und sie an der Realität zu prüfen. Das kann man nicht hoch genug einschätzen.
Ingrid B., 08.08.2023
perfekt recherchiert
Das ungewöhnliche Formal des digitalen Austausches zwischen Tessa und Stefan zeigt die tiefe Kluft zwischen intellektueller westdeutscher Stadtbevölkerung und den Alltagstehmen und -sorgen der brandenburger Bauernschaft auf und versucht auf der urmenschlichen Bedürfnisebene nach Liebe und Anerkennung Brücken dazwischen zu schlagen. Ein fantastisches Werk, das ohne zu urteilen beide Welten im Kern erkennt und seine Spannung darin findet, immer wieder mit der Hoffnung auf verbindende und versöhnliche Begegnung zu spielen. Wer beide Welten kennt weiß, hier wurde gut recherchiert und den Szenen aufs Maul geschaut. Ein hochaktuelles und politisches Werk, das ich nicht mehr zur Seite legen konnte.
Jana Jordan, 07.08.2023
Wir sind der Schwarm
Liebe Theresa, lieber Stefan, schon bald, nachdem ich mit dem Lesen eurer Korrespondenz begonnen hatte, regte sich in mir das Bedürfnis, mich in euren Austausch einzumischen. Ich meinte vermitteln zu können bzw. zu müssen. Ich sah die Barrikaden auf beiden Seiten und das Ringen darum, sich dem anderen verständlich zu machen. Wahrscheinlich wäre ich genauso gescheitert wir ihr. Stefan ist Journalist und leitet das Kulturressort einer großen deutschen Wochenzeitschrift mit Sitz in Hamburg. Theresa hat den Hof ihres Vaters übernommen, auf biologische Landwirtschaft umgestellt und kämpft seither zwischen Melkstand, Traktor und Bürokratieumdas wirtschaftliche Überleben. Die beiden kennen sich vom Studium, hatten sich lange aus den Augen verloren und zufällig in Hamburg wieder getroffen.Sie vereinbaren einen Neuanfang. Der daraus entstehende Austausch per WhatsApp und Mail wird schnell zu einem Streitgespräch über unterschiedliche Vorstellungen und Positionen. Theresa fühlt sich von den Gendersternchen in Stefans Texten provoziert, für ihn hingegen sind Theresas Kühe vor allem Klimakiller. Beide agieren authentisch und ihre Beweggründe sind nachvollziehbar.Im Prinzip wollen sie das Gleiche: Eine gerechte Gesellschaft in einer funktionierenden Demokratie und eine intakte Umwelt.Doch mangelnde Breitschaft, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, führt schnell zu Unterstellungen und Vorwürfen. Ich habe immer den Eindruck, dass sie einander nicht zuhören und aneinander vorbeischreiben.Sie präsentieren Fakten, aber eigentlich geht es um Befindlichkeiten.Ich fand es ermutigend, dass sie trotzdem nicht hingeworfen und nach gemeinsamen Schnittmengen gesucht haben. Das Themenspektrum ist breit gefächert. Stefan berichtet von den Abläufen in der Redaktion, er erzählt von einem Projekt, welches ihm am Herzen liegt und von dessen Umsetzung. Theresa beschreibt ihren Arbeitsalltag zwischen Familie und Hof und wie sich die anhaltende Dürreperioden auf Ertrag und Arbeitsbelastung auswirkt. Die Mails handeln vonder Misere der Landwirtschaft zwischen Grundversorgung und Klimaschädlichkeit, vonGeschlechtergerechtigkeit, es geht auch um deutsche und europäische Politik und die Rolle von Subventionen, um bürokratische Hürden, um die Aufgaben der Journalisten zwischen Information und Kommentar. Das alles durchdringende Thema jedoch sind die vielfältigen Formen von Kommunikation. Stefan und Theresa kommunizieren vorrangig per Mail und per WhatsApp, dabei fällt schnell auf, dass die zeitnahen Reaktionen über den Messenger deutlich schärfer verlaufen und nicht selten schon nach kurzem Hin und Her beleidigend werden. Beim Schreiben der Mails argumentieren beide im Wesentlichen sachlich. Der unüberlegte und teilweise übergriffige Schlagabtausch per WhatsApp erscheint dabei wie eine Vorahnung des Strudels, in den beide am Ende geraten. Die Form des Briefromans ermöglicht dem Autorenpaar Juli Zeh und Simon Urban den glaubhaften Perspektivwechsel zwischen dem in seiner urbanen Blase gefangenen Stefan und der im täglichen Arbeitspensum eingespannten Theresa. Gleichzeitiggelingt es dabei, die Mechanismen innerhalb der sozialen Medien abzubilden. Sie zeigen die zerstörerische Kraft, die den Diskursen via Twitter oder Facebook innewohnt, wo es nur noch selten um Inhalte geht, aber immer um Lautstärke und Reichweite und das Besetzen von Schlagworten. Während es Stefan und Theresa immer wieder schaffen, ihre Debatte auf eine sachliche Ebene zurückzuführen, müssen sie erleben, wie schon ein einzelner unüberlegter Satz oder eine spontane Aktion einen Shitstorm auslösen und eine Existenz vernichten können. Beide müssen erkennen, wie wenig wirkmächtig sie sind. Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, eine zielführende und lösungsorientierte Debatte zu führen bzw. wie sie wieder gelingen kann. Doch der Schwarm, den Rotzlöffel*innen wie Leonie aktivieren – sie ist im übrigen für mich die einzige unglaubwürdige Figur im Buch, weil in ihrer Darstellung der Begriff „Aktivist“ zum Schimpfwort verkommt – dieser Schwarm besteht aus vielen Einzelnen, aus uns, und wir tragen Verantwortung. Das sollte uns bewusst sein, bevor wir zynische Sprüche in die Tastatur hämmern und in die Welt schicken. Echte Demokratie braucht schließlich die Vielfalt der Meinungen, um einen guten Weg für alle zu finden.
Peter Reeh, 15.07.2023
Genug der Debatten
Kaum lege ich mal ein Buch zurück, meistens beiße ich mich bis zum Schluss durch. Das war mir allerdings bei diesem Buch nicht möglich. Quergelesen und festgestellt, dass sich nichts ändert, habe ich es weggelegt. Gendern, Klimakrise usw. sollte man in einem Roman nicht verarbeiten, mit diesen Themen wird man täglich bei den Nachrichten schon genug "runtergezogen". Beim Lesen eines Romans sollte man sich mal in eine andere Welt flüchten dürfen.
Janines.world, 12.05.2023
Sehr interessant
Das Buch ist in drei Teile gegliedert und in Email Form abgedruckt. Tatsächlich hatte ich damit zu Beginn meine Schwierigkeiten, aber nach den ersten 50 Seiten, hatte ich mich daran gewöhnt. Durch die sehr aktuellen und polarisierenden Themen konnte ich immer nur einige Seiten lesen. Die Emails beschreiben teilweise den Alltag und verlieren sich dann in hitzigen Diskussionen zu diversen Themen. Einige Beispiele sind dann das Gendern, White Privileges, Fridays for Future, und vielen mehr. Ich brauchte die Zeit um mir selbst über das gelesene und die Meinungen der Charaktere weiter meine Gedanken zu machen. Dabei habe ich auch einige Themen (z.b. intersektionaler Feminismus) nachschlagen müssen. Somit hat sich der Leseflow bei mir leider nicht eingestellt und das Buch hat sich damit etwas gezogen. Tatsächlich habe ich mehrfach überlegt das Buch abzubrechen, da ich ja „Spaß“ beim Lesen haben möchte. ABER ich habe es zu Ende gelesen und darüber bin ich wirklich froh. Viele Themen sind mir natürlich schon vor dem Lesen ein Begriff gewesen, doch nun habe ich mich damit noch weiter auseinander gesetzt. Wer Lust auf ein Buch hat, dass versucht das aktuelle Gesellschaftsbild zu beschreiben, dann wird er hier fündig.
echo.of.the.books, 12.04.2023
Erschreckend ehrlich
Wenn ich an Briefromane denke, fallen mir zunächst „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer und „84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff ein. Juli Zeh und Simon Urban haben sich dieses Genre angenommen und mit „Zwischen Welten“ den Briefroman in die moderne Welt übertragen. Ein Hamburger Journalist und eine Brandenburger Milch Bäuerin, die vor gemeinsam studiert und in einer WG gelebt haben treffen sich nach 20 Jahren wieder. Es prallen zwei Gegensätze aufeinander, Stand und Land und damit zwei Lebensrealitäten. Die Themen, die sie per Mail oder per Messenger diskutieren könnten aktueller nicht sein: es geht um Bio-Subventionen, Gendersternchen, und den Ukrainekrieg. Aber auch um ihren Alltag und Familien. Wir kennen sie alle, politischer Debatten. Und wir kennen es auch, wenn diese eskalieren. Der Roman veranschaulicht, wie wir debattieren können, ohne gleich in Hasstiraden zu verfallen. Aber gleichzeitig bekommen wir mit, wie unterschiedlich Probleme sind, und wie weit aktuell Es war teilweise sehr intensiv und anstrengend, und es zeigt keine Lösung der Probleme auf. Neben dem Lesespaß hab ich für mich mitgenommen, dass wir alle trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten die Sorgen und Probleme unserer Mitmenschen ernst nehmen sollten, auch wenn wir sie nicht lösen können. Mitgefühl und Zusammenhalt kann schon sehr viel bewirken, gerade in unserer aktuellen Zeit. „Unterleuten“ ist für mich dennoch weiterhin mein liebstes Werk von Juli Zeh und ich freue mich darauf, weitere Werke von ihr und vielleicht auch weitere Gemeinschaftsprojekte mit anderen Autor*innen zu lesen.
Bücherfreuden, 12.04.2023
Unkultur
In der Studienzeit lebten sie als WG zusammen, jetzt, zwanzig Jahre später sind sie wieder miteinander in Kontakt: Stefan ist inzwischen stellvertretender Chefredakteur bei einer renommierten Hamburger Wochenzeitung, Theresa hat den Hof ihres Vaters in Brandenburg übernommen und kämpft ums Überleben. In Mails und Chatnachrichten erzählen sie sich gegenseitig von den Freuden und Herausforderungen ihres Lebens und diskutieren kontrovers und leidenschaftlich über gesellschaftliche Entwicklungen. Mit großer sprachlicher Ausdruckskraft greifen die Autoren sehr aktuelle Themen auf, vom Ukraine-Krieg über Klimarettung, Nöte der Landwirte, Aufgaben des Journalismus, Gendersprache, kulturelle Aneignung, Rassismus und die allgegenwärtige Macht der sozialen Medien. Es wird eine starke Tendenz zum Extremismus und Absolutismus deutlich, der eine sachliche Auseinandersetzung in der Gesellschaft zunehmend unmöglich macht. Auch die Protagonisten müssen in ihrem Diskurs darum ringen, sich trotz gegensätzlicher Meinungen nicht zu verurteilen. Das erste Drittel des Buches fand ich ein bisschen zäh und anstrengend, aber als die Positionen von Stefan und Theresa sich zu verändern beginnen, wurde die Geschichte für mich interessant und packend. Viele Gedankengänge erscheinen mir bemerkenswert und treffend. Für mich hat sich die Lektüre gelohnt!
jensis_leseecke, 05.04.2023
Ein wichtiges Buch!
„Und verdächtig wird es in meinen Augen, wenn sich ein Mainstream entwickelt, der keinen Widerspruch mehr duldet. Wenn Leute (wie du) auf einmal blind werden für Gegenargumente und abweichende Meinungen. Wenn es keine Diskussion mehr geben soll, sondern nur noch alternativloses Handeln. (Juli Zeh und Simon Urban, Zwischen Welten, S. 129) Nach zwanzig Jahren Funkstille treffen sich Theresa und Stefan zufällig in Hamburg. Dieses erste Treffen wird zur Vollkatastrophe und legt aber dennoch den Grundstein für einen regen Austausch per E-Mail, WhatsApp und später Telegram. Theresa leitet einen Bio-Bauernhof im brandenburgischen Schütte, Stefan wiederum ist Kulturchef bei einer Hamburger Wochenzeitung. Die beiden sehen sich vollkommen unterschiedlicher Lebensrealitäten gegenübergestellt und diskutieren, teils heftig und unerbittlich ehrlich, über die Fragen unserer Zeit. Es geht um Klimapolitik, Rassismus, Gendern, Aktivismus und um die Frage, ob ein offener Diskurs überhaupt noch möglich ist. Kaum ein anderes Buch wird derzeit so kontrovers diskutiert wie „Zwischen Welten” von Juli Zeh und Simon Urban. Ich bin ein begeisterter Leser von Zehs Romanen, hat sie doch das Talent der Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vorzuhalten. Dementsprechend war ich sehr gespannt auf dieses neue Werk. Der Roman kann als Brennglas unserer heutigen Streitkultur gesehen werden. Zeh und Urban schicken hier zwei fiktionale Charaktere in den Ring, die unterschiedliche Pole unserer Gesellschaft widerspiegeln. Dabei machen diese Figuren genau das, was sie machen sollen: Sie polarisieren, sind nicht unbedingt Sympathieträger und gehen dem Leser stellenweise auf die Nerven. Auf teils satirische Weise wird gezeigt, wie kompliziert und schwierig heutiger Diskurs sein kein und wie wichtig es ist, Meinungen aushalten zu können. Auch wenn die E-Mail- und Chat-Verläufe teilweise etwas konstruiert wirken, ist „Zwischen Welten” ein wichtiges und sehr lesenswertes Buch!
Wandern zwischen Büchern, 27.03.2023
Ein hochaktueller Gesellschaftsroman, der unterhält und zum Nachdenken anregt
Ich weiß nicht, ob ich jemals schon einen derart aktuellen und brisanten Roman gelesen habe. Juli Zeh und Simon Urban diskutieren auf ca. 450 Seiten all die Themen, die mich persönlich und uns als Gesellschaft in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Und sie sind dabei gleichermaßen ehrlich und schonungslos wie entlarvend und am Ende auch versöhnlich. Worum geht’s? Der Hamburger Journalist Stefan und die Brandenburger Landwirtin Theresa treffen sich nach 20 Jahren zufällig wieder. Die ehemaligen Studienfreund:innen, die gemeinsam Germanistik studierten und sich eine Zeit lang eine Wohnung teilten, leben mittlerweile in völlig verschiedenen Welten und haben auf den ersten Blick nicht mehr viel gemeinsam. Trotzdem führt ihr Aufeinandertreffen zu einem regen E-Mail-Austausch über die eigenen Ansichten und Prinzipien und über brandaktuelle Themen wie den russischen Einmarsch in die Ukraine, die realen Probleme von Landwirten und Landwirtinnen, Rassismus, Gendersprache und und und. Schnell wird klar: Stefan und Theresa vertreten größtenteils völlig unterschiedliche Positionen, haben unterschiedliche Probleme und sind nicht immer in der Lage, auf die Ansichten der oder des anderen einzugehen. Ihr bisweilen hitziger Disput steht stellvertretend für all die kleinen und großen Auseinandersetzungen innerhalb unserer Gesellschaft. Das Bemerkenswerte daran: Auch wenn die beiden nicht immer Rücksicht aufeinander nehmen und ihr jeweiliges Gegenüber zum Teil scharf angreifen oder sogar beleidigen – am Ende finden sie immer irgendwie wieder zueinander. Und das hat mir imponiert, denn es zeigt, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann und hitzige Debatten führen kann – ohne einen unüberwindbaren Graben zwischen einander zu schaffen. Ich mochte es außerdem, dass die Geschichte mir vor Augen geführt hat, dass man eigene Positionen und Prinzipien immer auch weiter- und überdenken muss. Denn obwohl ich mich grundsätzlich eher mit Stefans Meinung identifizieren konnte (nicht nur in Bezug auf gendergerechte Sprache), musste ich auch Theresa häufig recht geben und konnte ihre Kritik an Stefans Vehemenz und seinem manchmal doch sehr eingeschränkten Weltbild nachvollziehen. „Zwischen Welten“ zeigt beide Seiten der Medaille. Es veranschaulicht die Folgen eines zu einseitigen, zu verfahrenen Diskurses und es zeigt, dass wir mehr und offener miteinander sprechen und uns selbst immer wieder reflektieren müssen. Dabei war die Geschichte von Stefan und Theresa für mich aber nicht nur lehrreich (es gab einige großartige AHA-Momente für mich), sondern auch wahnsinnig spannend. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil die Diskussionen so hitzig und die Probleme so real sind. Außerdem hat die Korrespondenz zwischen Theresa und Stefan immer wieder starke Emotionen in mir hervorgerufen: Ich war entsetzt, schockiert, wütend, bewegt, traurig, zufrieden, glücklich. Vom zustimmenden Nicken bis zum ungläubigen Kopfschütteln war alles dabei. Wahnsinn! Dass „Zwischen Welten“ als moderner Briefroman gestaltet ist und sich ausschließlich aus E-Mails und Messenger-Nachrichten zusammensetzt, macht die Geschichte für mich umso authentischer. Ich mag diese Form des Erzählens unglaublich gerne und in „Zwischen Welten“ sorgt sie dafür, dass man sowohl an Stefan als auch an Theresa ganz dicht dran ist. Man erfährt beide Positionen aus erster Hand, man ist sozusagen neutrale/r Zuschauer:in und kann am Ende selbst entscheiden, wo man steht. Nach der letzten Seite habe ich das Gefühl, einerseits großartig unterhalten und andererseits zum Nachdenken angeregt worden zu sein. Ich finde übrigens nicht, dass es sich um ein politisches Buch handelt – vielmehr ist „Zwischen Welten“ ein fantastisch geschriebener Gesellschaftsroman, der den Finger in die Wunde legt und alle irgendwo trifft. Und damit ist es für mich ein einzigartiges, ein hochaktuelles und brisantes Buch, das ich jedem und jeder unbedingt ans Herz legen möchte!
der.buchhaendler, 25.03.2023
Präzise skizziertes Gesellschaftsbild
Einige Tage bin ich nun schon um das Schreiben dieses Beitrags herumgeschlichen. Wenn ich nun länger darüber nachdenke, dann wohl auch aufgrund des Themas, das in dem Buch "Zwischen Welten" hervorsticht. Zwar habe ich kein Problem damit, mich in die heutige Debattenkultur einzubringen, nur fehlt mir manchmal schlicht und ergreifend die #Energie. Und dass meine durchaus positive Meinung zu diesem Buch eine mögliche Debatte hervorbringt, ist mir bewusst. 😅 Immerhin wurde das neue Buch von Juli Zeh und Simon Urban schon etliche Male verrissen. Die Auseinandersetzung der beiden Studienfreunde Theresa und Stefan, die aus ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen heraus unterschiedliche Haltungen gegenüber öffentlicher Diskurse entwickelt haben und nun versuchen an ihrer alten Freundschaft anzuknüpfen. Doch zu viel scheint sie inzwischen zu trennen. Und mit Erschrecken muss man sich als Leser fragen: ist man inzwischen gezwungen eine Seite zu wählen? Darf man Bedenken äußern, ohne automatisch einem Lager zugeordnet und per sofort gecancelt oder Schlimmeres zu werden? 🤔 Theresa: "Es geht nicht um Einzelfälle. Es geht um die Symptome einer um sich greifenden Psychose. Manchmal denke ich, die Gesellschaft dreht durch." Über die Form des Buches kann man streiten. Das Verfolgen einer Diskussion über 440 Seiten eMail, WhatsApp und letztendlich auch Telegram-Protokoll war mir zuweilen etwas anstrengend. Briefromane verbinde ich nach wie vor mit Daniel Glattauer und "Gut gegen Nordwind" hatte mich einfach zu sehr ins Herz getroffen. Das überaus präzise skizzierte Gesellschaftsbild in "Zwischen Welten" ist jedoch unumstößlich. Es beschreibt vollumfänglich die Misere in der wir uns befinden. Es allen recht machen zu wollen, dabei jedoch niemandem gerecht zu werden ist das selbst produzierte Problem einer Gesellschaft, die sich auf dem vermeintlichen Zenit ihres Wohlstands befindet. Und so schließe ich mich den Worten von WELT-Chefreporterin Anna Schneider an: "Wenn wir so tun als wäre Juli Zeh ein Problem, frage ich mich, wo das enden soll."
Thomas Lawall, 22.03.2023
Lebenskonzepte auf dem Prüfstand
Wenn man den Klappentext liest, ist im Großen und Ganzen klar, um was es in diesem Buch geht. Gleichzeitig fragt man sich, was es denn wohl mit dem Schwan auf sich hat. Diese Frage wird kurioserweise bereits auf der ersten Textseite beantwortet. Das Cover gibt also keine Rätsel mehr auf. Weitaus wichtigere Fragen stellt der bereits zitierte Klappentext. Diese könnte der Rezensent allesamt beantworten. Macht er aber nicht, damit nicht etwa ein Spoilergeschrei losbricht. Erzählen tut er trotzdem einige inhaltliche Dinge. Schließlich sollen seine Zeilen Menschen im günstigsten Fall dazu veranlassen, diesen hinreißenden Dialog nicht zu verpassen. Denn es ist ja ein solcher und zwar ausschließlich. Theresa und Stefan wohnten einst in einer winzigen 2-Zimmer-Wohnung. Diese kleinstmögliche WG funktionierte drei Jahre lang und bestens. Man driftete nicht in eine Beziehung ab, obwohl Stefan gewisse Ambitionen gehabt hätte. Theresa sah es völlig anders: "Ich fand dich halt nicht sexy." Also waren die beiden so etwas wie Geschwister. Sie waren "beide wie eine Wunschfamilie füreinander", und so sollte es für immer sein. Ein "Pakt", der auch zwanzig Jahre danach noch Gültigkeit besitzt. Stefan fasst zusammen: "Ich glaube, wir sind einfach irgendwann in Richtung Freundschaft abgebogen und haben uns daran gewöhnt." Doch wie das Leben so spielt, zwang Theresa eine familiäre Katastrophe zu einem drastischen Kurswechsel und zum Abbruch des Studiums. Zwanzig Jahre sollte man sich aus den Augen verlieren, aber der Zufall sorgte für ein Wiedersehen. Aus diesem entsteht nun, zwischen Hamburg und "Schütte", eine Brieffreundschaft der moderneren Art, per E-Mail und WhatsApp. Ob das bei einem Umfang von fast 450 Seiten nicht langweilig wird? Nein, ganz im Gegenteil, denn das ist spannend, informativ und unterhaltsam zugleich. Die beiden haben unterschiedliche Horizonte, aber sie sind weit. Das ist auch nötig bei der Themenvielfalt, die zur Verfügung steht. Allein durch die grundverschiedenen Berufe der beiden, er ist Journalist und Kulturchef bei einer Hamburger Wochenzeitung und sie selbständige Landwirtin, ist jede Menge Zündstoff vorprogrammiert, was sich dann aus Theresas Sicht so anhört: "Irgend etwas an dir und deiner Arbeit provoziert mich. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, weil du weiterhin in dieser Reden-Schreiben-Lesen-Welt lebst, aus der ich damals abgehauen bin." Theresa hat andere Sorgen. 200 Rinder, die Mitarbeiter*innen und politischen Rahmenbedingungen und Sachzwänge rund um ihren Biohof fordern ihren Tribut und schließlich sind auch noch Mann und Kinder da. Etwas erheiternd wird die Debatte um den geschlechtergerechten Sprachgebrauch, welchen Theresa als "modische Sprachkosmetik" bezeichnet. Schließlich habe die Emanzipation "mehr gekostet als ein Sternchen" und "jahrtausendealte Probleme" könne man damit nicht lösen. Weitaus heftiger wird es, wenn Rassismus oder Klimapolitik auf der Tagesordnung stehen. Zu allem Überfluss wären da noch die weltweite Pandemie und Putins Angriffskrieg in der Ukraine. Alles in allem also ein teilweise heftiger, aber (meist) sehr kultivierter Schlagabtausch. Die beiden machen es vor. Liefern eine Art Rezept. Unterschiedliche Lebensauffassungen und -konzepte prallen, teilweise heftigst, aufeinander, aber solange man jeweils sachbezogen bleibt, müssen daraus keine Fronten oder gar Festungen entstehen, die einander bekriegen. Könnte man meinen ... ...aber es kommt ja oft ganz anders als man denkt.
Verena / Kapitel11, 21.03.2023
Kreativ geschrieben und höchst brisant
Es war wirklich interessant diesen Roman zu lesen, der ausschließlich in Email-Form und WhatsApp- und Telegram-Nachrichten geschrieben wurde. Es war, als würde man heimlich den Email-Verkehr zweier Fremder "belauschen", die mehr von sich preisgeben, als sie vielleicht sollten. Aber in dieser "anonymen" Form, so halb versteckt und ohne direkte Konfrontation, lässt es sich leichter seine Meinung sagen!... Nachdem ihr erstes Wieder-Aufeinandertreffen an der Hamburger Außenalster recht katastrophal im Streit geendet ist, versuchen es Stephan und Theresa nochmal "in Ruhe" per Mail und Messenger. Sie geben sich so die Möglichkeit, einander neu kennenzulernen und dem Gegenüber zu veranschaulichen, wie es jeweils dem anderen in den letzten 20 Jahren ergangen ist und was sie selbst nun umtreibt! Nachdem Theresa damals überhastet aus ihrer gemeinsamen WG ausgezogen ist, hat Stephan sein Studium beendet und ist letztendlich als Journalist beim DER BOTE gelandet und das auch noch als stellvertretender Chefredakteur! Eine Karriere wie im Bilderbuch, allerdings mit dem Zusatz "single" und "kinderlos"! Theresa hingegen konnte ihr Studium nicht beenden. Ihr Vater war gestorben und sie musste den Hof im ländlichen Schütte übernehmen. Auch sie hat, wenn man so will "Karriere" gemacht, denn immerhin hat sie geheiratet, zwei Kinder bekommen, ist "Vorstand" ihres Hofs und hat diesen auch noch auf Bio umgestellt! Beide leben in unterschiedlichen Welten! Das merkt man nicht nur an den Beschreibungen ihrer unterschiedlichen Leben, sondern auch an der Art, WIE sie schreiben, welche Wörter sie verwenden! Stefan gendert ständig, Theresa hasst das, Stefan gebraucht häufig englische und hippe Ausdrücke, Theresa bodenständige und verständliche Sprache! Trotz ihrer Differenzen und ihrer unterschiedlichen Leben - oder vielleicht gerade deswegen - fühlen sich beide zueinander hingezogen und versuchen einander zu verstehen und sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Denn beide wollen eigentlich dasselbe: den Klimawandel aufhalten und ein glückliches und zufriedenes Leben führen! Im Laufe der Nachrichten, die sich über mehrere Monate strecken, spürt man aber auch, wie sich die Stimmung verändert! Sie wird dramatischer, brodelnder, genau wie beider Leben sich krass verändern! Die Geschehnisse überschlagen sich, Geplantes wird über den Haufen geworfen und auch ihre Gefühle zueinander werden immer wieder auf die Probe gestellt! Bis es am Ende zum fulminanten Showdown kommt... Dieses Buch ist wirklich der Wahnsinn!! :-) So sprachgewaltig und aktueller denn je! Noch dazu die  Idee, dieses Buch in dieser besonderen Erzählform auf den Markt zu bringen! Auch DAS aktueller denn je, denn wer telefoniert denn heute noch? Alles läuft digital ab, auch Beziehungen... Aber passt das noch in unsere Welt, die doch noch so sehr analog unterwegs ist? Schließlich interessiert sich die Erderwärmung, der Klimawandel usw. einen Scheiß für Wokeness, Gendersternchen, Abozahlen und was weiß ich! Aber genau diese Differenzen sorgen auch immer wieder und immer mehr für Probleme für ein normales Miteinander! Was darf man noch sagen? Und wem? Wie schnell wird man doch in eine Ecke gedrängt, nur weil  man ein "falsches" Wort verwendet hat? Und schlimm, was das dann für Konsequenzen nach sich zieht! Es geht darum endlich Verantwortung zu übernehmen, für unser Leben, für unsere Umwelt, für unsere Kinder, für unsere Lieben, für unsere Tiere... Es ist nicht 5 vor 12, sondern 5 nach!! Juli Zeh und Simon Urban haben diese Botschaft und die der Veränderung unserer Gesellschaft sehr gut in ihr Buch gepackt! Also, wer mal ein Buch der anderen Schreibe lesen möchte, dem empfehle ich "Zwischen Welten" sehr! Und allen anderen auch! ;-)
Franziska_J, 17.03.2023
Perspektiven der Gegenwart
„Lass uns mit Macht an dem festhalten, was unser Leben ausmacht, auch wenn (oder grade weil) jemand versucht, das alles in Schutt und Asche zu legen.“ Klimapolitik, Rassismus, Gendersprache, Krieg und die Rolle der Medien. In ihrem neuen Roman Zwischen Welten (erschienen bei Luchterhand) stellen sich Juli Zeh und Simon Urban so ziemlich allen Themen, die unsere Gegenwart bewegen. Es ist ein Roman, der fragt, wie wir uns den nicht enden wollenden Problemen und Konflikten unserer Zeit stellen können, ohne zu verzweifeln. In Form eines modernen Briefromans entfalten die Autoren einen fiktiven Dialog zwischen Theresa und Stefan. Erstere ist Landwirtin und kämpft zwischen stetig steigenden Kosten, immer neuen bürokratischen Hürden und zahlungsunwilligen Konsumenten um das Überleben ihres Bio-Hofes. Stefan hingegen ist Journalist bei Deutschlands größter Wochenzeitung und versucht durch journalistische Projekte gegen den Klimawandel zu kämpfen. Im Studium waren Theresa und Stefan eng befreundet, haben sich jedoch aus den Augen verloren. Ein zufälliges Wiedertreffen nach 20 Jahren endet in einem Desaster, doch die die beiden wollen nicht aufgeben und bleiben über Mail und What´s App in Kontakt. In langen Gesprächen berichten sich die beiden von ihren völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen, aus denen völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber den aktuellen Problemen der Gegenwart entstehen. Sie kommen sich wieder näher und geraten aber auch immer wieder aneinander, streiten sich und müssen sich schließlich fragen, ob es in einer so gespaltenen Welt wie der unseren überhaupt noch einen Platz für sie gibt. „Die Aufmerksamkeitsmaschine dreht sich Tag und Nacht und verarbeitet jede Information zu Meinungsbrei, getrieben vom Gekreisch in den sozialen Medien. Beschweren! Empören! Verdammen! Fordern!“ Zwischen Welten ist einer der dringlichsten und lehrreichsten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Zeh und Urban behandeln nicht nur die polarisierenden Fragen unserer Zeit, sondern es wird auch diskutiert, wie wir überhaupt in einen konstruktiven Dialog miteinander treten können. Es wird über die Rolle der Medien und des Journalismus reflektiert und gefragt, wie weit Aktivismus gehen darf. Durch die sehr unterschiedlichen Positionen der Hauptprotagonisten werden die wichtigsten Konflikte und Themen, die unsere Gegenwartsgesellschaft bewegen, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Als Leser wird man gezwungen, seine Position und die eigenen Werte noch einmal zu überdenken. Dabei liest sich das ganze keinesfalls wie ein Sachbuch. Die Unterhaltung zwischen den Hauptcharakteren ist mal ernst, oft humorvoll und manchmal auch verzweifelt angesichts der scheinbar unlösbaren Probleme.
Goldene Seiten, 12.03.2023
Ein brandaktuelles Lesehighlight
Juli Zeh zu lesen lohnt sich immer. Wie keine andere Autorin vermag sie brandaktuelle Themen in einen Roman zu packen, der flüssig und spannend zu lesen ist. Auch dieses Mal trumpft sie wieder mit brillanten Formulierungen, die mich innehalten und nachdenken lassen. Aus diesem Grund ist sie eine meiner Lieblingsautorinnen. In ihrem neuen Roman, den sie gemeinsam mit Simon Urban geschrieben hat, treffen sich die Jugendfreunde Stefan und Theresa nach vielen Jahren wieder und stellen fest, dass sie sich inzwischen in ziemlich unterschiedlichen Welten bewegen. Das ungeplante Wiedersehen war für beide aufwühlend und in Nachgang tauschen sie jede Menge Emails und Messages aus. Und genau die sind der Inhalt des Romans, ein sehr spezieller Schreibstil, der mir hier ausgesprochen gut gefallen und gepasst hat. Gendersprache, Rassismus, Klimawandel, Diskriminierung - diese Themen beschäftigen Stefan, der bei einer großen Hamburger Tageszeitung arbeitet. Theresa hat spontan den Bauernhof des Vaters in einem Dorf in Brandenburg übernommen und ist von diesen geistigen Themen oft sehr weit weg. Ihr Leben bestimmen Kühe, die gemolken werden müssen und eine Agrarpolitik, die ihre Existenz bedroht. "Wer existenziell lebt (ich) muss nicht sensationell leben (du). Wer das Existenzielle verloren hat (du), braucht die Sensation. Das unterscheidet dich und mich. Es unterscheidet Stadt und Land. Existenz will "sein". Sie ist angewiesen auf Kreisläufe und Nachhaltigkeit. Sensation will "werden". Sie ist angewiesen auf Wachstum und Steigerung. Auf Dauer destruktiv. Das sind antagonistische Prinzipien". Und zwischen diesen beiden Welten findet nun ein Schlagabtausch statt, samt Annäherungen, Missverständnissen und Zerwürfnissen mit Kontaktabbruch. Eine großartige Dynamik entsteht, bei der der Humor nicht zu kurz kommt, aber die Themen dennoch zum Nachdenken anregen. Für mich ist das Buch ein Highlight.
mimitatis_buecherkiste, 03.03.2023
Das Klima, der Wandel und andere Katastrophen
Theresa ist Landwirtin in Brandenburg, Stefan Journalist in Hamburg. Als Studenten lebten sie in einer WG zusammen und waren beste Freunde, als Theresas Vater starb und sie dessen Hof übernahm. Nach zwanzig Jahren Funkstille begegnen sich die beiden und es entsteht eine schriftliche Annäherung, bei der zwei Welten aufeinanderprallen. Dieser Roman besteht ausnahmslos aus Emails und WhatsApp-Nachrichten, was ich unglaublich spannend fand, weil man schriftlich viel ausführlicher und oft auch viel ehrlicher ist, als wenn ein Gesprächspartner einem gegenüber steht, was ich selbst ganz erstaunlich finde. Stefan würde mich übrigens jetzt korrigieren und darauf hinweisen, dass es Gesprächspartner*in heißen muss, womit wir bereits voll im ersten Thema wären. Mit seiner konsequenten geschlechtergerechten Schreibweise hat er mich in den Wahnsinn getrieben, wie ich zugeben muss. Manchmal kamen Begriffe zustande, die mich dann aber auch laut auflachen ließen, denn ganz ehrlich; Gäst*innen kann niemand ernst meinen. Oder doch? Diese Schreibweise hat Stefan übrigens knallhart durchgezogen und dafür zolle ich dem Charakter und den Autoren Respekt. Dies war aber natürlich nicht das Hauptthema und überhaupt gab es da auch wirklich viele; ob Agrarpolitik, das Klima, Rassismus oder die soeben erwähnte Gendersprache, alles wurde angesprochen und sehr ausführlich diskutiert. Und genau da prallten die Welten aufeinander, erhitzten sich die Gemüter, kochten die Emotionen hoch. Im übrigen auch bei mir, denn selten haben mich Charaktere im Buch so aufgeregt, so berührt, so mitgerissen und auch bewegt. Wichtig und richtig fand ich dabei, dass keine Sichtweise bevorzugt wurde, beide Seiten kamen zu Wort und haben ihre Argumente vorbringen dürfen. Hat mir der erste Teil des Buches schon gefallen, so fand ich die zweite Hälfte grandios! Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Buch über die realen Dinge, Fragen und Probleme so begeistern würde. Ganz nah an der Realität wurde Corona und auch der Krieg in der Ukraine thematisiert, fanden wahre Ereignisse und Begebenheiten ihren Platz. Das war schon großes Kino inklusive Drama, Familiengeschichte, politischem Krimi und natürlich auch einer riesigen Portion Gesellschaftskritik. Ganz meisterlich! Volle Punktzahl und ein zusätzliches Gendersternchen gibt es dafür von mir. Lesenswert!
HEIDIZ, 01.03.2023
Gesellschaftsroman vom Feinsten
"Unter Leuten", "Über Menschen" und "Zwischen Welten", diese drei letzten Romane der Autorin Juli Zeh spielen in Brandenburg, der aktuelle auch in Hamburg. Es handelt sich jeweils um einen Gesellschaftsroman. Ich finde alle drei Romane rundherum gelungen, heute möchte ich allerdings "Zwischen Menschen" vorstellen und meine Meinung dazu zusammenfassen. Es gibt vorweg zu sagen, dass es sich um einen so genannten "Briefroman" handelt, der hier in moderner Form daherkommt - Whatsapp, Mail !!! Liest sich sehr gut muss ich sagen, hatte erst einmal Vorurteile, aber ich habe mich sehr schnell eingelesen, hat mir sehr gut gefallen, wie die Autorin ihre Idee rüberbringt. Zeh schreibt den Roman gemeinsam mit ihrem Kollegen Simon Urban, der auch kein unbeschriebenes Blatt als Autor ist. Die Geschichte erzählt von Theresa und Stefan, es sind 20 Jahre vergangen, sie treffen sich in Hamburg wieder. Allerdings haben sie sich auseinander entwickelt. Damals waren sie eng, heute ist es einfach nur eine Katastrophe, als sie sich treffen. Stefan arbeitet für "Der Bote" - ist sozusagen ein Karrieremensch. Theresa hingegen hat den Bauernhof des Vaters übernommen. Sie leben jeweils ein total anderes Leben wie der andere. Aber nicht nur ihrer beider Leben, auch ihre Haltungen gehen auseinander. Stefan setzt sich auf seine Weise gegen Klimawandel ein und Theresa hat mit ihrem Milchhof zu tun, um zu überleben. Die Geschichte ist total aktuell, am Puls der Zeit. Es werden all die brisanten Themen in die Geschichte involviert, die uns so umtreiben. Die beiden Hauptcharaktere wollen sich wieder annähern und vom anderen mehr in Erfahrung bringen, sie beschließen, dies via mail bzw. whatsapp zu tun. Die Frage steht im Raum, ob man sich zwischen den Welten befinden kann oder es unbedingt nötig ist, sich für eine Seite zu entscheiden !!! Es geht aber auch darum, ob es Liebe oder Freundschaft möglich machen, zwischen den Welten zu leben. Zeh und Urban haben mit diesem Buch einen wahrhaft aktuellen Gesellschaftsroman geschaffen, rundherum, wie ich finde, gelungen, sie haben sich den Themen unserer Zeit angenommen, diese in eine spannend lebendige und authentisch glaubwürdige Geschichte gepackt. Ich bin begeistert !!!
gosureviews, 28.02.2023
Zwischen Welten
Mit ihrem neuen Roman "Zwischen Welten" bedient sich Juli Zeh wieder dem Thema, mit dem sie schon in ihren vorherigen Romanen enormen Erfolg hatte: Städter vs. Landmenschen. Der Roman ist in Form eines Briefwechsels zwischen zwei alten Freunden Theresa und Steffan geschrieben, die sich nach Jahren wiederfinden und über ihre politischen Ansichten streiten. Sie ist eine Mitte 40er Landwirtin in der ostdeutschen Provinz und engagiert sich für den Umweltschutz und die Energiewende. Stefan, auch Mitte 40. ist Journalist in der Großstadt Hamburg und schreibt über Themen wie Migration, Integration und Identität. In ihren E-Mails und WhatsApp-Nachrichten geht es um die Debatten unserer Zeit. Dabei werden Themen wie Gendern, Ostdeutschland, Cancel Culture und Klimawandel angesprochen. Ich konnte mich während der Lektüre eher mit der Landwirtin Theresa identifizieren, ihre Ansichten und Argumentationen waren meiner Ansicht nach nachvollziehbarer. Steffan dagegen ging mir schon nach wenigen Mailverläufen auf die Neven, allein das ständige gendern war schwer zu ertragen. Das ist allerdings ein Teil dieses Charakters, den ich allerdings beim besten Willen nirgendwo im echten Leben schon einmal gesehen habe und mir als überspitzen Archetyp des woken Hipsters. Ihre Argumentationen waren oftmals sehr unterhaltsam, jedoch teilweise anstrengend und redundant. Niemand ist wirklich von seiner Ansichtsweise abgerückt, oder ließ sich überzeugen. Vielmehr radikalisierten sich beide in ihrer eigenen Informationsblasen. Es war spannend zu verfolgen wie Steffan mit seinen "die Geister, die ich rief"-Nachwirkungen zu kämpfen hatte und Theresa immer mehr an der deutschen Bürokratie und Politik verzweifelte. Eine schöne Momentaufnahme der aktuellen gesellschaftlichen Themen in Deutschland. Ich glaube mit diesem Erfolgsrezept werden entweder Juli Zeh, oder andere Autoren noch viele Romane veröffentlichen. Hoffen wir nur, dass sie helfen , dass beide Seiten auf sich zugehen können.
eulenmatz liest, 28.02.2023
Aktueller Diskurs in Briefform
MEINUNG: Seit Über Menschen bin ich den Romanen von Juli Zeh ein bisschen verfallen. Ich habe im Anschluss gleich noch Leere Herzen gelesen und als ich gesehen habe, dass sie einen Roman, sogar einen Briefroman, zusammen mit Simon Urban (von dem ich allerdings noch nichts kenne) veröffentlichen wird, war für mich klar - Das muss ich lesen! Teresa und Stefan haben zusammen studiert und in einer WG zusammen gewohnt. Durch Zufall treffen sie nach 20 Jahren in Hamburg wieder, wo Stefan inzwischen Zeit  wohnt und arbeitet. Er ist stellvertretender Chef-Redakteur bei der BOTE, Deutschlands größter Wochenzeitung. Theresa ist nach dem Studium, was sie nicht beendet hat, in ihrer brandenburgische Heimat zurück gekehrt und betreibt dort den elterlichen Bio-Milchhof weiter nach dem Tod ihres Vaters. Die Begegnung endet im Streit, aber es folgt ein langer und ausgiebiger Wechsel von E-Mails und Whatsapp-Nachrichten über den sie sich einen sehr hitzigen Schlagabtausch über gesellschaftliche Themen wie Klimawandel, Gendersprache und Rassismus austauschen.  Der Roman ist komplett in E-Mails und WhatsApp-Nachrichten geschrieben. Ich liebe solche Art Romane, kann mir aber vorstellen, dass nicht für jeden etwas ist. Beide tauschen sich über gut 450 Seiten über sehr viel aus und schreiben auch sehr lange Nachrichten. Es gibt aber trotzdem ein gewissen roten Faden bzw. eine Entwicklung beider Personen. Generell finde ich, dass sich solche Art von Romanen sehr schnell lesen lassen, aber hier habe ich immer nur so 50 bis 60 Seiten gelesen, weil ich manche Themen erstmal sacken lassen musste. Über einige sehr gute Formulierungen und Metaphern musste ich auch noch ein bisschen nachdenken. Das Buch ist schon ein bisschen Arbeit. ;) Bei Stefan ist von Anfang klar, dass er in Theresa mehr sieht als nur eine Freundin. Schon damals wollte er mehr von ihr, aber sie hat ihm immer deutlich gemacht, dass da nicht ist von ihrer Seite. Ich fand Stefans Verzweiflung sie unbedingt doch von sich zu gewinnen manchmal etwas beschämend, wo doch eigentlich ziemlich offensichtlich ist, dass sie nichts von ihm möchte und auch schlichtweg andere Probleme hat. Theresa ist verheiratet und zwei Kinder. Die Ehe steht auf wackligen Füßen, weil Theresa durch ihren Betrieb einfach zu wenig Zeit für die Familie hat. Es ist kein Urlaub möglich und oft schafft sie es nicht zu den gemeinsamen Mahlzeiten. Ich fand diese Situation ziemlich ironisch und habe mich oft gefragt, wie es wäre, wenn Theresa ein Mann wäre und die Reaktionen dann die gleichen wären. Allerdings fand ich objektiv natürlich absolut nachvollziehbar, dass dies ständig zu Streits geführt hat zwischen ihr und ihrem Mann. Mir gefiel, dass Juli Zeh so ein paar Anspielungen auf ihre anderen Romane gemacht hat. So kommt Lars, ein guter Schulfreund von Theresa aus Bracken - dem fiktiven Dorf aus Über Menschen.  Vielleicht gab es noch mehr Querverweise, aber ich kenne leider (noch) nicht alle Bücher Ich fand wirklich bemerkenswert, dass wenn Stefan mal mit eigentlich für ihn guten und positiven Nachrichten in seinem Leben bei Theresa ankam, dann hat sie das jedes Mal gnadenlos zerpflückt und ihm dem Spiegel vorgehalten. Es deutlich spürbar, wie hier die Lager sind Theresa kämpft jeden Tag mit ihrem landwirtschaftlichen Betrieb ums nackte Überleben, hat 12 und mehr Stunden-Tage, Ehe-Probleme etc. und Stefan schreibt irgendwie nur darüber in seine teuren Designer-Wohnung. Ich konnte mich aber trotzdem sehr mit Stefan identifizieren, vor allem als um die Gender-gerechte Sprache ging. Ich konnte allerdings auch Theresas Argumente verstehen, dass sie sich mit so etwas nicht abgeben kann und möchte. Ich fand sie allerdings wirklich sehr hart und viele ihrer Meinungen driften mir teilweise zu sehr ins Rechte Milieu ab, vor allem als sie sich Aktivisten anschließt. Ab ungefähr der Hälfte nimmt die Geschichte dann wirklich an Fahrt auf, so dass sich sogar ein gewisse Spannung aufgebaut hat. Auch bei Stefan gibt bei der Zeitung ein einschneidendes Erlebnis, welches dazu führt, dass auch Stefans Zukunft ungewiss ist. Hier gibt wird auch nochmal deutlich gemacht, was Social Media anrichten kann, wenn eine gewisse Öffentlichkeit genießt und sich einen verbalen Fehltritt leistet. Das fand ich wirklich heftig, auch die Auswirkungen auf Familie und Freunde. Natürlich war mir das nicht unbekannt, aber es schockiert doch immer wieder, welches Ausmaß so etwas annehmen kann und von heute auf morgen das ganze Leben zerstört und auch zur realen Gefahr werden kann. Die Handlung spitzt sich zum Schluss rasant zu und auf das Ende wurde gut hingearbeitet und eignet sich gut für einen Austausch/ Diskussion. FAZIT: Zwischen Welten ist ein hochaktueller Gesellschaftsroman in Briefform, der aufwühlt und dem Lesenden häufig den eigenen Spiegel vorhält. Der Roman greift aktuelle Themen auf. Ich bin immer ein bisschen zwischen beiden Meinungen der Protagonisten hin und her gependelt und teilweise rief auch einiges absolutes Unverständnis bei mir auf, aber ich glaube, genau diese Gefühle sollten hiermit erzeugt werden.
Nini Pachner, 24.02.2023
Crash Boom Bang
"Zwanzig Jahre sind vergangen, als sich die Landwirtin Theresa und der Journalist Stefan zufällig wiederbegegnen. Aus unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden: Klimapolitik, Gendersprache, Rassismusvorwürfe - es ist, als liefen Gräben einer gespaltenen Nation mitten durch ihre Beziehung. Kann ihre Freundschaft die Kluft noch überbrücken?" (Klappentext) #zwischenwelten ist ein digitaler Briefroman, dem es mit großzügiger Genialität gelingt, im Wortaustausch einen galoppierenden Spannungsbogen aufzubauen, der genussvoll Gaga macht. @juli__zeh gewährt Leser*innen mit der Stimme, die sie Theresa schenkt, Eintritt in einen körperhaft naturverbunden gelebten Raum. Auf der einen Seite braucht Theresa für atmosphärisch geschilderte Momente wenig Wörter - schreibt ökonomisch konzentrisch. Auf der anderen Seite bläst ihre rotzfrech, kratzbürstig wütende Stimme an vielen Stellen überschüssiges CO2 in die Luft. Diese innerpersönliche Kontroverse trifft mit der Faust aufs Auge in unsere Zeit. @christophsimonurban nimmt mit Stefans Stimme Leser*innen in eine sich digital kannibalisierende Berufswelt mit, in der er versucht die Vernunft in der Welt zu finden. Verbissen ist er von seinen Ansichten überzeugt und belügt sich häufig mit seiner sich überlegen fühlenden Mimik. In den Momenten hingegen, in denen er sich mutig Perspektivwechseln widmet, seine Augen entweder nach rechts oder links schulend fokussiert, wird er in seiner Ehrlichkeit unglaublich verletzlich und modern begeisternd. Doch wird ihm der dabei entstehenden Druck auf seine Iris meist zu lästig und lässt die Augen - von sich selbst geschlagen - auf seine Hosenbeine fallen. Dieser akute Gesellschaftsroman steht zu Recht auf dem 1. Platz der Spiegelbestsellerliste, - wie sein umhauendes Ende, ist alles an ihm 'Crash Boom Bang'. So etwas habe ich noch nie gelesen - andauernd wurde mir meine Nasenspitze beim Denken lang gezogen und dann wieder platt gedrückt. "Vielleicht ist das ohnehin das Einzige, was man für die Welt tun kann: ein bisschen Schönheit hineinbringen." (S.393) Vielen lieben Dank an @bloggerportal und @luchterhand_verlag für das #rezensionsexemplar
merlinxbooks , 09.02.2023
Facettenreich
𝐌𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐌𝐞𝐢𝐧𝐮𝐧𝐠: Der Klappentext hat mich sehr angesprochen und so habe ich eine Facettenreiche Geschichte mit verschiedenen Standpunkten erwartet. Genau das habe ich bekommen, allerdings haben mich ein paar Dinge gestört, die mir das Lesen nicht grade vereinfacht haben. Das gesamte Buch besteht aus E-Mails, die sich Stefan und Theresa schicken, an sich erstmal eine nette Idee. Für mich war es oft ziemlich anstrengend die langen Monologe zu verfolgen. Dies sollte sicherlich als stilistisches Mittel dienen, jedoch war das eher nichts für mich. Mir hat die Gegenüberstellung der beiden Meinungen gut gefallen und die verschiedenen Standpunkte fand ich interessant und facettenreich. Mich hat die Geschichte in mancher Hinsicht zum Nachdenken angeregt. Die hochaktuellen Themen wie bspw. Klimapolitik oder Anfeindungen im Netz empfand ich hierbei als besonders interessant. Besonders gegen Ende hat die Geschichte nochmal mächtig an Fahrt aufgenommen und ich habe viel über die verschiedenen Sichtweisen und Möglichkeiten nachgedacht. 𝗙𝗮𝘇𝗶𝘁: Für mich war das Buch durch das E-Mail-Format nicht so einfach zu lesen, dennoch sind die Diskussionen und die verschiedenen Standpunkte interessant und wichtig.
Marina Büttner, 08.02.2023
Durchaus gelungene Ko-Autorenschaft von Juli Zeh mit Simon Urban
„Ich fange an, mich selbst zu zensieren. Wo darf ich hingucken, ohne dass es eine Belästigung ist? Was darf ich sagen? Wem darf ich die Tür aufhalten? Mit wem darf ich im Fahrstuhl stehen? Ich ertappe mich dabei, meine Gedanken darauf zu überprüfen, ob sie missverständlich sein könnten. Das ist Wahnsinn, Tessa.“ Inzwischen geht es mir selbst manchmal so, dass ich dreimal überlege, ob das jemand falsch verstehen kann, ehe ich etwas in den social media Kanälen poste. Die vielen shitstorms, die sich tagtäglich beispielsweise auf Twitter ereignen, erlebe ich als schockierend. Interessant ist zum Beispiel, wie dieser neue Roman von Juli Zeh in der Presse aufgenommen wird. Hier gibt es nämlich auch bereits ein kräftiges Vor-Verurteilen, weil Juli Zeh mit ihrem Schreiben und ihrer öffentlichen Meinung nicht dem Mainstream entspricht, somit scheinbar nicht auf „der richtigen Seite“ steht. „Zwischen Welten“ zeigt mir noch einmal in aller Deutlichkeit, was da wirklich passiert und welche Auswirkungen es auf betroffene Personen hat, von allen Seiten aufgrund einer Äußerung, die oftmals bewusst falsch ausgelegt wird, angeklagt und gebrandmarkt zu werden. In diesem Roman betrifft es nicht nur eine Karriere, sondern zerstört beinahe eine Familie. Juli Zeh und Simon Urban greifen Themen der aktuellen Debatten auf. Sie zeigen genau, wie es mit der Meinungsfreiheit aussieht, beim Thema Gendern, Rassismus, Klimawandel, Identität, eben „woken“ Themen, wie vorsichtig man sein muss, um nicht im Auge des Sturms zu landen. Zeh hat die Form eines Email-Austauschs gewählt, was mir zunächst unpassend erschien, dann aber doch stimmig war. „Die Welt wird nicht gerechter, wenn man an der Sprache rumschraubt und alles auf einer Meta-Ebene behandelt. Das interessiert nur die Akademikerblase. Außerhalb deiner Welt sind Menschen entsetzt, dass ihre Probleme ignoriert werden, während man Kunstwerke mit Sternchen benennt.“ Hauptprotagonisten sind Stefan und Theresa. Beide kennen sich aus ihrer Studienzeit in Münster, als sie zusammen in einer WG wohnten und die allerbesten Freunde waren. Theresa, 41, lebt inzwischen in einem Dorf in Brandenburg, sie hat nach dem Tod des Vaters den Bio-Bauernhof übernommen. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sie verschwand damals einfach ohne Erklärung aus dem Münsteraner WG-Leben. Stefan, 46, studierte weiter und schaffte es bis nach Hamburg in die Führungsebene im Bereich Kultur einer großen, bekannten Wochenzeitung. Er lebt als Single und hat sich ganz seiner Karriere verschrieben. Zufällig begegnen sich beide in Hamburg wieder und verbringen zusammen einen Tag an der Außenalster, der allerdings unversöhnlich im Streit endet. Zu unterschiedlich sind die Meinungen, die sie jeweils vertreten, zu eingefahren sind sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation. Im ersten Teil tauschen sich beide in kurzen Whats App Nachrichten aus, die oftmals wild durcheinander den anderen und dessen Meinung anklagend hin und her sausen. Hier zeigt sich, wie wenig geeignet dieser Weg ist, sich wirklich mit einem anderen Menschen auseinanderzusetzen. In diesen Nachrichten zeigt sich auch, dass Stefan wohl damals in Theresa verliebt war und womöglich immer noch ein wenig davon übrig ist. „Wer existenziell lebt (ich), muss nicht sensationell leben (du). Wer das Existenzielle verloren hat (du), braucht die Sensation. Das unterscheidet dich und mich. Es unterscheidet Stadt und Land.“ Stefans Zeitung ist im Umbruch; er selbst sorgt mit dafür, dass Themen, wie der Klimawandel in den Vordergrund treten, lässt gar „Aktivisten“ ohne Zeitungserfahrung in der Redaktion mitarbeiten, stellt damit aber auch die Neutralität der Presse in Frage. Einige Zeit später merkt auch Stefan, dessen Mentor und Chef, ein kluger Mann mit reichem Erfahrungsschatz, der ihm viel Verantwortung überträgt, dass es eben doch aus dem Ruder geraten kann, wenn einseitig angesagte Themen die klassische Berichterstattung plötzlich dominieren soll. „Und verdächtig wird es in meinen Augen, wenn sich ein Mainstream entwickelt, der keinen Widerspruch mehr duldet. Wenn Leute (wie du) auf einmal blind werden für Gegenargumente und abweichende Meinungen. Wenn es keine Diskussion mehr geben soll, sondern nur noch alternativloses Handeln.“ Theresa kämpft im dörflichen Brandenburg um ihr Überleben als Landwirtin. Sie ist auf Zuschüsse vom Staat angewiesen, damit sie ihre Angestellten bezahlen kann und ihre Familie durchbringt. Die Ehe mit Basti kriselt, die beiden Jungen leiden darunter. Doch die Regierung sagt heute so, morgen so. Ein langfristiges Planen ist da nicht drin, in der Landwirtschaft gerade mit Tieren, aber notwendig. Kühe sind nicht mehr angesagt. Doch der Nachbar, der deshalb extra eine Biogasanlage gebaut und das Vieh abgeschafft hat, wird ebenfalls durch Gesetzesänderungen im Stich gelassen und steht am Rand der Insolvenz. Warum sich Stefan und Theresa weiter austauschen, ist mir oft unklar. Sie treffen sich sogar noch einmal in Hamburg, doch auch diese Begegnung endet im Streit und in einer körperlichen Auseinandersetzung (die Stefan später sogar zum Verhängnis wird). Als sie dann jedoch beginnen, sich lange Emails zu schreiben und tiefer auf einander eingehen, scheint sich ein Weg zueinander anzubahnen. Vielleicht auch, weil sich in dieser Zeit, bei beiden so viele Widrigkeiten in der Arbeit ergeben, dass sie sich einsam fühlen und einander durch den Austausch stützen können. Fast gehen sie soweit, gemeinsame Zukunftspläne zu überlegen. Doch kommt es anders. Stefans Chef wird aus der Zeitung gemobbt, weil er einen „falschen“ Satz sagt. Stefan ist damit gleich wieder im Rennen. Und Theresa wird selbst zur politischen Kämpferin um bessere Bedingungen für die Landwirtschaft. Für sie endet es weitaus bitterer als für Stefan, der sein Fähnchen offenbar leichter im Wind schwenken kann … Überall gibt es Stimmen, die diesen Roman für vollkommen misslungen halten. Selten höre ich Lob. Nun ist natürlich klar, dass Juli Zehs Romane vom Inhalt leben. Sprachlich und formell gibt es da keine Highlights. Ich empfinde den Roman trotzdem als gelungen und als sehr wichtiges Zeitdokument. Mir spricht die Heldin Theresa sehr oft aus dem Herzen. Zumal ich durchaus einmal Einblick hatte, wie Landwirtschaft und generell das Leben auf dem Land/Dorf grundlegend anders funktioniert als in der Großstadt. Es ist immer gut, einmal „in den Schuhen eines anderen zu gehen“. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die nicht nur mit dem Mainstream mit schwimmen, sondern mutig dagegen halten. Gerade in der Presselandschaft mangelt es meinem Empfinden nach daran. Presse sollte neutral berichten und keine politisch vermeintlich richtigen Positionen beziehen. Was Juli Zeh in Interviews bezüglich der Lesart sagt, finde ich noch wichtig zu erwähnen. Simon Urban und sie wollten damit darauf hinweisen, dass es wichtig und sinnvoll ist im Gespräch, im Austausch zu bleiben, auch wenn man vollkommen gegenteilige Meinungen vertritt.
Frau Curly, 07.02.2023
Ein Roman, der durch seine Aktualität und Brisanz überzeugt.
Juli Zeh konnte mich mit "Über Menschen" sehr überzeugen, ganz im Gegenteil zu dem früheren Werk "Leere Herzen". Umso gespannter war ich, ob "Zwischen Welten", bei dem Juli Zeh sich Simon Urban mit ins Boot geholt hat, an meine Begeisterung von "Über Menschen" anknüpfen kann. Thematisch und auch vom Schauplatz Brandenburg gibt es einige Gemeinsamkeiten, trotzdem ist "Zwischen Welten" auch wieder ganz anders. Inhaltlich sprach mich der Klappentext bzw. die Inhaltsangabe der Verlagsseite, sehr an. Es werden Themen behandelt, die unsere Gesellschaft (beginnen zu) spalten. Jeder bekommt dies in seinem persönlichen Umfeld oder zumindest in den sozialen Medien mit. Verpackt in diesem Briefroman wird man mit verschiedenen Themen konfrontiert und muss sich fragen, wo steht man selbst. Wie ist der eigene Umgang mit verschiedenen Meinungen, bleibt die Kommunikation noch respektvoll? Wie ist die eigene Streitkultur, die Empathie und das Miteinander, wenn Meinungen auseinander gehen? Die beiden Protagonisten Theresa und Stefan tauschen sich im Roman per E-Mail und What`s App über ihre Leben aus, die sich in zwei komplett andere Richtungen entwickelt haben. Als Leserin fiel es mir leicht, dem Schlagabtausch zu folgen. So ein Briefwechsel lässt sich leicht lesen und bleibt auch spannend. Einige Sequenzen fand ich sehr übertrieben, machen aber auch klar, wie wichtig es ist sich Gedanken über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation und den eigenen Standpunkt zu machen und zu hinterfragen, ob auch andere Meinungen ihre Berechtigung haben - es nicht immer nur schwarz und weiß gibt, sondern auch viele verschiedene Grautöne. Beim Lesen steht man nicht immer nur auf einer Seite, die Sympathien wechseln zwischen den Protagonisten hin und her. Beide Seiten haben ihre Probleme. Man merkt wie sehr jeder in seiner eigenen Welt gefangen ist und die Gegenseite gar nicht richtig hört oder hören kann. Die Stimmung spitzt sich immer mehr zu und am Ende war mir die Entwicklung doch zum Teil etwas zu "radikal" - die Stimmung kocht immer mehr hoch. Stefan kommt mir manches mal vor, wie ein Fähnchen im Wind. Der Roman spiegelt aber sehr schön wieder, wie es aktuell in der Gesellschaft aussieht, auch wie in den sozialen Medien kommuniziert wird und welchen Einfluss die Medien haben. Ein Roman, der durch seine Aktualität und Brisanz überzeugt, wenn auch teilweise überspitzt dargestellt. Unbedingte Leseempfehlung.
Ingeborg Rosen, 07.02.2023
Zwischen Welten/Zwischenwelten
Das Wichtigste zuerst: Ein Roman ganz nach meinem Geschmack! Ein spannender Pageturner und, was noch wichtiger ist, ganz nah am Leben - manchmal sogar so nah, dass es schmerzt! Das literarische Leben findet nur wenige Monate vor der realen Jetztzeit statt. (Über den Inhalt muss an dieser Stelle nichts gesagt werden, darüber ist schon genug zu lesen.) Dem Duo Zeh/Urban, bzw. Urban/Zeh gelingt es tatsächlich, in kurzen, konzisen Sätzen den Zwiespalt, in dem sich die handelnden Personen befinden, realitätsnah in Worte zu fassen, ihre jeweiligen Welten zu beschreiben, die Handlung findet zwischen Welten statt. Und das gelingt beiden so großartig, dass darüber im Kopf des Lesers Zwischenwelten entstehen. Stellenweise kommt es zu überzogenen klischeehaften Selbstdarstellungen (Stefan) oder erstaunlich elaborierten Diskursen nach 12 Stunden Einsatz auf dem Bauernhof - das muss der Leser einfach tolerieren. Schon vor dem Erscheinen des Romans wurde in der Presse viel über darüber und über die Form geschrieben, whats app Roman, Briefroman 2.0 ... und dass, kurz gesagt, alle, wirklich alle aktuellen „heißen“ Themen angesprochen würden. Zum Glück stimmt das auch, was die Vielfalt der diversen Themen betrifft, so vielfältig wie die aktuelle Realität eben. Was das Formale betrifft, so erscheint mir die Geschwindigkeit, die durch die Form der Whats apps (und auch der mails) entsteht, durchaus dem Inhalt angemessen und treibt das Geschehen bis zur Atemlosigkeit voran. Bei der Aufzählung der „heißen“ Themen kam mir immer zu kurz, dass es auch grundsätzlich um Journalismus, bzw. seine Zukunft geht. Befinden sich die Medien, und besonders die Print-Medien (schon) in einer Zwischenwelt? Oder zwischen Welten? Spannend ist es jetzt abzuwarten, ob/wie der Roman nach 5 - 50 Jahren rezipiert wird, ebenfalls, ob dieser Roman mit seiner fast unglaublichen Aktualität das überhaupt braucht … P.S. Ein Wort über das Cover - ich gebe zu, dass ich zunächst befremdet war über den meiner Meinung nach „zu“ schönen Schwan, aber im Verlauf klärte sich der Bezug, Schwäne haben ihr Leben lang einen (!) Sozialpartner und darüberhinaus verteidigt der Schwan sein Revier bis aufs Blut.
Werner Lukaszewicz, 06.02.2023
Aufwühlend
Ich war sehr gespannt auf den neuen Roman von Juli Zeh. Verwundert war ich, dass sie diesen mit einem zweiten Autor schreibt, den ich bislang nicht kannte. Mit großer Vorfreude auf das, was ich vorher so mitbekommen hatte, stürzte ich mich in das Leseabenteuer. Es ist schon komisch. Dieser Stil mit den beiden Protagonisten, die sich WhatsApp-Nachrichten und Emails im Wechsel schreiben. Zunächst konnte ich mich damit nicht so recht anfreunden, zumal mich beim Journalisten Stefan das extreme gendern echt nervte. Irgendwann gewöhnte ich mich dann daran und aufgrund der teils hochaktuellen, wunderbar eingebauten Sequenzen (Klimapolitik etc.), blieb das Buch kurzweilig und nahm zum Schluss massiv an Fahrt auf. Beklemmend fand ich besonders die Sache mit den digitalen Anfeindungen in den (a)sozialen Netzwerken. Hier wird eindrücklich beschrieben, wie man innerhalb kürzester Zeit auseinandergenommen werden kann. Für mich ein eindrücklicher, aufwühlender Roman, der einen nachdenklich zurücklässt.
Buechermadl, 06.02.2023
Ein Buch, das fesselt und zum Nachdenken anregt
Klappentext Zwanzig Jahre sind vergangen, als sich die Landwirtin Theresa und der Journalist Stefan zufällig Wiederbegegnung. Aus unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden: Klimapolitik, Gendersprache, Rassismusvorwürfe - es ist, als liefen die Gräben einer gespaltenen Nation mitten durch ihre Beziehung. Kann ihre Freundschaft die Kluft noch überbrücken? Cover Das Cover ist wieder ganz schlicht, so wie man es von Juli Zeh gewohnt ist. Schreibstil Der Schreibstil ist angenehm und packend. Inhalt/Rezension Stefan und Theresa kennen sich aus der Studienzeit, beide haben unterschiedliche Lebensweisen eingeschlagen. Als sie sich wieder treffen, prallen diese aufeinander. Auch als die beiden versuchen aufeinander zu zugehen und von vorne zu beginnen, kommen sie immer wieder an ihre Meinungsverschiedenheiten heran und tragen diese aus. Unterschiedliche Themen, wie z.B. der Klimaschutz oder die Gleichberechtigung werden angesprochen und haben mich ,durch die gegensätzliche Sichtweise, zum Nachdenken angeregt. Man liest die unterschiedlichen WhatsApp- und Telegramnachrichten und verfolgt auch den Emailaustausch der beiden Protagonisten, das war für mich erst etwas gewöhnungsbedürftig, dann hat es mich aber gefesselt und überzeugt. Ich konnte das Buch nicht mehr aus den Händen legen und bin begeistert von der Erzählweise und der Thematik des Buches. Fazit Wieder ein tolles Buch von Juli Zeh, ich freue mich schon auf weitere. Zum Buch Autoren: Juli Zeh, Simon Urban Verlag: Luchterhand Buchlänge: 444 Seiten
Eva - Leseliebe, 06.02.2023
Sie hören sich, aber sie wollen einander nicht verstehen
Hallo zusammen. Zum Wochenstart möchte ich euch #zwischenwelten von #julizeh und #simonurban vorstellen. Der Roman, der vor drei Wochen im Handel erschienen ist, wird schon heiß diskutiert und vielfach gelobt. Ich selbst habe keine Rezension bisher dazu gelesen, weil ich bisher alle Romane - bis auf Adler und Engel- von ihr verschlungen, in den Autorenhimmel gehoben habe und dementsprechend einfach angenommen habe, dass er mir auf jeden Fall gefallen würde oder sogar wieder Chance auf ein #jahreshighlight haben würde. Kurz zum Inhalt: Theresa und Stefan, zwei Freunde aus Studienzeiten, die mehr Familie als Freunde füreinander waren, treffen sich nach 20 Jahren wieder. Das Treffen ist ein Desaster, dennoch oder gerade deswegen bleiben sie in Kontakt; allerdings hauptsächlich per Mail bzw. messenger. Schnell wird klar, dass es hier um (misslingende) Kommunikation, (mangelndes) Verständnis und Verstehenwollen geht, vor allem eben in der digitalen Welt. So empfinde ich das digitale setting als sehr stimmig. Die beiden Charaktere liefern sich mal gepfefferte, dann wieder feinsinnige, aber auch rechthaberische Schlagabtausche und machen dabei eine (Schein-) Entwicklung durch, denn am Ende kommt der große Knall. Mehr verrate ich dazu erst mal nicht. Zu Beginn war ich neugierig und vor allem gierig, habe gelesen und mich gut einfühlen können; Stefan blieb für mich immer mit schalem Beigeschmack, was sehr gut zu seinem blasiert, arroganten Charakter gepasst hat. Da der Roman eher eine Idee oder eine Kritik transportiert, dafür aber weniger eine Handlung, wurde meine Gier weniger, zwischenzeitlich war ich auch genervt von dem mangelnden Vermögen zweier eigentlich doch cleverer Erwachsenen offen zu debattieren. Getragen haben mich durch die teilweise vorhandenen Durststrecken die Hoffnung auf ein fulminantes Ende und die spannenden Hintergrundinfos zu den Problemen der ökologischen Landwirtschaft. Das Durchhalten in der Mitte hat sich gelohnt, wurde ich doch mit einem spannenden Ende belohnt; wenngleich es ein wenig absehbar war. Ich kann euch also eine Empfehlung aussprechen, auch wenn es an vorherige Romane der Autorin m.M. nach nicht heranreicht.
Uljana Brunzema, 02.02.2023
Rezension zu Zwischen Welten
Der neue Roman der beiden Co-Autoren Juli Zeh und Simon Urban trifft einen wie ein Blitzschlag. In Form eines modernen Briefromans, wechselnd mit spritzigem oft witzigem Whatsapp-Schlagabtausch, bekommen wir als Leser das ganze Universum unserer gespaltenen West-Ost-, Stadt-Land-. Elite-Prekariat-, Intellektuellen-Landarbeiter-, Aktivisten- und Medienjournalisten-Landschaft vor Augen geführt. Das 343 Seiten starke Werk ist ein wahrer Pageturner und besticht durch seine brillante Sprache, die sowohl Juli Zeh, als auch Simon Urban zu eigen ist. Juli Zeh ist bekanntermaßen schon eine Meisterin der verschiedenen Perspektiven, die eine Bandbreite verschiedener Realitäten nebeneinander stellen kann, ohne einzelne zu diffamieren und zu canceln. Durch das Co-Writing mit Urban gelingt noch mehr Weitblick und Objektivität. Das Sujet ist die Auseinandersetzung zweier alter Studienfreunde, Theresa, die Familie hat, verheiratet ist und einen Milchwirtschaftshof in Brandenburg betreibt, und Stefan, der ein leitender Zeitungsjournalist in Hamburg ist, , Hipster, alleinstehend, narzisstisch. Beide treffen sich durch Zufall nach 20 Jahren wieder und der Kontakt lebt wieder auf, sie beginnen sich zu schreiben, fast täglich, sie gewinnen Einblicke in das Leben des jeweils andern, manche Vorurteile werden bestätigt, viele Illusionen, zum Beispiel von Stefan über das entspannte gute Landleben, zerbrechen. Theresa beschreibt ihr Leben auf dem Hof „Kuh & Co“, die harten Anforderungen des Alltags, die Anfechtungen, die großen wirtschaftlichen Probleme und aus ihrem Erzählen erfährt man viel über die haarsträubenden Verhältnisse im Agrarland Deutschland. Die rechtliche Lage treibt die Bauern im wahrsten Sinne des Wortes in den Abgrund und den Ruin. Theresa beschreibt die Situation oft satirisch, aber zugleich so, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt, so wenn der Agrarberater mit seinen Lederschuhen über den Kuhfladen-befleckten Hof stakst, „wie ein Kind im Konfirmationsanzug“, und sie über „Change-Requests“ und „Benchmarks“ belehren will. Umgekehrt scheint Stefan zunächst im Elfenbeinturm, in einer gentrifizierten Elite Bubble zu leben, aber auch hier trügt der Schein. Üble Mobbing-Aktionen gehen aufs Gemüt, der permanente Geltungsdruck ist hoch, Whistleblower verleumden auch Stefan, er wird Opfer einer miserablen Medienkampagne und droht seinen Job zu verlieren. Umwelt-Aktivisten sind plötzlich mit von der Partie, es geht um den Ukraine-Krieg, Gender-Fragen, das Klima-Thema, die AFD, die Digitalisierung und Rassismus. Alle Themen sind drängend und es gibt kein wahr und falsch mehr. Und genau das ist die Stärke dieses Romans: die große perspektivische Vielfalt und Ambivalenz. Die einzige Überlebensstrategie scheint es in unserer grob zerrütteten Gesellschaft zu sein, in Dialog zu treten, hinzuschauen, und dazubleiben, auch wenn man mit komplett konträren Meinungen konfrontiert wird. Die Geschichte mutiert zum Ende hin immer mehr zum Politthriller und die Ereignisse überstürzen sich derart fulminant, dass man nur noch atemlos weiterlesen kann. Alles eskaliert, aber so, dass es genauso passiert sein könnte und die Weichen der Gesellschaft genauso gestellt sind. Aktivisten gehen bis vors Parlament, Stefans große Zeitung nimmt eine ungeahnte Wende und das Ende ist ein großer literarischer und politischer Clou. Literaturkritiker haben den Autoren Oberflächlichkeit in der Zeichnung ihrer Protagonisten vorgeworfen, aber da sollte man vielleicht bedenken, dass man einem Briefroman von dieser gesellschaftspolitischen Brisanz keine klassische epische Tiefe abverlangen kann. Das ist nicht das Thema des Werkes. Es geht um unsere deutsche, sehr gespaltene Erregungskultur, die Übermacht der Medien, Fake News und den Umgang miteinander. Und da kann man, auf absolut brillante, intelligente und beißend komische Art sehr viel aus diesem Werk lernen. Streit- und Debattenkultur vom Feinsten, gewürzt mit viel Satire.
los_lesen, 01.02.2023
Team Tessa oder Team Stefan?
Vor zwanzig Jahren lebten die beiden Studenten Theresa und Stefan in einer WG in Münster zusammen und studierten beide Germanistik. Sie waren wie Bruder und Schwester füreinander, bis Theresa in einer „Nacht und Nebel“ Aktion auszog. Sie kehrte zurück nach Brandenburg zu ihrer Familie und führte nach dem Tod ihres Vaters den Landwirtschaftsbetrieb weiter. Von Stefan richtig verabschiedet hatte Theresa sich nie. Erst zwanzig Jahre später treffen sich die beiden in Hamburg bei einer Fahrt in der U-Bahn wieder. Das kurze Treffen der beiden endet allerdings in einem Streit. Zu unterschiedlich die jetzigen Lebensumstände, zu unterschiedlich sind ihre Sichtweisen. Doch die Bio-Milchbäuerin und der Kulturjournalist bleiben dennoch in Kontakt und tauschen sich von nun an per Mail und Nachrichtendiensten sowohl über ihr berufliches und privates Leben als auch über die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des Landes aus. Wird ihre alte Freundschaft diese kontroversen Diskussionen aushalten? Die beiden Autoren Juli Zeh und Simon Urban haben den Roman so konzipiert, dass sich die beiden Hauptprotagonisten ausschließlich über ihre E-Mails bzw. Handynachrichten austauschen. Darin diskutieren die beiden hochaktuelle und brisante gesellschaftspolitische Themen. Es geht um die Genderthematik, die Klimakrise, den Ukrainekrieg, aber auch darum wie Politiker mit Bürgern umgehen, die in Eigeninitiative Verbesserungsvorschläge für bestehende Missstände vor Ort erarbeiten und darum, weshalb sich Teile der Bevölkerung von der Politik allein gelassen fühlen. Der „Briefaustausch“ der beiden Mittvierziger behandelt aber auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, wie z.B. die Macht der sozialen Medien oder die vorherrschende Debattenkultur, die es möglicherweise gar nicht mehr gibt. Die beiden Protagonisten stehen an sich für den Titel des Buches. Ihr „Schlagabtausch“ bewegt sich auch im übertragenen Sinn zwischen den Welten. Sie stehen für Großstadt und Landleben, für Ost und West, für Politikverdrossenheit und Aktivismus, für Familie und Singlehaushalt, für Frau und Mann. Die schriftlichen Debatten von Theresa und Stefan werden temporeich und schonungslos geführt. Sie nehmen dabei kein „Blatt“ vor dem Mund. Das muss nicht nur der jeweils andere von ihnen aushalten können, sondern auch der/ die Leser*innen. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen, beleuchten verschiedene Aspekte des jeweiligen Themas. Dies ermöglicht dem/der Leser*in, sich selbst eine Meinung zu der jeweiligen Sachlage zu bilden. Eine Meinung, mit der man in die nächste Diskussion mit seinen/ ihren Mitmenschen starten kann. Denn darum geht es ja, selbst eine Meinung angemessen vertreten, aber auch andere Meinungen anhören und aushalten zu können. Fazit: Eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit brisanten, hochaktuellen Themen mit dem Appell zur freien Meinungsäußerung!
mariesbookishworld, 01.02.2023
Großartig!
Ein mitreissendes und hochaktuelles Werk welches ich nur empfehlen kann. Juli Zeh schafft es mal wieder die aktuellen Gegebenheiten auf eine sehr persönliche Weise zu schildern und zusammen mit Simon Urban eine Konstellation zu erzeugen in der die Spaltung der Gesellschaft, die Brüche und unterschiedlichen Sichtweisen zu aktuellen Diskussionen spannend und sehr realistisch präsentiert werden. Nach 20 Jahren treffen sich Theresa und Stefan zufällig in Hamburg. Während des Studiums haben sie zusammen in einer WG gelebt und gut kennengelernt. Als Theresas Vater starb, hat sie den elterlichen Bauernhof weitergeführt und war von da an in ein anderes Leben geworfen. Stefan ist erfolgreicher Journalist. Die Beiden knüpfen an die alten Zeiten an und es entsteht ein reger Austausch. Die sehr unterschiedlichen Standpunkte, Sichtweisen und Argumentationen , daß Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebens- und Erlebenswelten ist ergreifend und spannend erzählt und ich habe mich beim Lesen beiden Positionen sehr nahe gefühlt und mitgelitten. Ein fulminantes Werk und absolut lesenswert!
Harakiri, 31.01.2023
Ich fand Zeh schon mal besser
Als sich Stefan und Theresa nach 20 Jahren zufällig wieder über den Weg laufen, kracht es erst einmal gewaltig. Doch die beiden haben Handynummern getauscht und bleiben in Kontakt. Über E-Mails tauschen sie sich über weltbewegende Themen aus und geraten aneinander, aber auch zueinander. Der Einstieg in das Buch fiel mir sehr schwer. Irgendwie war mir das anfangs etwas zu politisch. Schnell hatte ich mich dann aber eingelesen und konnte das Buch kaum noch zur Seite legen. Man muss hier teilweise zwischen den Zeilen lesen, dann findet man ein Buch, das einen kaum noch loslässt. Mir hat vor allem die Geschichte in der Geschichte sehr gut gefallen: wie sich Stefan und Tessa annähern, was hinter den Kulissen spielt. Die Mails fand ich teilweise aber ermüdend lang und auch, dass sich die beiden kaum zuhören und aufeinander eingehen. Da liegen wirklich Welten zwischen den beiden. Das Buch ist sehr aktuell, verpackt die Klimakrise, den Ukrainekrieg und das Gendern in eine Handlung. Vor allem aber das Gendern von Stefan hat mich mit der Zeit nur noch genervt*innen. Bewegt und aufgerüttelt hingegen hat mich das Schicksal Theresas. Dass es so schlimm um die Bauern steht, hätte ich nicht gedacht. Das Ende fand ich für mich nicht befriedigend, was vor allem an Tessas Entwicklung lag. Fazit: Eigentlich mag ich Juli Zeh und ihre Romane sehr gerne. Zwischen Welten empfand ich – trotz aller Begeisterung – für etwas schwächer. „Unterleuten“ und „Über Menschen“ fand ich sehr viel besser. Vielleicht ist dies auch dem Schreibstil geschuldet: ein Buch nur über Whats apps und E-Mails aufzubauen ist nicht einfach. Schnelle Passagen wechseln sich ab mit langwierigen und es fehlt einfach ein wenig am Zwischenmenschlichen.
Enni.liest , 30.01.2023
Was ist richtig und was ist falsch?
Klappentext: Zwanzig Jahre sind vergangen, als sich die Landwirtin Theresa und der Journalist Stefan zufällig wiederbegegnen. Aus unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden: Klimapolitik, Gendersprache, Rassismusvorwürfe - es ist, als liefen die Gräben ein gespaltenen Nation mitten durch ihre Beziehung. Kann ihre Freundschaft die Kluft noch überbrücken? Meinung: Juli Zeh ist bekannt für politische Bücher. Doch dieses, welches sie zusammen mit Simon Urban geschrieben hat, ist noch politischer als alle anderen zuvor. Hierbei ist es sehr spannend, dass die beiden Figuren zwei völlig verschiedene Meinungen haben. Man weiß als Leser dabei nie, was man selbst als richtig oder falsch empfinden soll. Die Themen, mit welchen sich die Autoren beschäftigen, sind brandaktuell und zeigen Schwachstellen in unserem politischen System auf. Des Weiteren finde ich es sehr spannend, dass diese Romane nur aus E-Mails, WhatsApp und Telegramm Nachrichten besteht. Die Figuren wurden sehr gut charakterisiert und haben im Buch eine Wandlung durchlebt. Jeder, der politische Bücher liebt, kommt an diese nicht vorbei.
Bjoernandbooks, 26.01.2023
Du und ich? Oder wir?
Der Zufall hat sie wieder zueinander geführt. Im Studium waren sie beste Freunde, sind gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen, haben sogar zusammen gewohnt. Doch dann musste Theresa zurück in die Heimat, Hals über Kopf, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Stefan blieb verwirrt und ratlos zurück. Doch nun hat das Schicksal für eine erneute Begegnung gesorgt, und sie beleben ihre Freundschaft neu. In Mails, Whatsapps, später auch Telegram-Nachrichten, tauschen sie sich über ihre jeweiligen Lebensrealitäten aus: Stefan ist mittlerweile Kultur-Ressortleiter bei einer der wichtigsten Wochenzeitungen des Landes, dem „Boten“, während Theresa als Landwirtin im Brandenburgischen den Milchbauernhof ihres Vaters übernommen hat. So unterschiedlich ihre berufliche Entwicklung, so auch ihr privates Umfeld, Meinungen und Haltungen. Stefan wohnt alleine, genießt den Luxus einer schönen Wohnung in Hamburg, sieht sich der Wokeness verpflichtet; Theresa knappst mit Mann Basti und den beiden Söhnen am Existenzminimum und kann keine Gender-Sternchen mehr sehen. Eine gehörige Portion an Zündstoff! „Wer existenziell lebt (ich), muss nicht sensationell leben (du). Wer das Existenzielle verloren hat (du), braucht die Sensation. Das unterscheidet dich und mich“ (S. 250) Das Gemeinschaftsprojekt „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban macht gleich von Anfang an klar, dass es sich mit voller Wucht den zeitgenössischen gesellschaftlichen Themen widmen will – ja, mit aller Vehemenz. Schon auf den ersten Seiten handeln Stefan und Theresa ihre Wirklichkeiten miteinander aus, geraten frühzeitig in Streit über Werte und Überzeugungen. Und machen es mir damit vor allem zu Beginn des Briefromans beim besten Willen nicht leicht... Um es gleich vorwegzunehmen: Meine Leseerfahrung war ziemlich zweigeteilt – und mit der zweiten Hälfte von „Zwischen Welten“ konnte ich deutlich mehr anfangen. Das hat seine Gründe! Stefan und Theresa bringen sich auf den ersten 200 Seiten zunächst einmal auf den aktuellen Stand, tauschen sich über den jeweiligen Status Quo im Leben aus und reiben sich an den unterschiedlichen politischen und sozialen Positionen. Stefan hält die Fahne für den Klimawandel und diversitätssensible Sprache hoch, während Theresa ihm aufzeigt, wie die Realität in der Landwirtschaft aussieht. Kontroverser und weiter voneinander entfernt könnten die Beiden wohl nicht sein! Diese Diskrepanzen bilden zwar ein gesellschaftliches Spektrum ab, auch wenn wir Theresa definitiv nicht als rein dem Konservatismus verschriebene Anhängerin präsentiert bekommen. Gleichzeitig geraten die Konflikte, die sie austragen, aus meiner Sicht doch arg plakativ, werfen sie sich doch gegenseitig Plattitüden an die digitalen Köpfe, die wie direkt aus Social-Media-Foren entnommen wirken. Dabei hangeln sie sich von einem zum nächsten Themenkomplex, lassen keine Brisanz aus, entzweien und versöhnen sich im Minutentakt. An Spannung und Relevanz gewinnt „Zwischen Welten“ in meiner Wahrnehmung dann in der zweiten Hälfte, sobald es um die tatsächlich individuellen Geschichten der beiden Protagonist*innen geht. Über Stefan wie auch Theresa bricht die sorgsam errichtete Welt zusammen, und sie drohen am Druck der Realität zu scheitern. Sukzessive und mit erzählerischem Bedacht kulminieren die Ereignisse, die, wenn auch in zugespitzter Form, die Menschen hinter den theoretischen Diskurs-Masken durchscheinen und erkennen lassen. Die Schicksale der beiden ungleichen Freund*innen werden berührend, lassen uns den Kopf aufgrund der dramatischen Entwicklungen schütteln. Gleichzeitig entwickelt sich eine unterschwellige Anziehung zu einer möglichen Liebesbeziehung am Horizont, die wiederum meines Erachtens nicht für die Ausstaffierung der Geschichte in dieser Vehemenz nötig gewesen wäre. Sprachlich wie erzählerisch nutzen Juli Zeh und Simon Urban das Mantra „Mehr ist mehr“. Das finde ich persönlich schade, hätte mich doch das Schicksal von insbesondere Theresa deutlich mehr rühren und nachhaltiger schockieren können, hätte es einen etwas subtileren diskursiven Unterbau für die Exposition gegeben. Die Reproduzierung des „Hau Drauf“ hätte es für mich in der Form nicht benötigt, um eine am Zeitgeist orientierte, kritische Bestandsaufnahme zu liefern. So bleibe ich etwas ratlos zurück, hat mich die zweite Hälfte doch durchaus in mancher Hinsicht versöhnlicher stimmen können...
Seitenflüsterin, 26.01.2023
Hinhören! Hinlesen! Wahr nehmen!
Dieser Roman bringt schon einmal eine Besonderheit mit sich: Er besteht komplett aus Emails und Whats App Nachrichten zwischen den beiden Protagonisten. Dies bringt meist diverse potentielle Schwierigkeiten mit sich, das letzte Buch in dieser Erzählform das ich gelesen habe war damals 'Gut gegen Nordwind', das für mich einer der größten Flops meiner Lesegeschichte war. Dennoch war ich dem Rahmen gegenüber vorurteilsfrei, denn die Schwächen des genannten Romans waren andere. So ließ ich mich freudig darauf ein. Ich mag generell wenn Kapitel kurz und übersichtlich sind, so kann ich leichter wieder einsteigen und kurz unterbrechen (ich bin eine Abends im Bett- Leserin, und irgendwann fallen mir da die Augen zu). Schon auf den ersten Seiten merkte ich allerdings, dass zwischen diesem Buch der beiden Autoren Juli Zeh und Simon Urban und dem Roman von Daniel Glattauer Lichtjahre liegen und die beiden absolut null vergleichbar sind. Der Anspruch ist ein ganz anderer, alleine sprachlich ist 'Zwischen Welten' eine echte Wohltat. Mich würde natürlich interessieren ob die beiden Autor*innen sich die beiden Charaktere beim Schreiben auch so aufgeteilt haben- ob sie vielleicht tatsächlich während des Schreibprozesses einen jeweiligen Alter Ego angenommen haben und das Buch dann quasi diesen Austausch zusammenfasst? Nun, vielleicht werden wir das noch erfahren. Grundsätzlich geht es hier schon ganz schön zur Sache. Beide Hauptcharaktere- Theresa und Stefan- könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, was ihr Leben angeht. Sie führt einen Milchhof in der brandenburgischen Provinz, er gehört zur Kulturelite Hamburgs. Beide haben Probleme, die der jeweils Andere nicht nachvollziehen kann und kollidieren in ihren Ansichten massiv. Und da nehmen sie auch kein Blatt vor den Mund, vor allem Theresa findet wirklich deutliche Worte, die mich manchmal die Luft einziehen ließen. So. Mein erster Eindruck war erstmal sehr positiv. Im Laufe des Romans gibt es dann jedoch durchaus ein paar Längen und Redundanz, so wiederholen sich beispielsweise Theresas Vorwürfe, Stefan sei in seiner Blase gefangen, immer wieder. Nur: Das stimmt auch. Im Austausch wird immer wieder klar, dass Stefan in Wirklichkeit nur einen Meter weit sieht und seine eigenen Probleme und täglichen Anforderungen ganz anders (wichtiger) gewichtet als die existentiellen Probleme Theresas. Letzten Endes hat sie das Gefühl, nicht wirklich gehört und verstanden zu werden, was schließlich zur Eskalation führt. Ich empfand den Austausch der Beiden als sehr gutes Abbild zu den gesellschaftlichen Problemen, die hier auch kritisiert werden sollen. Theresa (als Sinnbild der Landwirt*innen) wird nicht wirklich gehört und ernst genommen, bis es eskaliert. Und dann verkehrt sich das Bild in der Öffentlichkeit ins Gegenteil. Mich hat der Roman sehr berührt. Als jemand, der sich zwischen beiden Positionen einordnet brachte mich dieser Schlagabtausch schon wirklich zum Nachdenken, und das Ende tat verflucht weh. Inzwischen habe ich auch ein paar Kritiken gelesen und kann nur mit dem Kopf schütteln. Genau das, was im Roman angeprangert wird, geschieht darin. Es wird sich über Formalia aufgeregt, anstatt zum Kern des Problems vorzudringen und die Krise wirklich wahr zu nehmen. Für mich persönlich: Ja, auch ich bemerkte Redundanz und die ein oder andere Länge. Aber das Gesamtwerk ist für mich trotzdem so rund und wichtig, dass ich hier die volle Punktzahl vergebe. Ein Roman, der einer systemrelevanten Minderheit eine Stimme verleiht die so laut schreit und doch nie gehört wird, ist wichtiger als perfekte Stilistik.
Kati, 25.01.2023
Darf Journalismus sich eine Haltung erlauben?
Es gibt nicht viele 500-Seiten-Bücher, die ich innerhalb von drei Tagen verschlinge. Aber ein neuer Roman von Juli Zeh sorgt in schöner Regelmäßigkeit dafür, dass ich komplett darin versinke. So auch in "Zwischen Welten", der heute erscheint und eine Art moderner Brief-Roman zwischen zwei Personen ist, die nicht gegensätzlicher sein könnten: Theresa und Stefan. Sie hat den Milchhof ihres Vaters in der brandenburgischen Provinz beerbt, er ist stellvertretender Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung. Schon früher haben beide häufig in ihrer WG die viel beschworenen Küchentisch-Diskussionen geführt - und greifen diesen Faden nach vielen Jahren der Funkstille wieder auf. Die Themen, über die mal per Mail, mal per Whatsapp diskutiert wird, könnten aktueller nicht sein: es geht um Bio-Subventionen, Gendersternchen, Black Live Matters und den Ukrainekrieg genauso wie um alltägliche Banalitäten in der Familie oder im Berufsalltag. Das Spannende: je nach persönlichem Standpunkt fühlt man sich zunächst Stefan, dann Theresa näher, nur um beim nächsten Streitgespräch der beiden die Seite zu wechseln. Ich mochte diese wechselseitige Dynamik sehr gern, die auch unbedingt dazu anregt, die eigene Diskussions- und Streitkultur zu reflektieren. Außerdem habe ich selten so viel über die aktuellen Probleme, aber auch Chancen in der heutigen Landwirtschaft gelernt. Neben diesem Faktor hat mich außerdem die Frage: "ob Journalismus sich eine Haltung erlauben darf oder sogar muss, was [Stefan] angesichts der Klimakrise und des wachsenden Rechtspopulismus ziemlich alternativlos findet" am Meisten bewegt. Juli Zeh und Simon Urban ist hier ein sehr aktueller Wurf gelungen, der Spaß macht. Es fühlt sich an, als würden die beiden stellvertretend für einen selbst streiten, während man selbst sich bequem ins Sofa kuschelt und es ihnen überlässt, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und einzuordnen. Ein Buch, das zum Weiterdenken und Recherchieren einlädt, das wütend macht und betroffen, das auf- und erklärt auf ganz menschlicher Otto-Normalverbraucher*innen-Ebene. Erstes Jahreshighlight 2023!
karo_liest, 22.01.2023
Gibt es noch ein Dazwischen?
„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban - ein Briefroman bestehend aus Nachrichten per WhatsApp und eMails. Gefühlt sind es zwei verschiedene Welten, in denen Theresa und Stefan leben. Sie bewirtschaftet den Ökobauernhof ihres verstorbenen Vaters in Brandenburg. Er ist Kulturchef bei „Der Bote“, Deutschlands größter Wochenzeitung. Beide kennen sich aus dem Studium und waren damals sehr eng miteinander befreundet. Nun nach 20 Jahren sehen sie sich zufällig wieder. Was folgt, ist ein reger Austausch digitaler Nachrichten. Aneinander vorbeireden, gar nicht auf die angesprochenen Themen des anderen eingehen, sie regelrecht ignorieren, immer wieder einfach die eigenen Probleme in den Vordergrund stellen - das gelingt Theresa und Stefan perfekt. Und das spiegelt so ein bisschen unsere Gesellschaft wieder. Trockenheit, Schweinepest - Landwirte, die um ihre Existenz kämpfen, Klimapolitik, Gendern, Rassismus - große Themen, die Theresa und Stefan beschäftigen und über die sie sich streiten. Und dieser Streit spitzt sich mehr und mehr zu. „Es gibt so ne gläserne Wand zwischen diesen beiden Lebensräumen“, sagt Juli Zeh in einem Interview. Gibt es diese „Wand“ nur im Roman? Wie sieht es in der Realität aus? Existiert da noch ein „Dazwischen“? „Zwischen Welten“ regt zum Nachdenken und Diskutieren an. Ein starkes Buch - unbedingt lesen!
Dr. Tobias Kallfell, 02.09.2023
Erstens kommt es anders, und zweitens...
Der Roman „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban stand über 30 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste (Stand: 08/23) und wurde mir noch dazu zur Lektüre empfohlen. Grund genug, mir das Werk einmal genauer anzuschauen. Und so viel vorweg: Es ist ein interessantes Beziehungsverhältnis zwischen den Protagonisten Stefan und Theresa, das die beiden Autoren entworfen haben. Ein Verhältnis, bei dem beide Charaktere in schwierigen Lebensphasen stecken und sich gegenseitig offenherzig und schonungslos die Meinung über die Lebenswelt des jeweils anderen mitteilen (in diesem Zusammenhang wird auch viel über gesellschaftspolitische Themen gestritten). Stefan und Theresa sind dabei auch hart im Umgang miteinander, echte Freunde eben, die sich schon seit ihrer gemeinsamen WG-Zeit aus Studienzeiten kennen. Sie schenken sich nichts, es geht hoch her, die Emotionen kochen des Öfteren hoch, die Nerven liegen blank. Und die Schilderung der Entwicklung ihrer Beziehung zueinander ist das, was den Roman in meinen Augen ausmacht. Ein tolles Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte und das in der geschickt gestalteten Figurenrede sicherlich auch den aktuellen Zeitgeist oft treffend wiedergibt. Nachdem Stefan und Theresa längere Zeit nichts voneinander gehört haben, treten sie wieder in schriftlichen Kontakt. Sie kennen sich noch aus dem Studium, doch ihre Lebensläufe haben völlig unterschiedliche Richtungen genommen. In regelmäßigen E-Mails und Whats-App-Nachrichten gewähren beide dem jeweils anderen einen Einblick in ihre aktuelle Lebenssituation. Stefan (ledig, Single, keine Kinder) ist Kulturchef bei einer Zeitung namens „BOTE“ und berichtet seiner ehemaligen Kommilitonin von den Streitigkeiten bei Redaktionssitzungen. Theresa (verheiratet, zwei Kinder) gehört ein Bauernhof, den sie nach dem Tod ihres Vaters übernommen hat. Sie hat ihr Germanistik-Studium aus diesem Grund abgebrochen. Die Lebenswelten beider Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein. Und die Urteile übereinander fallen harsch aus. Vor allem die Whats-App-Nachrichten haben oft einen konfrontativ-aggressiven Grundton. Für Theresa ist Stefan ein Großstadt-Intellektueller, der keine Ahnung vom wahren Leben hat und in einem Elfenbeinturm existiert. Des Öfteren bemüht sie sich darum, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und berichtet von ihrem harten Alltag als Landwirtin. Stefan beschreibt Theresa seinerseits am Beispiel der Arbeit im Redaktionsteam die aufgeheizte Atmosphäre bei seinem Arbeitgeber. Doch Theresa nimmt Stefan und seine Probleme nicht richtig ernst. Sie amüsiert sich über sein Theoretisieren. Sie ist eine Frau der Praxis, steht mit beiden Beinen im Leben und hat täglich praxisnahe Alltagsprobleme zu lösen, die der Beruf eines Landwirts mit sich bringt. Ihre Lebenswelt ist nicht so „verkopft“ wie die von Stefan. Sie packt an, sie leistet und findet kaum Zeit, sich hochtrabende Gedanken zu machen. Sie ist eine Kämpferin. Trotz finanzieller Schwierigkeiten und am Rande der Existenz gibt sie nicht auf und hält den Betrieb am Laufen. Wenn Mitarbeiter gesundheitlich ausfallen, fängt sie deren Arbeit zusätzlich mit auf. Sie setzt sich unermüdlich für Verbesserungen ein und fühlt sich von der Politik allein gelassen. Im Laufe des E-Mails Kontakts kommen sich Stefan und Theresa mal näher, mal distanzieren sie sich wieder voneinander. Zwischenzeitlich blitzen auch immer einmal wieder Gefühle auf, die Stefan für Theresa hat. Stefan hadert mit der gemeinsamen Vergangenheit. Er versteht z.B. nicht, warum seine ehemalige WG-Mitbewohnerin wortlos verschwunden ist, um den Hof zu übernehmen, und ihn nicht um Hilfe gebeten hat. Und was auch immer wieder während des Schriftverkehrs deutlich wird: Beide streiten über gesellschaftspolitisch relevante Themen und äußern dabei unterschiedliche Ansichten. So diskutieren sie z.B. über das Gendern. Und oft debattieren Theresa und Stefan leidenschaftlich, so dass die Fetzen fliegen. Theresa erscheint dabei häufig als die Pragmatikerin, Stefan hingegen ist der Analytiker. Sie – bodenständig in der Praxis. Er – intellektuell am Schreibtisch. Theresas Vorwurf: Stefan lebe in einer Blase, die mit der Realität wenig zu tun habe. Er kümmere sich zu sehr um die Lösung von Problemen auf Meta-Ebene und zu wenig um konkret greifbare Schwierigkeiten. Weitere Themen, die sie äußerst emotional erörtern: Klimaschutz, Ukraine-Krieg, struktureller Rassismus (das Verständnis für die Relevanz dieses Themas hält sich bei Theresa in Grenzen), kulturelle Aneignung, Ost-West-Problematik etc. Auf mich wirkte Theresa kompetent, wenn sie sich äußert. Die Abläufe des landwirtschaftlichen Betriebs werden sehr detailliert und kenntnisreich von ihr dargelegt. Sie hadert viel mit den politischen Zuständen und hat viele konkrete Ideen, wie sich die Situation der Landwirtschaft im Land verbessern ließe. Stefan seinerseits gewährt Einblicke in den journalistischen Alltag. So schildert er z.B. den Entstehungsprozess einer Sonderausgabe zum Thema „Klimaschutz“, bei der auch das Know-how von Aktivisten eingebunden werden soll, die sich dreist und anmaßend verhalten. Ein weiteres Thema, das zum Ausdruck kommt: Das Beziehungsleben beider Figuren. Dabei wird deutlich, dass Stefan wenig Ahnung von Familienleben hat. Theresa ihrerseits schildert, wie sie sich zunehmend von ihrem Mann Basti entfremdet, weil die Arbeit zu viel Raum einnimmt. Sie schafft es nicht einmal, in den Urlaub zu fahren, ohne ein schlechtes Gewissen ihrem Betrieb gegenüber zu haben. Die Entwicklung des Privatlebens beider Figuren ist so angelegt, dass Krise auf Krise folgt. Wenn man denkt, es geht nicht schlimmer, ereignet sich bereits das nächste Dilemma. So muss sich Stefans Chef z.B. nach einer unbedachten Äußerung gegen einen „shit-storm“ wehren. Hier wird die Schattenseite der sozialen Medien gut und treffend in den Blick genommen, wie ich finde. Es zeigt sich, wie der Chefredakteur durch eine Hetzkampagne zu Fall gebracht wird und wie seine ganze Familie darunter leidet. In diesem Zusammenhang werden im Roman auch interessante Fragen aufgegriffen, die die journalistische Arbeit betreffen: Wie sehr darf und muss man sich als Journalist:in positionieren? Wie viel Haltung ist beim Schreiben nötig? Wie sehr überlässt der Journalist bzw. die Journalistin die Meinungsbildung noch den Leser:innen? Oder sind Journalist:innen selbst Meinungsmacher und geben Meinungen vor, die man als Leser:in einzunehmen hat? Wie neutral muss Berichterstattung sein? Und kann sie überhaupt neutral sein? Und auch die Rolle von Aktivist:innen mit vielen Followern wird problematisiert. Wie kann es z.B. sein, dass Influencer mehr Gehör finden und Aufregung stiften als gestandene Journalist:innen? Im weiteren Handlungsverlauf nimmt die Politikverdrossenheit von Theresa immer mehr zu. Sie nimmt zunehmend radikalere Positionen ein, was ihre Verzweiflung deutlich werden lässt. Sie fühlt sich von der Politik im Stich gelassen, beklagt bürokratischen Irrsinn, fühlt sich machtlos, ohnmächtig. Sie wird immer mehr zu einer Wutbürgerin. In meinen Augen wird sehr deutlich, dass Theresa ganz klar bei sich ist. Sie weiß, wer sie ist, was sie will. Sie muss sich nicht finden. Sie hat ein ganz klares Ziel vor Augen, das sie zu erreichen versucht (wirtschaftlich überleben). Sie weiß nur nicht, wie sie das schafft. Stefan hingegen ist wankelmütig. Er ist in einer Art Selbstfindungsphase und muss für sich noch herausfinden, wie er seine journalistische Arbeit in Zukunft ausrichtet. Was beide Figuren eint: Sie machen eine schwierige Lebensphase durch. Das geteilte Leid schweißt sie zusammen. Doch es gibt auch klare Unterschiede: Theresas Abwärtsspirale hält an und lässt sich nicht aufhalten, die Katastrophen nehmen kein Ende. Es geht permanent bergab. Stefans Krisen hingegen sind nie von Dauer, er muss „nur“ Unruhephasen überstehen, sein beruflicher Erfolg ist (langfristig betrachtet) nie in Gefahr. Stefan ist auch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, er geht nach meinem Dafürhalten nicht angemessen auf die Sorgen von Theresa ein. Letztlich geht es ihm doch nur um seine Karriere. In Krisenmomenten ist er zwar nah bei Theresa, doch in erfolgreichen Momenten ist er weit von ihr weg. Am Ende des Buchs könnte die Distanz zwischen beiden Figuren nicht größer sein. Das einzige, was mich während der Lektüre des Buchs gewundert hat: Woher nehmen beide Figuren die Kraft, sich solch langen E-Mails zu schreiben, wenn sie doch so wenig Zeit haben, ihren Alltag zu managen? Woher nehmen sie die Energie, so leidenschaftlich zu streiten und sich gegenseitig zu verletzen? Ein wenig hat mich das Buch an „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer erinnert, nur dass hier nicht die Liebes-Thematik im Vordergrund steht, sondern die politische Thematik.
Nicoles Bücherwelt, 28.02.2023
Austausch zwischen zwei Welten - detailreich und überraschend
Zwischen zwei Welten… Von Juli Zeh sind mir vor allem ihre Romane „Unterleuten“ und „Über Menschen“ im Gedächtnis geblieben – und ihr präziser und detailreicher Schreibstil. Zusammen mit dem Autor Simon Urban ist nun ihr gemeinsamer Roman „Zwischen Welten“ erschienen. Hauptfiguren sind Theresa und Stefan, beide Mitte vierzig, die sich nach zwanzig Jahren zufällig in Hamburg wiedertreffen. Damals haben sie zusammen in einer WG in Münster gewohnt und studiert. Doch seitdem hat sich einiges geändert – sowohl ihre Lebenswege als auch ihre Ansichten: Stefan ist Single, lebt in Hamburg und ist stellvertretener Chefredakteur bei Deutschlands größter Wochenzeitung DER BOTE. Aktuell möchte er der eingestaubten Zeitung etwas mehr Aktualität geben und kämpft für eine Sonderbeilage zum Thema Klimaschutz. Doch nicht alle Kollegen sind bereit für Veränderungen… Theresa ist zurück in ihre Heimat gezogen – im Dorf Schütte, das 80km westlich von Berlin liegt, hat sie den Bauernhof ihres Vaters übernommen und daraus einen modernen Biohof gemacht. Doch aktuell kämpft Theresa mit großen Problemen: Sie arbeitet rund um die Uhr, doch trotzdem rutscht sie mit ihrem Betrieb immer weiter in die roten Zahlen, da die Anforderungen alles übersteigen. Nachdem ihr Wiedersehen ziemlich hitzig endete, haben sie beschlossen, sich von nun an regelmäßig per Mail und Messenger über ihre so unterschiedlichen Leben auszutauschen. Alles kommt auf den Tisch: Aktuelle Themen und ihre gegensätzlichen Meinungen, aber auch aktuelle Geschehnisse – sowohl bei Stefan und der Wochenzeitung, als auch bei Theresas Bauernhof passiert einiges. Von der Klimakrise und der aktuellen Politik, über Rassismus, Gleichberechtigung, Gendersprache bis hin zum Krieg in der Ukraine – dieses sind nur einige Themen, die Theresa und Stefan in ihren Mails und WhatsApp-Nachrichten diskutieren – oft mit unterschiedlichen Standpunkten. Mal spitzt sich der Mailverlauf zu und die beiden geraten ziemlich aneinander. Juli Zeh und Simon Urban greifen hier sämtliche aktuelle Themen in ihrem Roman auf. Da die komplette Handlung in einer Art Briefform (WhatsApp- und Mailaustausch) geschrieben wurde, war ich zunächst unsicher, ob die nötige Spannung und ein roter Faden vorhanden sind. Doch die Sorge war unbegründet: Der intensive Austausch, der über mehrere Monate geht, lässt sich gut verfolgen. Von kurzen WhatsApp-Nachrichten bis hin zu ausführlichen Mails – man bekommt sowohl von Stefans als auch von Theresas Leben einen sehr detaillierten Einblick. Hier prallen zwei Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Dazu vertreten beide ihre eigenen Meinungen, womit sie ziemlich aneinander rasseln. Mal unangenehm und schwierig, dann wieder besser. „Dispatches from elsewhere: Wie nahe unsere Leben einander mal waren und wie Lichtjahre entfernt sie nun voneinander sind. (Stefan) – Seite 28, eBook Die beiden Hauptfiguren sind nicht einfach und manchmal tatsächlich auch etwas nervig, aber das soll wahrscheinlich genauso sein – denn sie sind in jedem Fall sehr gut ausgearbeitet. Man bekommt nicht nur einen Einblick in ihre Standpunkte, sondern auch, was gerade aktuell in ihren Leben passiert. Beides ist manchmal ziemlich heftig. Auch die Entwicklung der Nebenfiguren, die in ihrem Austausch zum Teil zentrale Rollen spielen, lassen sich sehr gut verfolgen. Es bleibt fast durchgehend auf besondere Weise spannend, nur zwischendurch wiederholt sich einiges, manchmal wird etwas zu sehr in die Länge gezogen. Aber nach dieser kurzen Schwäche nimmt die Story nochmal an Fahrt auf und das Ende ist anders als gedacht… Mein Fazit: Ein sprachgewaltiger Roman, in dem zwei Leben aufeinanderprallen, die unterschiedlicher nicht sein können. Komplett als Mail- und Messenger-Austausch aufgebaut, haben die beiden Autoren eine außergewöhnliche Handlung geschaffen - was ihnen gelungen ist. Von unterschiedlichen Lebensweisen und -ansichten bis hin zu den aktuellsten Themen unserer Zeit – die beiden Hauptfiguren diskutieren heftig und erleben einiges - manches ist nicht ohne. Bis auf kleinere Schwächen ein lesenswertes Buch, das man nicht so schnell vergisst.
Eliza, 26.02.2023
Kommunikation nur online?
Zwei Freunde treffen sich nach 20 Jahren wieder und merken, wie unterschiedlich sie geworden sind. Anschließend erfolgt eine Konversation über E-Mail und Messanger-Dienste und beide wissen nicht genau, was sie an dem anderen in den letzten 20 Jahren verloren haben. Trotz des interessanten Themas bin ich mit diesem Roman leider nicht warm geworden. In der Geschichte geht es um die beiden Charaktere Stefan und Theresa, welche sich nach dem Studium aus den Augen verloren haben. Stefan ist ein erfolgreicher Journalist und lebt in Hamburg, während Theresa in Brandenburg einen Bio-Milchhof betreibt. Durch Zufall treffen sie sich nach 20 Jahren wieder und nehmen anschließend Kontakt miteinander auf. Im Laufe unzähliger Unterhaltungen per E-Mail merken sie, was sie verbindet und was sie trennt. Werden sie zueinander finden? Stefan ist ein Charakter, welchen ich als Fähnchen im Wind bezeichnen würde. Er ist der Typ Besserwisser und als Journalist weiß er immer, was gerade aktuell im Trend ist. Auch ist er von den Themen unserer Zeit wie Gendern oder Umweltproblemen sehr überzeugt und versucht andere mit seiner Meinung zu überzeugen. Dabei ist er stets bemüht im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Ich bin mit ihm als Charakterfigur nicht übereingekommen. Theresa weiß Stefan zu provozieren, aber auch in gewissen Situationen zur Räson zu bringen. Sie mag in manchen Momenten etwas zu emotional gar impulsiv dabei wirken aber trotzdem versucht sie ihre Meinung mit teilweisen nicht widerlegbaren Argumenten zu unterfüttern. Sie wirkte für mich nahbarer und menschlicher als Stefan. Der Aufbau der Story ist stringent und wird nicht durch nennenswerte Zeitsprünge unterbrochen. Der Stil des Romans ist aus der Erzählperspektive beider Hauptcharaktere geprägt. Die gesamte Geschichte wird im Stil von E-Mails oder der Kommunikation via Messanger-Dienste wie Whats-App oder Telegram erzählt. Dabei wird über andere Personen immer aus der Sicht der erzählenden berichtet. Dies empfand ich als nicht so schön und gut lesbar und ich konnte mich nicht so recht mit diesem Erzählstil anfreunden. Auch wirkten die interessanten Themen wie z.B. Gendern oder Karriere zwar provokant, aber manchmal auch an den Haaren herbeigezogen. Auch empfand ich die Fortentwicklung der Handlung als sehr eintönig und ich hätte mir vielleicht einen persönlichen Dialog oder einen interessanten Turn in der Story gewünscht. Das Ende der Handlung war dann nicht besonders spektakulär und man hätte dieses durchaus auch bereits nach dem ersten Viertel des Romans einbauen können. Der Schreibstil der Autoren ist gehoben und prinzipiell gut lesbar. Aber die Darstellung der Geschichte hat den schönen Schreibstil etwas in das Abseits gerückt. Als Fazit kann ich festhalten, dass die gute Idee einer wiedergewonnenen Freundschaft eingebettet in die heutigen Themen der Zeit etwas zu brachial und ideenlos von diesen zwei unbestrittenen großartigen Autoren umgesetzt wurden. 4/10 Punkten Bitte beachten: Diese Rezension geht erst am 10.03.2023 auf unseren Kanälen online.
thursdaynext, 05.03.2023
Zwischen Welten – eine WhatsApp-Analyse zweier Buchstofflerinnen
[16:44, 16.2.2023] Thursdaynext: Liebes Satzzeichen, wie schön, dass wir zwei denselben Roman lesen respektive hören. Derselbe Inhalt in unterschiedlicher Darreichungsform. Du das Buch, ich das Hörbuch, um mir das Autofahren ins Geschäft zu versüßen. Ich bin sehr gespannt. [16:25, 17.2.2023] daslesendesatzzeichen: Liebe Thursdaynext, Du weißt ja, ich vertipp mich immer bei Deinem Namen, ich kürze mal zukünftig ab, Du bist jetzt Thurs 😉, geht das in Ordnung? Vielleicht ist das Hören von „Zwischen Welten“ gar nicht so verkehrt, es wird ja von zwei Lesern vorgetragen, was sicher unterhaltsam ist. Derzeit tue ich mich schwer mit dem Printprodukt. Mir ist vieles zu plakativ und ehrlich gesagt stolpere ich immer wieder über Aussagen, die ich als nicht authentisch empfinde. Wie sieht es bei Dir aus? [16:33, 17.2.2023] Thursdaynext: Aber klar. Ich habe Dich ja auch schon abgekürzt. „Daslesendesatzzeichen“ ist schön, aber sooooo laaaang😅. Mir gefällt das Hörbuch bisher sehr gut. Zwei ehemalige StudienfreundInnen (kicher), die sich zufällig nach 20 (?) Jahren wiedergetroffen haben und via WhatsApp Kontakt halten. [16:50, 17.2.2023] Thursdaynext: Sorry, musste vom Handy an den Rechner wechseln, stelle fest,zu Beginn wie bewundernswert das Durchhaltevermögen der beiden ist, sich da so tippend lange Nachrichten zu schicken. Ich würde ja das klassische Telefonat bevorzugen, wegen meiner Tippfaulheit. Dass Stefan, der stellvertretende Chefredakteur, flink mit den Handytasten ist, geschenkt, aber die Milchbäuerin Theresa ist es erstaunlicherweise ebenfalls!! Die Stimmen im Hörbuch sind jedenfalls sehr angenehm und begleiten einen entspannt beim Autofahren. Auch wenn sie sich gleich zu Beginn wegen des Genderns in die Wolle kriegen. Er pro, unbedingt, sie findet es albern. Viel Meinung am Anfang, wobei das wohl zum „Neu-Kennenlernen“ dazugehört. Ich lausche der meinungsstarken, bürokratiegenervten Biobäuerin und dem Zeitungsmacher ganz gerne. Dabei finde ich beide nicht sonderlich sympathisch. So verbiestert irgendwie. Rechtbehalten ist für beide sehr wichtig. Unterhaltsam finde ich es dennoch, denn die zwei arbeiten sich an gesellschaftspolitisch relevanten Themen ab. Streit inbegriffen. Ich streite beim Hören innerlich mit, mal bin ich mit dem einen, mal mit der anderen. Was meinst Du, ist der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo von der ZEIT nachempfunden? Eine „zaunpfählige“ Anspielung? Ich verstehe sehr gut, weshalb Dir das Buch schwerfällt. Zu hören ist es nett, aber lesen wollte ich das wohl nicht. Wie ist es denn gestaltet? Mit echten WhatsApp-Chats? [17:46, 25.2.2023] Thursdaynext: Hallo, liebes Satzzeichen, nach einer langen, erwartungsvollen Pause habe ich beschlossen zu monologisieren. Ganz wie Stefan im Roman. Die beiden haben ja einen vollen Arbeitsalltag mit größeren und kleineren Krisen und drücken sich, wie Du in einem persönlichen Gespräch bereits moniert hast, auch sehr eloquent aus. Ich schreibe allerdings nicht vom Traktor aus 😆. Um es kurz zu machen: Ich bin durch. Alles gehört und, tja, was soll ich sagen?! Team Chefredakteur scheint sehr einsam zu sein. Ein einsamer mittelalter weißer Cis-Mann, wie er es irgendwann einmal ausdrückte und, meine Güte, was geht mir der Guteste auf den Geist!Beim Hören der zweiten mp3 nervte er – mit Worten und besonders Taten. Er jammert, er kümmert sich kaum um die tatsächlichen Sorgen seiner Studienfreundin, er erzählt nur von sich und speist sie mit Mansplaining ab, er versucht zu erziehen, er versetzt sich zu keiner Zeit in ihre Situation und am Ende will er nur mit ihr ins Bett. Wie traurig ist das denn? Bleibt noch Theresa, die Bäuerin, die um den Erhalt ihres Hofes bangt, sich zunehmend radikalisiert, EU-Bashing betreibt, Seuchenschutzauflagen moniert und, allerdings mit erheblich mehr Berechtigung als ihr Kumpel, permanent am Jammern ist. Fakt ist, sie hat mehrmals klargestellt, dass sie ihn als Mann nicht begehrt, er ignoriert das und baggert weiter. Schlussendlich fast erfolgreich. Sie, völlig überarbeitet, trifft, auch bezüglich ihrer Ehe, sehr fragwürdige Entscheidungen und weiß nicht mehr weiter, fasst dann den Plan, zu Thomas nach Hamburg zu flüchten. Die Gender-, Race- und Subventionsdebatte, die im Roman groß aufgemacht wird, halte ich übrigens für ziemlich albern. Zumindest in der Art, wie sie dort präsentiert wird. Jene meint es gäbe drängendere Probleme, der Gegenspieler glaubt damit die Welt zu retten. Ich halte die zunehmende Ungleichheit, die Schere zwischen Arm und Reich für das größere Problem. Das ist demokratiegefährdend und zugleich, mangels ausreichender Besteuerung der Superreichen, klimaschädlich. Aber das nur am Rande. Fakt ist, dass ich das Hörbuch anfangs unterhaltsam und später sehr unrealistisch und nervig empfunden habe. [10:28, 26.2.2023] Thursdaynext: (Seufz) Ich seh schon, wie im Roman muss ich weiter monologisieren. Der Unterschied ist nur, dass ich es alleine tue, während Theresa und Stefan sich gegenseitig „anmonologisieren“. Womit wir beim Titel wären. Der ist eine Betrachtung wert. „Zwischen Welten“. Die Protagonisten leben in völlig unterschiedlichen Realitäten. Ost und West, geistige versus körperliche Arbeit, alleinstehend hier, verheiratet mit Kindern da – und sie reden daher aneinander vorbei. Wirklicher Diskurs findet, zumindest in der zweiten Hälfte, nicht mehr statt. Die Fronten sind geklärt, Theresas Radikalisierung geht voran, weil sie an den Gegebenheit trotz ihres Kampfeswillen schier zerbricht. Die Kämpfe des Chefredakteurstellvertreters Stefan hingegen finden fast nur in der digitalen Welt statt … [13:28, 26.2.2023] daslesendesatzzeichen: Liebe Thurs, Du hast recht. Ich bin wohl eher die Milchbäuerin Tessa 🙂 Auch ohne Hof hab ich das Gefühl, die 24 Stunden reichen manchmal nicht aus für all die Projekte, die in meinem Kopf kursieren. Ich bin ehrlich: Ich habe mich ein Drittel durch das Buch gelesen, anfangs wirklich voller Vorfreude (endlich wieder Juli Zeh!), schon leicht gebremst durch die hochgezogene Augenbraue des Göttergatten, der meinte „Ach neee, schon wieder das gleiche Thema wie bei Unterleuten und Über Menschen, aber diesmal in Briefform? Wie erfinderisch!“, aber doch positiv gestimmt. Das kippte sehr schnell und wich einer großen Skepsis, die immer mehr anwuchs und mich immer ungeduldiger die Seiten umblättern ließ, immer auf der Suche nach dem Sog. Um es kurz zu machen: Er bleib aus, der Geduldfaden riss und ich überblätterte schamlos viele Seiten und nuschelte mich durch zum Ende. Dabei hab ich zum Beispiel nicht mitbekommen (klingt ja spannend!), dass Tessa nach Hamburg „flüchtet“. Du schreibst, sie fliehe zu Thomas – wer ist das denn? Den hab ich gar nicht mitbekommen bei meinem Querlesen. Ich verkörpere hier nun die ungeduldige, in ihrer Erwartungshaltung nicht abgeholte Leserin, die neben ihrem immer größer werdenden SUB nur noch die Bücher voller Interesse liest, die sie wirklich mitreißen. Das sind leider alles keine Antworten, sondern, gemäß Deiner These, auch nur weitere Anmerkungen, die ich in meine Blase werfe, in der Hoffnung, ein paar „Ging mir auch so“-Antworten zu bekommen. Ich versuche wenigstens ein paar auf Dich eingehende Bemerkungen, auch wenn die Brut schon wieder auf Mittagessen wartet (also nicht die Bauernhoftiere, sondern meine Menschenkinder, hihi): Ich fand ehrlichgesagt anfangs Stefan sympathischer als Tessa (ups!) und auch (shame on me) bei der heiklen Szene, als er sie an sich reißt, küsst und er sie dann schlägt, weil sie sich über seine Potenzprobleme lustig macht, da war ich irgendwie noch mehr bei ihm als bei ihr. So richtig charming war ihre Aktion ja auch nicht. Die eine schlägt mit Worten, der andere mit der Hand. Dann kickt sie noch nach und tritt ihn mit dem Knie in den Unterleib. Ich finde, die beiden halten sich die Waage in ihrer Gewalttätigkeit. Dass ich mehr bei ihm als bei ihr bin, liegt vielleicht daran, dass ich fand, dass sie sich von Anfang an so als Opfer präsentiert: Ich musste ja den Hof übernehmen, ich musste das ja tun, weil das alle von mir erwarteten, aber ich krieg halt auch kein Dankeschön von irgendwo und das fehlt mir schon, aber das geb ich natürlich nicht zu, ich bin ja auch so tough und cool, daher leide ich still weiter, verbittere ein bisschen und performe aber weiter. Ich fand Stefan anfangs ernsthafter interessiert an der Freundschaft, ohne Hintergedanken. Ich fand, er war aufrichtiger, sie eher so „oh nerv nicht, lass mich mit meinem alten Leben in Ruhe, das ich nicht mehr habe, eigentlich vermisse, oder auch nicht, denn mein Hof und mein Leben sind doof, aber dann auch wieder nicht“. Sie ist mir zu wackelig. Vielleicht triggert mich das? Aber zur Frage nach der optischen Aufbereitung wenigstens noch: Nein, es kommt kein WhatsApp-Feeling auf, rein optisch gesehen, es steht lediglich kursiv die Uhrzeit, wer schreibt und über welches Medium geschrieben wird (ob per Mail oder WhatsApp), danach ist das Layout weiterhin wie man es bei Büchern kennt 🙂 [16:52, 26.2.2023] Thursdaynext: Oh Mann🤪, es gibt keinen Thomas, ich meinte natürlich Stefan, und sie will sich erst gegen Ende flüchten. Leider ist das auch gar nicht mehr spannend, sondern einfach nur strange, wie sie beschließt, alles hinter sich zu lassen, wobei es natürlich was hat, sich kleine Fluchten zu erträumen, nur geschieht das zu einem Zeitpunkt, zu dem sie schon völlig am Abdrehen ist. Übrigens: ICH HÄTTE ES AUCH NICHT ZU ENDE GELESEN! Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit ist da schon hilfreich. Aber wie gesagt, selbst da hab ich öfter umgeschaltet, weil ich einfach genervt war. Hmmm … stelle fest, dass wir beide das Buch nicht mochten. Du früher als ich. Also, liebes Satzzeichen: Ging mir auch so, biographisch bedingt vielleicht aus anderen Gründen. Mein Fazit: Hätte frau sich sparen können. ABER, was es mich gelehrt hätte, wenn ich nicht eh schon gewusst hätte, ist, dass WhatsApp nicht das richtige Medium für ernsthaften Diskurs ist, sie sehen das ja auch irgendwann ein und wechseln zu Emailkorrespondenz. Zumindest sind potenzielle LeserInnen nach unserem Geplauder hier vielleicht schon vorab gewarnt. Liebe Grüße, Thurs [17:27, 26.2.2023] daslesendesatzzeichen: Und jetzt, nachdem alle satt sind, doch noch etwas, was mir auffällt: Du sagst, das Buch zeige das Problem unserer Gesellschaft, dass die verschiedenen Gruppierungen kaum noch in einen Diskurs kommen – das ist richtig, finde ich auch! Das ist auch gelungen, das zeigt es in allen Belangen, und vielleicht liest sich das Buch für Leser*innen, die Unterleuten und Über Menschen nicht kennen, ganz anders als für uns „Zeh-Fans“. In deren Eindruck ist wahrscheinlich das Thema clever, frisch und anders angegangen worden mit dem vorliegenden Roman, für uns Leser*innen der vorangegangenen zwei Titel ist es (aus meiner Sicht zumindest) eine Wiederholung der ewig gleichen Themen: Kontrast Land-Stadt, arm-reich, rechts eingestellt-links eingestellt, Ost-West – und in diesem Fall vielleicht sogar Mann-Frau. Damit wir beide, Thurs, Du und ich, uns nicht auch im Kreise drehen, sollten wir an dieser Stelle einen Schlussstrich ziehen, oder gibt es noch etwas Fundamentales, was wir vergessen haben? [17:29, 26.2.2023] Thursdaynext: Klasse zusammengefasst, meine Liebe. Das passt und ich habe dem nichts hinzuzufügen.
Buchmomente, 18.02.2023
Interessanter Schlagabtausch
Ich war sehr neugierig auf das neue Buch von Juli Zeh, da mich ihre Geschichten entweder begeistern oder aber enttäuschen. Neugierig war ich aber auch, ob man merkt, dass es einen Co-Autor, nämlich Simon Urban, gegeben hat. Auf jeden Fall kann ich aber sagen: Es ist ein Buch, das mich begeistert hat. Stefan ist ein erfolgreicher Journalist, als er zufällig seine ehemalige Studienkollegin Theresa in Hamburg trifft, die das Studium abgebrochen hatte, um den landwirtschaftlichen Betrieb ihres verstorbenen Vaters in Brandenburg zu übernehmen. Doch das Treffen läuft nicht sehr harmonisch und endet in einem Streit. Trotzdem bleiben die beiden in Kontakt – und tauschen sich über Email und WhatsApp aus; über ganz verschiedene Dinge, aber gerade bei politischen Themen geraten sie immer wieder aneinander. Theresa ist verheiratet und hat zwei Kinder, doch eigentlich bleibt für die Familie keine Zeit, denn die verbringt ihre Zeit fast ausschließlich auf ihrem Hof, um ihn vor dem finanziellen Ruin zu retten. Schuld an diesem Debakel sieht sie in der verfehlten Landwirtschaftspolitik. Zwar sind ihr Klimaschutz und Energiepolitik wichtig, die Bewegung verschiedener Aktivisten empfindet sie aber als vertane Liebesmühen. Auch die Diskussion ums Gendersternchen findet sie sinnlos, da sie Gleichberechtigung nicht an Sprache alleine festmachen kann. Stefan sieht diese Dinge alle ganz anders – Friday for Future findet er großartig, das Gendersternchen einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung, außerdem arbeitet er stetig an sich selbst, immer politisch korrekt aufzutreten und zu agieren. Dass die beiden immer wieder in Streit geraten mit ihren gegensätzlichen Vorstellungen, kann man sich gut vorstellen. Dabei hat jeder gute Argumente für seine Sichtweise, und ich konnte bei vielen Themen beide Seiten gut verstehen. Ich mochte diese Auseinandersetzung um aktuelle Themen, die mich immer wieder hat innehalten lassen, um meine eigene Meinung zu hinterfragen. Beide Figuren sind in ihrem Kontext gut und konsequent gezeichnet – Theresa als Bio-Bäuerin im Kampf ums Überleben des eigenen Hofs und Stefan als Journalist in einem Kampf ums Grundsätzliche, aber eben auf dem Papier. Ich kann nicht sagen, dass ich die Charaktere mochte, eher ist es so, dass ich die Streitgespräche und auch die Auswirkungen auf die Beziehung untereinander gerne verfolgt habe. Ich kann nicht verleugnen, dass ich anfangs immer an „Gut gegen Nordwind“ denken musste, da manche Szene durchaus auch schmunzeln lässt, letztlich aber bleibt lediglich die Form des reinen Email-Romans als Parallele – die Inhalte unterscheiden sich dann doch beträchtlich. Auch sprachlich hat mich das Hörbuch angesprochen – beide haben eine ganz eigene Stimme. Damit meine ich nicht nur die Erzählstimme, also den Stil, denn jeder hat da eine ganz eigene Kommunikationsform, sondern auch die Sprecher. Max Urbacher hat eine klare, eher jugendliche Stimme, die wunderbar zu Stefan passt, der sich immer politisch korrekt auszudrücken versucht und der dadurch immer ein wenig distanziert und trocken rüberkommt. Julia Nachtmann hat den stets etwas nörgelig wirkenden Ton von Theresa sehr gut eingefangen, die immer sagt, was sie denkt und fühlt – wodurch sie sehr authentisch und nahbar wirkt. Ich habe das Hörbuch wirklich mit Spannung verfolgt und war froh, dass eine Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren von Anfang an ausgeschlossen war. Leider gibt es dann doch eine Wendung, die mir nicht gefallen hat und wegen der ich auch einen halben Stern abziehe. Gelungen ist dann aber das Ende – es ist ganz anders als erwartet, und hier hat mich das Autorenduo kalt erwischt; dabei ist es ein sehr schlüssiges Ende, das nicht klarer die beiden Positionen hätte zeigen können. Offen bleibt für mich aber die Frage – wie haben die beiden das Buch geschrieben? Ist Juli Zeh die weibliche, Simon Urban die männliche Erzählstimme? Oder haben beide alles zusammen geschrieben? Das würde mich wirklich sehr interessieren. Ein wirklich gutes Hörbuch, das immer noch nachhallt und dem ich 4,5 von 5 Sternen gebe.

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